LIEBE: Das dünne Eis der Wirklichkeit

Lisa Elsässer aus Walenstadt legt nach vielbeachteter Lyrik und Prosa ihren ersten Roman vor – ein zartes, poetisches Début. «Fremdgehen» untersucht eindringlich, was eine Ehe ausmacht und was sie aushält.

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Lisa Elsässer (Bild: Ralph Ribi (21.5.2008))

Lisa Elsässer (Bild: Ralph Ribi (21.5.2008))

Dieser Riss! Er schneidet den Buchumschlag entzwei und er schneidet eine Ehe entzwei. Wirklich? Die Autorin Lisa Elsässer macht es sich nicht so einfach, auch wenn der Titel «Fremdgehen» eindeutig scheint, auch wenn die Ausgangslage trivial ist. Doch das Leben ist nie so einfach, die Liebe erst recht nicht.

Drei Menschen, zwei Beziehungen, eine Sehnsucht. Lisa Elsässer beginnt fast am Ende der knapp fünf Jahre umspannenden Geschichte: «Dort, auf dem Weg im Wald erwogen sie zum ersten Mal die Trennung.» Und am Schluss erwähnt die Frau ihrem Mann gegenüber das nächste Treffen mit ihrem Geliebten, steigt aufs Velo, fährt zum Bahnhof und steigt in den Zug, «der in die entgegengesetzte Richtung ihres geplanten Ziels fuhr».

Linos und Julias Wege kreuzen sich zufällig. Sie schreiben einander Mails, dann Briefe, dann Liebesbriefe. Er ist Gastdozent in irgendeiner Stadt, sie ist Buchhändlerin und Familienfrau in den Bergen. Nach einem halben Jahr das erste Treffen, am Meer: «Ich muss den Briefschreiber sehen, sagte sie zu ihrem Mann, damit ich mich, dich, uns wieder besser sehen kann.» Rausch des Begehrens, Wunsch nach mehr. Julias Mann (er hat keinen Namen) zeigt Verständnis, auch weil er einst einen «Ausflug» aus der Ehe unternommen hat. In den erzählten Passagen, die einen kleinen Teil des Romans ausmachen, bleibt vieles in der Schwebe, was das Ehepaar zusammenhält. Ihre Gedankenwelten prallen aufeinander «wie ein Vogel und ein Fensterglas».

Die Ehe ist wie eine Gondel an einem Seil

Linos und Julias Mails und Briefe sind voller Poesie (hier spricht die Lyrikerin Elsässer). Euphorie und Innigkeit wechseln sich mit Zweifeln und Zorn. Eine Beziehung auf Zeit, geduldet, ziellos. Hier diese «seltsame Liebe», dieses «unglaubliche Vertrauen» aus der Schriftlichkeit; da eine gelebte, starke Ehe «wie eine Verbindung von Seil und Gondel, in der es doch Platz gab für mehr als nur diesen einen Menschen». Beide Beziehungen werden wesentlicher Bestandteil von Julias Leben. Stets trifft sie Lino am Meer oder an einem Bach: Das Fliessen als Motiv, das in ihr immer«eine wilde, kindliche Zärtlichkeit» erweckt. Julia und Lino gehen unterschiedlich um mit des andern Alltag und mit Konflikten. Misstöne schleichen sich ein, Berührungen bleiben aus. Julia fragt sich: «Willst du das alles wieder erleben» – die Autorin setzt hier kein Fragezeichen. Die Gewohnheit der täglichen Briefe behalten Lino und Julia bei, doch manches wird nie abgeschickt.

Kein Wort zu viel: Lisa Elsässer erzählt behutsam und mit einem untrüglichen Gespür für Rhythmus. «Fremdgehen» ist ebenso gut wie Jorge Bucay und weitaus besser gegen Glattauers Nordwind. Gegen Ende lässt die Erzähldichte nach. Wie die Liebe. Julia nimmt sich eine Auszeit, schreibt die gemeinsame Geschichte auf, mailt sie Lino. Dann löscht und verbrennt sie alles.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Lesung: Do, 8.6., 20.15 Uhr, Hotel Tamina, Bad Ragaz

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