Licht und Ton, oder die Suche nach Perfektion

Ein erstesmal sind wir verabredet, als Deutschland gerade gegen Portugal spielt. Das ist natürlich Pech für die drei Deutschen. Doch Guido Petzold, Stephan Linde und Christian Scholl wissen sich zu helfen.

Rolf App
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Ein erstesmal sind wir verabredet, als Deutschland gerade gegen Portugal spielt. Das ist natürlich Pech für die drei Deutschen. Doch Guido Petzold, Stephan Linde und Christian Scholl wissen sich zu helfen. Rasch raunen sie sich jeweils das neueste Resultat zu, später versammeln wir uns dann oben, in ihrem Regiehäuschen, und schauen noch ein wenig fern. Tief unter uns die verwaiste Bühne der St. Galler Festspiele. Am Abend, bei der Hauptprobe, wird Petzold das Licht steuern, Linde und Scholl sind für den Ton verantwortlich.

Zu Beginn ganz unauffällig

Linde und Scholl arbeiten am Theater St. Gallen, Petzold hat früher hier gewirkt. Jetzt zieht er als Light Designer in der Welt herum. Schon vor einem Dreivierteljahr hat er in Erfurt Regisseur und Bühnenbildner von «La Favorita» getroffen, um zu schauen, «was man machen kann». Viele seiner gegen 150 Scheinwerfer finden sich jetzt integriert ins Bühnenbild. So wichtig das Licht ist, so unauffällig soll es bleiben. «Am Anfang sieht der Zuschauer bei Tag mein Licht noch gar nicht», sagt Petzold. «Dann aber wird es immer konzentrierter, es wechselt von der Natur in die Kunst hinein.»

In der Dunkelheit entstehen dann vor der steinernen Kulisse der Kathedrale jene Stimmungen, die «La Favorita» zum Erlebnis machen. Wie stark Licht wirken kann, das hat Guido Petzold selber schon erlebt – in Bayreuth, bei «Tristan und Isolde»: «Da hat sich mir der Magen umgedreht.»

Stephan Linde und Christian Scholl haben eine andere, nicht weniger knifflige Aufgabe: Sie müssen Musik und Gesang zum Publikum bringen.

Die schwierige Akustik

Schon die Hauptprobe wird zeigen: Sogar das Klima gilt es zu berücksichtigen. «Letzte Woche war's warm, da tönte vieles hell und grell», sagt Opernchef Peter Heilker in der Pause der Hauptprobe. «Das haben wir dann korrigiert. Jetzt, bei kühleren Temperaturen, klingt es eher topfig. Aber wir werden die perfekte Klangbalance schon noch finden.» Ein ganzes Arsenal an Lautsprechern hilft dabei. Grosse, bananenförmige Lautsprecher übertragen das unter der Bühne plazierte Orchester. «Wir haben jedem Instrument sein eigenes Mikrophon verpasst», erklärt Stephan Linde. «In einer mehrstündigen Tonprobe haben wir dann die Balance gesucht.» Die Stimmen der Sängerinnen und Sänger dringen aus kleinen, geschickt unter der Bühne versteckten Lautsprechern. Den Sängerinnen und Sängern werden kleine Mikrophone angeklebt, die bei starkem Wind sogar mit kleinen Schirmchen versehen werden können. Via GPS wird der genaue Standort erfasst, Bewegungen auf der Bühne können so auch akustisch abgebildet werden.

Eine dritte Kategorie von Lautsprechern schliesslich erzeugt um die Tribüne herum ein schwaches Echo. Trotz dieses enormen Aufwands hängt vieles von Temperatur, Wind und Sitzplatz ab. «Wir versuchen das möglichst homogen hinzukriegen», sagt Christian Scholl. «Aber die Reflexion der Häuserwände lässt sich nicht steuern.»

Der Premierenabend

Was sich steuern lässt, das sehen wir am Premierenabend. Oben, in der Regie, herrscht konzentrierte Ruhe. Im ersten Raum sitzt am Lichtpult der Operateur, hinter ihm Guido Petzold und neben ihm die Inspizientin Anne Moreau. Sie ist mit allen Beteiligten unter und hinter der Bühne verbunden und steuert die Abläufe. Sie gibt auch den knappen Befehl, wenn der Operateur ein Feld nach unten rücken und eine neue Lichtstimmung erzeugen soll.

Was noch zu korrigieren ist

Im angrenzenden Raum ist das Fenster weit offen: Dort steht Stephan Linde an seinem ausladend breiten Steuerpult und lauscht. Die Partitur ist aufgeschlagen, die Stimmen der Sänger hat er mit unterschiedlichen Farben markiert. Sobald ein Sänger oder eine Sängerin dran ist, fährt Linde den Regler der entsprechenden Farbe hoch.

Derweil geht Christian Scholl immer wieder nach draussen, weil der Raum das akustische Erlebnis doch verfälscht. Aufgrund seiner Eindrücke haben die beiden denn auch dem Orchesterklang noch etwas Brillanz verliehen und die zu laut klingende Pauke zurückgenommen.

Just während der Festspielpremiere spielt die Schweiz gegen Frankreich. Christian Scholl weiss auch jetzt bestens Bescheid. Er hält mir sein Smartphone hin: 0:4 steht es schon. Oh, nein!

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