Liebe ist eine wohlige Schweinerei

Pflichtprogramm für alle Kabarett-Fans: Das Parfin de siècle bringt in einer Eigenproduktion einen süffig-erotischen und sehr unterhaltsamen Wedekind-Abend auf die Bühne. Der Bürgerschreck erweist sich als Urvater aller Kabarettisten.

Hansruedi Kugler
Merken
Drucken
Teilen
Comic-Collage über den Dichter, der aus dem Elend ein verlogenes Happy End macht. Von links: Regine Weingart, Matthias Flückiger, Pia Waibel. (Bild: Urs Bucher)

Comic-Collage über den Dichter, der aus dem Elend ein verlogenes Happy End macht. Von links: Regine Weingart, Matthias Flückiger, Pia Waibel. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. «Glotzt nicht so romantisch!» – Bertolt Brechts zeitlose Publikumsschelte aus dem Jahr 1922 passte perfekt auch auf sein 1918 verstorbenes Vorbild Frank Wedekind, den Bürgerschreck und das Enfant terrible der Theater- und Kabarettbühnen. Beide verspotteten nicht nur die verklemmte Sexualität, sondern auch die lächerliche Sentimentalität in sozialen Fragen und das hohle Pathos der Politikerkaste. Generationen von Kabarettisten, Satirikern und Comedians tänzelten oder trampelten auf jenen Pfaden, die Wedekind angelegt hat – zu einer Zeit, als der öffentliche Spott gelegentlich ins Gefängnis führte oder ins Exil zwang. Wedekind hat zwar die neckisch-ironische Geste des Zynismus nicht erfunden. Aber Georg Kreislers «Tauben vergiften im Park» wäre kaum möglich gewesen ohne Wedekinds «Ich habe meine Tante geschlachtet».

«Alles Wohl beruht auf Paarung»

Der Abend ist eine äusserst unterhaltsame Lehrstunde in Kabarettgeschichte – ein nostalgischer Spass und gleichzeitig eine verblüffend zeitlose Reflexion über die melancholische Wirkungslosigkeit der Kunst. Denn nach der Pause lacht man erst über die Produktegedichte des jungen Maggi-Reklameleiters Frank Wedekind: «Alles Wohl beruht auf Paarung / Wie dem Leben Poesie / Fehle Maggi's Suppen-Nahrung / Maggi's Speise-Würze nie.» Gleich darauf bleibt einem im «Lied vom armen Kind» das Lachen im Halse stecken. Böser Spott giesst Wedekind über verlogene Kunst mit Happy End: Das blinde Kind, der taube Greis, das lahme Weib, die bärtige Jungfer, der zahnlose Hund – aus ihnen zaubert der hungrige Dichter ein wundervolles Theaterstück: «Frau Poesie schafft ohne Graus / beneidenswertes Glück daraus.» Man hüte sich aber vor vorschneller Moral. Wie sagte Bertolt Brecht ohne Ironie: «Zuerst kommt das Fressen, dann die Moral.»

Heiterer Scharfsinn

Bleischweren Moralismus spürt man denn auch keinen im Parfin de siècle. Ein Trio infernal steht auf der Bühne und schlüpft augenzwinkernd erzählend und singend in Variéte-Manier in viele Rollen. Zwei metallene Drehstühle und ein rot-grüner Paravent genügen als Requisiten, die wunderbar heitere Cabaret-Musik von Stefan Suntinger kommt aus dem Off. Matthias Flückiger wechselt geschmeidig zwischen Macho und verkniffenem Trottel (selbst der Rülpser kommt haargenau); Pia Waibel übernimmt mit Kulleraugen und zwei Haarschwänzen den vorwiegend naiv-sentimentalen Part, Regine Weingart spielt die souverän Nonchalante, untermalt von ihrer berückend-rauchigen Stimme. Sie ergänzen sich prächtig, der verspielt-abwechslungsreiche Abend hat Tempo, das scharfsinnig-heitere Augenzwinkern dominiert.

Das Recht der Fleischeslust

Und schliesslich trägt Arnim Halters Textauswahl einen treffenden Titel: «Das Fleisch hat seinen eigenen Geist.» Damit ist schon gesagt: Wedekind sang oft, sehr oft, das Hohelied der Fleischeslust gegen die Prüderie. Die Lust überkommt gleich beide Geschlechter und Wedekind steigert sich in eine wahre Philosophie der Fleischeslust: Die Liebe eine Schweinerei, die man betriebe, weil einem so wohl dabei. Aber: «Ein verliebtes Schwein / das müsse auswendig so reinlich / wie ein Engel inwendig sein.» Da bedauert man den armen Rabbi, der klagt, die Liebe sei statt körperliche Labsal so bitter gewesen wie dem Kranken die Medizin, «wir nahmen sie mit geschlossenen Augen und Würgen im Hals und nicht mehr, als der Arzt hat verschrieben». In unserer von Sarkasmus und sprachlicher Ruppigkeit überfluteten Medienwelt möchte man am liebsten aus einem Wedekind-Abend einfach nur zitieren. Denn was für charmante, zeitlos-einfache Sätze hat er doch geschrieben: «Dir fehlen am Schädel herum / die allernötigsten Schrauben.»

Weitere Vorstellungen bis 8.12. www.parfindesiecle.ch