Buchtipp: Tiefer Riss durch Mutterliebe

«Frau im Dunkeln» heisst der neu übersetzte dritte Roman von Elena Ferrante. Mit brutaler Ehrlichkeit beleuchtet die Autorin darin den Mythos der Mutterschaft.

Anne-Sophie Scholl
Drucken
Teilen

Eine junge Mutter am Strand, und ihre kleine Tochter, die sich strahlend zu ihr hochreckt: «Die junge Frau war schön, doch erst ihr Muttersein machte sie zu etwas Besonderem, sie schien nur ihre Tochter im Sinn zu haben.» Es ist ein ikonisches Bild, das Elena Ferrante an den Anfang ihres dritten Romans «Frau im Dunkeln» stellt. Das Original war 2006 publiziert worden. 2007 erschien es auf Deutsch – von Publikum und Kritik kaum beachtet, wie die anderen frühen Romane der Autorin. Erst «Meine geniale Freundin» ebnete ihr den Weg. Wie rohe Edelsteine leuchten die frühen Texte, die der Verlag nun in der neuen Übersetzung von Karin Krieger vorlegt.

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Elena Ferrante: Frau im Dunkeln

Leda, 48, eine Literaturwissenschafterin, beobachtet die junge Mutter. Sie ist hingerissen von dem Bild, gleichzeitig ist es Anlass für sie, ihr eigenes Leben zu reflektieren. Sie ist nicht das, was als gute Mutter gilt. Ihre ­eigenen Töchter sind aus freien Stücken zum Vater gezogen. Doch Bianca und Marta hatten früher schon mit dem Vater allein gelebt. Als sie noch klein waren, hatte Leda die Familie verlassen. An der Uni hatte sich ihr eine Tür aufgetan. Sie hatte «ein seliges Gemisch aus geistigem Triumph- und körperlichem Glücksgefühl» gespürt, wo vorher nur die «Leere der vergangenen Jahre» ihres Mutterdaseins gewesen war: «Ich war überwältigt von mir selbst. Ich, ich, ich: Das bin ich, das kann ich, das muss ich machen.» Leda war diesem Gefühl gefolgt.

Ferrantes weiblicher Blick ist schonungslos

Elena Ferrante schreibt in drastischen Bildern. Geburt zeichnet sie als Klumpen Fleisch, der vom Mutterkörper in einem Kampf widerstrebender Kräfte ausgestossen wird. Sie zeigt Leda, wie sie in ihren Töchtern einen Teil ihrer selbst ausserhalb des eigenen Körpers wachsen sieht, wie sie ihre Töchter beobachtet und registriert, wie ungleich ihr Erbe auf die beiden verteilt ist, wie ihr das Fremde an den beiden ­eigentlich viel besser gefällt. Überrascht und verwirrt hatte sie schliesslich festgestellt, wie sie sich durch Biancas und Martas Weggehen nach Kanada erleichtert fühlte, «als hätte sie sie erst in diesem Moment endgültig auf die Welt gebracht». In der jungen Frau mit Tochter am Strand glaubt Leda den Inbegriff eines glücklichen Mutterdaseins zu ­sehen. Die Frau heisst Nina, das erfährt Leda bald. Ihre Tochter heisst Elena – und dann ist da noch Elenas Puppe Nani mit einer ganzen Reihe von weiteren Kosenamen. Mutter und Kind spielen zuweilen gemeinsam mit der Puppe und scheinen dabei zu einer harmonischen Verbindung über die Generationen hinweg zu verschmelzen. «In der Beziehung mit ihrer Puppe lag mehr erotische Kraft als in der Sinnlichkeit, die sie als Jugendliche oder Erwachsene erleben würde», denkt Leda, als ihr Blick auf Elena verweilt.

Wiederkehrende Motive wie Neapel
und der Schutz der Famile

Doch auch Nina beobachtet Leda, die selbstbewusste, gebildete, unabhängige Dame aus der Stadt. Und bald bekommt das ikonische Bild der glücklichen Mutter Risse. Nicht nur die Geburt, das ganze Mutterdasein ist ein Kampf widerstrebender Kräfte, den Elena Ferrante bald mit dem Thrill eines Krimis inszeniert. «Sich loszulösen, sich leicht zu fühlen, ist kein Gut, es ist grausam gegen sich selbst und die anderen», will Leda der ­jungen Frau auf den Weg geben. Elena Ferrante kehrt in ihren Büchern immer wieder zu ihren Themen und Motiven zurück: das einfache Neapel, der Schutz und die Enge der Familienclans, die Sehnsucht nach Ausbruch, Aufstieg und Selbstverwirklichung, von Anziehung und Konkurrenz geprägte Frauenfreundschaften, die sprechende Klangverwandtschaft der Namen, symbolisch aufgeladene Puppen, der unabhängige und schonungslose weibliche Blick. Das alles ist da. Doch das knapp 200-seitige Buch zeigt die Mutterschaft in einem harten Licht. Wie Pole, die sich wechselseitig anziehen und abstossen, kreisen die beiden Mütter umeinander. Der rohe Blick in seiner Ehrlichkeit und seiner ganzen Ambivalenz rührt an ein letztes grosses Tabu unserer vermeintlich tabulosen Zeit.