Liebe ist furchtbar

Es sind gleich ein paar Amerikas, von denen der sensationell erfolgreiche Roman «Flammenwerfer» der 47jährigen Rachel Kushner erzählt. Nicht ohne Grund schrieb die «New York Times», derzeit spanne kein anderes Buch die Leinwand derart weit.

Bernadette Conrad
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Rachel Kushner: Flammenwerfer, Rowohlt 2015, 558 S., Fr. 33.90

Rachel Kushner: Flammenwerfer, Rowohlt 2015, 558 S., Fr. 33.90

Es sind gleich ein paar Amerikas, von denen der sensationell erfolgreiche Roman «Flammenwerfer» der 47jährigen Rachel Kushner erzählt. Nicht ohne Grund schrieb die «New York Times», derzeit spanne kein anderes Buch die Leinwand derart weit.

In Reno mischen sich die Welten

In der jungen Reno mischen sich die Welten. Renos wirklichen Namen erfährt man nicht. Aber dass sie aus Reno in der Wüste Nevadas stammt und diese Wüste am liebsten auf dem Motorrad in Rekordzeit hinter sich bringt. Später, als sie in New York lebt und beginnt, Kunst zu machen, wird sie jene Spuren, die sie rasend mit dem Motorrad in der Salzwüste zurücklegt, fotografieren.

Es sind die Gesetzmässigkeiten eines schrägen Ortes, im wilden und auch vergessenen Westen, die das Mädchen mit dem harten salzigen Kern in die New Yorker Kunstszene der 1970er-Jahre bringt. Sie verliebt sich in den italienischen Künstler Sandro Valera. «O Gott, das tut mir so leid», sagt ihre einzige Freundin. «Liebe ist furchtbar. Sie ruiniert alles Normale ausser sich selbst.» Es sind verrückte, einzigartige Menschen, mit denen Reno sich in New York umgibt und verbindet.

Der Bogen der ungewöhnlichen, grossartig von Bettina Abarbanell übersetzten Geschichte spannt sich von Reno über New York zunächst zurück in die Salzwüste von Nevada: Dort stellt Reno ihren Rekord mit einem Motorrad aus Sandros Reifen- und Motorrad-Imperium auf. «Es war nur ein Motorrad, aber es fühlte sich an wie eine Daseinsform.»

Der inzwischen millionenschwere Betrieb geht auf Sandros Vater zurück. Valera, der im Ersten Weltkrieg gekämpft und einen Deutschen mit einem Motorradscheinwerfer erschlagen hatte, ernannte Geschwindigkeit zu seinem Zauberwort. «Frauen waren in der Zeit gefangen . . . Männer bewegten sich in einem anderen Tempo fort.»

Als Sandra seine Reno auf den Familiensitz nach Italien mitnimmt, ist der alte Valera längst tot. Aber mit der Geschwindigkeit, die Reno in sich trägt, wird sie aus der Liebes- und Familiengeschichte hinaus- und in die grossen Arbeiteraufstände im Italien von 1977 hineinkatapultiert . Reno findet sich zwischen brennenden Bussen und prügelnden Polizisten: «Ich war allein und entwurzelt. Ich war durch ein Loch gefallen und in einer gewaltigen Menschenmenge gelandet.»

Sprachgewaltig und souverän

Es ist eine ungewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte, die Kushner erzählt – sprachgewaltig und souverän; von einer Art Unabhängigkeitsatem durchdrungen, der es zu einem in gleicher Weise politischen wie persönlichen Buch macht. «Schreiben ist eine Art zu leben», sagt Rachel Kushner über sich selbst. «Es spielt keine Rolle, dass es zu viele Bücher gibt, also mehr, als die Leser bewältigen können. Für die Schreibenden ist es ein Weg, am Leben und lebendig zu bleiben.»

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