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Peter Bichsel: «Lesen ist nicht nützlich»

Der Autor Peter Bichsel ist eine lebende Legende der Schweizer Literatur. In einem Interviewband erfährt man, warum seine Ehe 50 Jahre lang hielt, was moderne Literatur ist und warum ihn Schweizer Politik zornig macht.
Hansruedi Kugler
Immer mit einem Lächeln unterwegs: Peter Bichsel. (Bild: Niklaus Stauss/Keystone (Solothurn, 28. Mai 2018))

Immer mit einem Lächeln unterwegs: Peter Bichsel. (Bild: Niklaus Stauss/Keystone (Solothurn, 28. Mai 2018))

Gut zu Fuss ist Peter Bichsel nicht mehr. Wenn man ihn in Solothurns Gassen bedächtig aus dem Taxi steigen sieht oder wie der 83-Jährige auf seinen Stock gestützt auf ein Podium ächzt, dann hält man unwillkürlich den Atem an. Dann sind Ehrfurcht und Bewunderung im Saal mit Händen zu greifen. Was rührend ist und auch ein wenig komisch. Denn kaum ein Autor ist so freundlich und zugänglich wie Peter Bichsel. Er ist einer, zu dem man in der Beiz ungeniert an den Tisch sitzen kann. Er plaudert gerne mit den Menschen. Die Solothurner fürchten denn auch seit Jahren um die Gesundheit ihrer literarischen Legende. Aber wenn Bichsel dann auf einer Bühne, einem Podium zu erzählen beginnt, dann ist er für die Moderatoren ein unzeitgemässer Bremser, macht unendlich lange fünf Sekunden Pause, bevor er in druckreifen Sätzen weiterfährt – und lässt sich dabei von keinem noch so eifrigen Zwischenfrager irritieren. Ein Original. Das hat auch die Kulturjournalistin Sieglinde Geisel erlebt, als sie Peter Bichsel im Frühling 2018 für mehrere lange Interviews in seinem Arbeitszimmer in Solothurn traf. Sie sass dabei unter Max Frischs Pfeife, die Peter Bichsel eingerahmt an der Wand hängen hat.

Im 200 Seiten dicken Band «Was wäre wenn?» lernt man den Solothurner Autor in seiner ganzen Breite kennen: von der kindlichen Religiosität und den lange verständnislosen Eltern über seinen Lehrerberuf, den frühen schriftstellerischen Erfolg mit dem «Milchmann», seine tolle Frau, die er schon mit 21 Jahren geheiratet hat, die moderne Schweizer Literatur bis hin zum politischen Denker, lebenslangen Sozialdemokraten und Kolumnisten, der sich auch heute noch in Zorn redet, wenn er die «Totaldemokraten» der SVP kritisiert und der Schweiz eine zynische Wirtschaftspolitik vorwirft.

Notizen halten vom Leben ab

Es ist ein sehr persönliches Buch geworden, witzig und voller pointierter Anekdoten. Wie in seinen Kurzgeschichten versteht es Peter Bichsel auch im Interview, erzählend Treffer zu landen. Etwa zu Max Frisch, mit dem er eng befreundet war: Bichsel verehrt Frisch, weil dieser der neuen Schweizer Literatur auf die Beine geholfen hat – als Vorbild und freundschaftlicher Unterstützer. Aber er fand ihn auch unheimlich: Nach Treffen mit Frisch habe er oft zu seiner Frau Therese gesagt: «Weisst Du, was ich nie werden will? Ein Schriftsteller.»

Bichsel war da bereits ein erfolgreicher Autor. Aber nicht so ausschliesslich wie Frisch. «Für Frisch war alles, was keine Literatur abwirft, verlorene Zeit.» Frisch sei den ganzen Tag Schriftsteller gewesen. «Ich könnte mir vorstellen, dass er über eine neue Freundin gleich an dem Tag, an dem er sie kennen lernte, die ersten Notizen machte.» Er selbst mache keine Notizen, führe keine Tagebücher, sagt Bichsel. Das halte vom Leben ab.

«Ich durfte lesen und musste nicht im Garten helfen»

Schriftsteller ist Peter Bichsel aber nicht wegen Max Frisch geworden. «Ich habe angefangen, Geschichten zu schreiben, noch bevor ich alle Buchstaben kannte.» Drei Bücher pro Woche habe er als Kind gelesen. Seine Rechtschreibeschwäche war ihm dabei nützlich: «Die Lehrer sagten: Er sollte mehr lesen! Und so durfte ich lesen und musste nicht im Garten helfen.» Mit 12 Jahren habe er schon den ganzen Goethe gelesen – auch wenn er kaum etwas verstanden hatte. Bichsels Erklärung:

«Leseförderung geht davon aus, dass Kinder lesen, wenn sie den Text verstehen. Ich bin überzeugt, dass das ein Irrtum ist: Kinder lesen, weil sie nicht verstehen.»

Das ist denn auch sein Motto für das eigene Schreiben und die Definition moderner Literatur: «Ich schreibe, weil ich es nicht kann. Schreiben ist ein andauerndes Umgehen mit dem Nichtkönnen.» Abgesehen davon, dass moderne Literatur immer auch die eigene Künstlichkeit reflektiere, sei gerade dies der Unterschied zu Trivial­literatur: «Der Trivialautor ist ein Autor, der es kann, er kann die Bedürfnisse der Leser befriedigen.» Hinzufügen müsste man: Moderne Literatur ist ständiges Umgehen mit dem Nichtverstehen der Welt und sich selbst, bleibt deshalb immer offen.

Bichsels Selbstzweifel – er hat ein vergleichsweise dünnes Werk – mögen damit zusammenhängen. Zumindest erzählt er in einer herrlichen Anekdote: Wenn ihm drei Sätze gelungen schienen, habe er diese seiner Frau vorgelesen. Ihre Reaktion: «Wunderbar, fantastisch, sehr gut!» Wenn er die Seiten anderntags zerriss, sei ihre Reaktion gewesen: «Das hast Du gut gemacht!» Was für ein enormes Wohlwollen! Auch in Zeiten, als kein Geld da war, habe sie zu ihm gesagt: «Mach nur, das geht schon.» Bichsel erklärt die 50 Jahre dauernde Ehe, die mit dem Tod seiner Frau endete: «Vielleicht waren wir zu faul, es zu ändern. Oder es ist uns zur Gewohnheit geworden. Ich mag Gewohnheiten.»

Kultur taugt nicht mehr als Renommiergehabe

Peter Bichsel spricht meist mit gelassener Freundlichkeit über sein Leben und die Literatur. Die gesellschaftliche Wirkung von Literatur hängt er erstaunlich tief: «Kein einziges Buch hat je die Welt verändert, nicht einmal die Bibel.» Warum dann aber überhaupt schreiben? Bichsel zögert: «Man muss dem Autor zugestehen, Unnützes zu tun.» Und meint dann ironisch, Literatur verweigere sich dem Wahnsinn der wirtschaftlichen Optimierung. Würden sich ein Hobby­fischer, ein Hobbybergsteiger und ein Hobbyleser auf eine Stelle im mittleren Management bewerben, sei klar: Der Leser werde die Stelle sicher nicht bekommen, «das könnte ja ein Träumer sein, dem der Realitätsbezug fehlt.» Und dann erzählt er von einer schwer Depressiven, die den Suizid immer verschob aus einem Grund: Dann könne sie nicht mehr lesen. Lesen als Überleben.

Als Mitgründer der Solothurner Literaturtage hat Bichsel grossen Anteil daran, dass die aktuelle Schweizer Literatur so lebendig ist. Lukas Bärfuss bewundert er, dieser wolle «ganz allein die Welt verändern, und ich finde es fantastisch, wie er das macht, mit seinem einsamen Kopf.» An den Literaturtagen scheint ihm aber der Zwiespalt der Literatur deutlich auf: einerseits die Solidarität der Lesenden, die sich als Minderheit zusammentun.

Andererseits gehe er nicht mehr an Lesungen von jungen Autoren: «Es drückt mir das Herz ab. Da sind so wahnsinnige Hoffnungen dabei. Dabei gibt es inzwischen auch hochtalentierte Gescheiterte. Die gab es vor fünfzig Jahren noch nicht.» Er habe auch von Büchern, die verrissen worden sind, 50000 Exemplare verkauft. Gelebt habe er aber vor allem von Lesungen, ein bisschen auch von Kolumnen. Den Rückgang der Buchverkäufe sieht er nüchtern: «Das Kulturbürgertum gibt es nicht mehr. Die Leute haben Kultur als Renommiergehabe nicht mehr nötig.»

Neutralität hält Bichsel für eine zynische Profitpolitik

Peter Bichsel spricht im Interview freimütig über den SP-Bundesrat Willi Ritschard, für den er Reden schrieb. Dessen Enttäuschung, man könne als Bundesrat nichts verändern, färbt auch auf Bichsels politische Einschätzungen ab. Der lebenslange Sozialdemokrat ereifert sich über die von ihm als zynisch empfundene Neutralität, die nur auf den Profit schaue: «Der ganze Diamantenhandel geht über die Schweiz. Als die ganze Welt gegen Südafrika ein Embargo ausgesprochen hatte, um die Apartheid zu beenden, hatten wir uns das unter den Nagel gerissen.»

Unsere Gegenwart hält Bichsel für unpolitisch und vermisst die fantasievolle Politisierung der 68er. Vor allem aber fehlt ihm das Erzählen. Diese Fähigkeit drohe zu verschwinden. Wo jeder eine Aussage sofort auf seinem Smartphone überprüfen könne und online alles live verfolgt werde, brauche es niemanden mehr, der erzählt.

Peter Bichsel: «Was wäre wenn?» Ein Gespräch mit Sieglinde Geisel. Kampa Verlag, 208 S., Fr. 35.-

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