LESUNG: Mit Kunstdialekt zum «Föhn»

Urs Widmer hat seinen letzten Text dem Föhn gewidmet. Morgen kommt die mythisch vertonte Version in die Hauptpost.

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Vor vierzig Jahren hat der Teufener Jungschriftsteller Peter Morger (1955–2002) einen Brief an Urs Widmer notiert. Eingenommen von Widmers Nachwort in einem Robert-Walser-Lesebuch und erwärmt von der Idee, dem Arrivierten begegnen zu dürfen, phantasiert Morger ein Stelldichein. Nach Rotwein wechselte man zum Du und sässe in null Komma nichts auf Augenhöhe. Das Treffen ist zwar nach Frankfurt phantasiert, nicht im Bergdorf «Föhntal» am Flüsschen mit dem Namen «Föhne», aber sonst ist alles echt. Man wird das Briefblatt zu den «ungeschickten» Briefen zählen müssen, so wie es «ungehaltene» Reden gibt.

Morger ist seinen Weg gegangen und hat ihn abgebrochen, uneinholbar das Idol Widmer. Den Adressaten Widmer hat man danach, hier und da, in der Ostschweiz treffen können; vor drei Jahren ist auch er verstorben. Derzeit aber noch unvergessen: Widmers Partitur mit Titel und Thema «Föhn», ein mythisches Stück, von Regisseur Christian Zehnder inszeniert, vom Musiker Fortunat Frölich vertont, wird durch den Berufssprecher Hansrudolf Twerenbold lebhaft.

Elementare Gewalt und menschliche Triebhaftigkeit

Zu erwarten sind – an alpinem Schauplatz unter fatalem Wetter – theatralische Szenen, Suaden, Dialoge. Für die Gespräche ­zwischen Bauer und Bäuerin hat Widmer einen Kunstdialekt ­erfunden; in des Autors Regie­anweisungen ist ausdrücklich gewünscht, dass die Dialoge von Mann und Frau überlaut und mit Fistelstimme zu interpretieren seien. Die CD, die der Buchausgabe beiliegt, setzt das um.

Die Wechselrede des Paares hat nicht nur den Lärm eines Bergbachs zu übertönen; die ­beiden Figuren, existenziell Benachteiligte, sollen als Opfer der ­Verhältnisse erscheinen, sowohl elementarer Gewalt als auch menschlicher Triebhaftigkeit. Es sagt etwa die migränegeplagte Bäuerin auf die Klage des Bauern, in «settigem hüeri Chräche» wisse man ewig nicht, wo einem der Kopf stehe: «Winn d Sünne gsih wötsch, griegsch e schtiffs Gnigg.» Die kopfwehgepeinigte Antwort lautet: «Mr lenggt lingschtins, wäs i gsih. Gräs, Schtei, Brinnissle.»

Zwischen so beschaffenen Wortwechseln waltet orgiastisch der Föhn. Das Dorfkollektiv duckt sich. Eine Föhnfrau figuriert als Rasende. Ein Chor aus Männerstimmen schildert Sturmwind-Katastrophen. Die Eklipse des Passdorfes, unterm 4300 Meter hohen «Mannsberg» gelegen, überleben vielleicht nur die zwei Bauersleute. Eine ihrer neunzehn Föhnwetter-Regeln lautet: «Rechter Föhn reisst Mann und Weib / Hos und Rock im Nu vom Leib.»

Rainer Stöckli

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Di, 21.2., 19 Uhr, Hauptpost, Raum für Literatur, St. Gallen