Interview

Neue Leiterin der Solothurner Filmtage verrät Eröffnungsfilm – das Thema überrascht

Die Bielerin Anita Hugi leitet neu die Solothurner Filmtage. Ausgabe Nummer 55 findet vom 22. bis zum 29. Januar 2020 statt. Was der Eröffnungsfilm wird und welche Themen die kommenden Filmtage prägen, verrät sie uns jetzt schon.

Interview: Daniel Fuchs
Drucken
Teilen
«Ich glaube nicht an Hauruckübungen, sondern gehe lieber konsequent nach vorn»: Anita Hugi leitet seit diesem Sommer die Solothurner Filmtage. (Bild: Colin Frei)

«Ich glaube nicht an Hauruckübungen, sondern gehe lieber konsequent nach vorn»: Anita Hugi leitet seit diesem Sommer die Solothurner Filmtage. (Bild: Colin Frei)

Auf Seraina Rohrer folgte im Sommer mit Anita Hugi die zweite Frau an der Spitze des wichtigsten Filmfestivals für den Schweizer Film, die Solothurner Filmtage. Wir treffen Hugi in der «Kulturgarage», einer ehemaligen Autogarage in Solothurn.

Kurz gewährt sie uns Einblick in einen Raum, in dem acht hohe Schalttafeln an den Wänden stehen. Jede symbolisiert einen Festivaltag zwischen dem kommenden 22. und 29. Januar. Zettel markieren die einzelnen Filme. Erst Mitte Dezember wird über das komplette Programm informiert. Deshalb schliesst Hugi das Räumchen wieder ab und vergewissert sich, dass die heruntergelassenen Storen Einblicke verhindern.

Sie kehrten von Montreal vom internationalen Filmschaffen zurück an den Jurasüdfuss ins Filmschaffen der kleinen Schweiz. Hatten Sie keine Mühe damit?

Anita Hugi: Nein überhaupt nicht, ich sehe da vor allem Gemeinsamkeiten. Montreal ist eine Kulturmetropole, auch in der Schweiz hat die Kultur einen hohen Stellenwert. In Montreal stehen die Leute für einen Kinoeintritt bei minus 30 Grad Celsius während Stunden an. Diese Bereitschaft, sich für die Kultur zu bewegen, die ist auch hier in Solothurn spürbar, auch wenn während der Filmtage die Temperatur nicht ganz so eisig ist.

Kalte Füsse sind aber auch an den winterlichen Filmtagen Programm.

Ich hatte noch nie kalte Füsse und während den Filmtagen kaum Wartezeiten erlebt. Im Gegenteil: Mit dem Ticketsystem kann man sich online bequem im Voraus organisieren. Gleichzeitig gibt es an der Festivalkasse weiterhin genügend Papierbillette. Vor der Türöffnung kommt es manchmal zu diesen schönen Momenten der Vorfreude, wenn die Türe noch zu ist und sich das Publikum versammelt. 

«Das gemeinsame Hineingehen in einen Kinosaal und Eintauchen in eine Welt, der Austausch nach einem Film, das alles gehört ebenso sehr zur Magie des Kinos.»

Sie sind erst seit dem 1. August im Amt. Wie haben Sie sich eingelebt?

Sehr gut. Es ist ein Comeback, denn ich bin ja aus der Region. Auch mit dem Team fühle ich mich sehr wohl. Die drei Monate, die ich nun hier bin, waren sehr intensiv. Es ist die Zeit, in der bei den Filmtagen viel passiert. Die Hauptaufgabe war die Sichtung und Auswahl der eingereichten Filme.

Zur Person

Die gebürtige Grenchnerin Anita Hugi (44) hat im August die Leitung der Solothurner Filmtage von Seraina Rohrer übernommen. Hugi wuchs in Biel auf und gestaltete nach ihrem Übersetzerstudium in Zürich und Strassburg seit 2005 Produktion und Programm der «Sternstunde Kunst» des Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).

2016 bis 2018 leitete Anita Hugi als Programmdirektorin das Festival International du Film sur l’Art in Montréal, Kanada. Daneben war Hugi als Jurorin, Dozentin sowie als Regisseurin und Produzentin einer eigenen Filmfirma tätig. Anita Hugi lebt mit ihrem Partner in Biel. (dfu)

Welche Themen haben sich dabei dieses Jahr herauskristallisiert?

Die Filme bilden ein breites Spektrum an gesellschaftlichen Themen ab. Mir ist wichtig zu betonen, es sind nicht wir, die die Themen definieren, sondern die Filmschaffenden mit ihren Filmen selbst. Auffallend ist aber, wie viele sich mit dem Krieg in Syrien und seinen schrecklichen Folgen für die syrische Zivilbevölkerung beschäftigen. Das Leid der Menschen und der Umstand, dass die Weltpolitik diesem Leid nicht begegnet – das beschäftigt die Schweizer Filmschaffenden sichtlich. Und wie mehrere Filme des kommenden Programms zeigen auch die Schweizer Bevölkerung.

Wie deuten Sie diesen Fokus auf das Thema?

Das Leid der Menschen dort und auf der Flucht beschäftigt auch hier, auch wenn es nicht mehr Thema der Tagesaktualität ist.

Welchen Beitrag kann der Film hier leisten?

Film ist ein sehr zugängliches Medium. Er schafft es, das Thema aufzugreifen und den Menschen näherzubringen. Ein Film schafft einen Zeit-Raum, während dem man sich öffnet, um über ein Thema nachzudenken. 

«Das gleiche gilt für das Festival, es schafft Raum für die Reflexion und den Austausch.»

Wie erklären Sie sich, dass der Syrienkrieg gerade jetzt thematisiert wird im Schweizer Film?

Ich denke, die Filmschaffenden wollen damit sagen, wir dürfen uns nicht gewöhnen an das Leid.

Was sind andere dominierende Themen in den Filmen, die Sie nun gesehen haben?

Der Klimawandel ist ein weiteres Thema, das sich durchzieht.

Und der Eröffnungsfilm?

Dieser widmet sich einem ganz anderen, ebenso aktuellen wie historischen Thema: der Fichenaffäre. Ich werde die 55. Solothurner Filmtage mit der Uraufführung des Spielfilms «Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky eröffnen. Exakt 30 Jahre ist es her, seit die parlamentarische Untersuchungskommission unter der Leitung von Josi Meier und Moritz Leuenberger ihren Bericht präsentierte. 700000 Personen und Organisationen wurden jahrelang überwacht, jeder zwanzigste Schweizer, jeder dritte Ausländer wurde fichiert. Man muss sich das einmal vorstellen! Lewinsky erinnert mit seinem fulminanten Spielfilm ebenso zugänglich wie pointiert an die damalige Zeit.

Das erste Bild, das zu «Moskau Einfach!» veröffentlicht worden ist. (Bild: Vinca Film)

Das erste Bild, das zu «Moskau Einfach!» veröffentlicht worden ist. (Bild: Vinca Film)

Dramatische Momente waren das damals. Ist der Film auch lustig?

Oh ja, er hat Witz und Verve! Es ist eine leichtfüssige Komödie trotz der Schwere und Komplexität des Themas. Lewinskys Film ist eine sehr unkonventionelle Annäherung an die Thematik, sehr vorsichtig, aber umso intelligenter angedacht und äusserst charmant.

Wovon handelt er im engeren Sinn, und wen bekommen wir zu sehen in den Hauptrollen?

Nur so viel: Er handelt von einem Polizisten, der eingeschleust wird ins Schauspielhaus Zürich. Dort wird er Teil eines Ensembles, über dessen Mitglieder er Informationen sammeln soll. Der Agent wird gespielt von Philippe Graber. In weiteren Rollen sind Miriam Stein und Mike Müller zu sehen.

Welche Brücken in die Gegenwart soll der Film schlagen?

«Ich hoffe, er kann das Thema Überwachung einem jüngeren Publikum vermitteln, das den Fichenskandal nicht direkt mitgekriegt hat.»

Der Fichenskandal ist ein prägendes Kapitel Schweizer Geschichte. Im März 1990 demonstrierten 30000 Personen in Bern gegen diese flächendeckende Überwachung.

Was erhoffen Sie sich konkret?

Dass die Jüngeren sich dafür interessieren, selber Fragen stellen. Schon nur auf Wikipedia übrigens ist der damalige Bericht von Moritz Leuenberger und Josi Meier verlinkt und vollständig vorhanden. Wenn der Film hilft, unser Bewusstsein zu schärfen, wie wichtig unsere persönlichen Freiheiten und auch unsere Daten sind, die wir immer und überall preisgeben, dann ist eine wichtige Debatte angestossen. Auf Französisch sagt man dazu: «Si c’est gratuit, c’est toi le produit. – Wenn etwas gratis ist, wirst du selbst verkauft.»

Sie sagten, Sie wollen mehr Junge an die Solothurner Filmtage holen. Was planen Sie konkret?

Wir planen zusätzliche Programmpunkte, zum Beispiel mit der Bieler Band Puts Marie. Sie hat letztes Jahr den Preis für den besten Schweizer Videoclip gewonnen. Videoclips gehören seit langem zum Programm der Filmtage. Mit dem Konzert von Puts Marie am Eröffnungsabend sind neue Akzente von Anfang an Teil des Programms. Und am Samstag, 25. Januar, feiern wir zum allerersten Mal das Fest der Schweizer Filmhochschulen, eine grosse Party auf dem Attisholz-Areal vor den Toren Solothurns.

Sie verlassen die Heimstätte der Filmtage?

Ja, wir brechen die Ränder auf, für einen Abend. Das Areal liegt etwas ausserhalb Solothurns. Wir richten dann einen Shuttle-Betrieb ein von 17 bis 5 Uhr in der Früh. Es ist ein toller Ort, den die Schweiz noch nicht wirklich kennt. Doch für mich ist ebenso klar: Solothurn bleibt der Gastgeberort.

Was können Sie uns sonst noch verraten punkto Programm?

Wir zeigen die Weltpremiere der digital restaurierten Fassung von «Anna Göldin – letzte Hexe» von Gertrud Pinkus in einer Spezialvorführung als Samstagabend-Event. Zu den vielen anderen Premieren und Filmen, die im letzten Jahr entstanden sind, kann ich leider noch nichts sagen: Die Enthüllung des gesamten Programms findet erst am 12. Dezember statt.

Sie freuen sich sichtlich. Wie gut kennen Sie die Filmtage eigentlich aus eigener Erfahrung?

Ich war schon sehr oft an den Solothurner Filmtagen, als Filmfan und Filmschaffende. Nun folgt ein Perspektivenwechsel. Es ist ein wenig wie die Sicht auf einen Teppich. Sieht man ihn von oben, erkennt man das vielseitige Muster eines sorgfältig gestalteten Programms. Schaut man ihn sich von unten an – und das tue ich jetzt als Direktorin der Filmtage – kann man sehen, wie die Teile miteinander verknüpft sind, was es alles braucht für die Aussenwirkung.

Will nicht alles über den Kopf stellen: Anita Hugi während des Gesprächs mit dieser Zeitung. (Bild: Colin Frei)

Will nicht alles über den Kopf stellen: Anita Hugi während des Gesprächs mit dieser Zeitung. (Bild: Colin Frei)

Und wollen Sie diesen Teppich anders knüpfen?

Ich setze zuerst auf Kontinuität. Im Filmtageteam und in der Stadt Solothurn gibt es ein enormes Know-how. Ich glaube nicht an Hauruckübungen und gehe lieber konsequent und stetig nach vorn. Es wäre nicht meine Art, hier alles auf den Kopf zu stellen, nur um sofort sichtbar zu machen, dass hier jemand Neues am Werk ist. Das ist auch nicht nötig. Hier gibt es zum Beispiel traditionell einen äusserst sorgfältigen Auswahlprozess.

Erzählen Sie uns etwas darüber.

Er nahm den ganzen Oktober in Anspruch, jeden Tag, von früh bis spät, auch am Wochenende. Es ist eine Art «Spezialität» der Solothurner Filmtage, hier schauen wir uns alle eingereichten Filme auf Kinoleinwand an. Meine Vorgängerinnen und Vorgänger haben das auch so gemacht. Ich sehe es als eine ebenso aufwendige wie effiziente Art, die eingereichten Filme mit der gebührenden Sorgfalt zu selektionieren. Man muss sich die Filme in den bestmöglichen Konditionen anschauen. Viele Festivals haben heute das Problem, dass sie von Einreichungen überflutet werden und Mühe haben, überhaupt alles zu sichten. Wir in Solothurn haben zwar mit über 600 Filmen auch viele Einreichungen, aber wir haben das wirklich ins Zentrum gestellt, dieses gemeinsame Anschauen der Filme.

Eine komplette Werkschau des Schweizer Films ist nicht möglich?

Nein, wir müssen auswählen. Wir können in acht Tagen keine 600 Filme zeigen. Unser Ziel liegt darin, den Schweizer Film sichtbar zu machen. Wir wollen ihn zeigen in seiner ganzen Bandbreite und Vielschichtigkeit. Wir wollen nicht nur makellose Filme zeigen, die aufgrund eines Algorithmus ausgewählt worden wären, sondern wir zeigen Filme, die auch ein Risiko eingehen. 

«Es sollen starke Filme sein, die etwas wollen.»

Ein paar Kurzfragen, bei denen Sie bitte zwischen Option A und B auswählen wollen.

Auf geht’s!

Also los: Streaming oder lineares Fernsehen?

Streaming.

Kino oder Filmfestival?

Filmfestival.

Locarno oder Zürich?

Solothurn.

Das ist entgegen der Spielregel.

Beim Film geht es oft darum, Regeln zu durchbrechen, um neue Perspektiven zu bieten.

Frauen an der Spitze von Filmfestivals sind in der Schweiz auch schon fast die Regel. Was bringt das für die Gleichstellung beim Film?

Es zeigt eines: Solange wir immer noch darüber sprechen, ist es halt noch keine Normalität. In Solothurn jedenfalls erhielt ich mehrheitlich positive Rückmeldungen. Hier, so mein Eindruck, ist man glücklich darüber, dass wieder eine Frau Direktorin der Filmtage ist.

Sie haben die Leitung von Ihrer Vorgängerin Seraina Rohrer übernommen. War sie fürs aktuelle Programm noch involviert?

Mit der Rencontre-Filmreihe. Das ist ein Projekt, das schon seit mehr als einem Jahr vorbereitet wird. Es widmet sich der Dokfilmerin Heidi Specogna. Diese ist eine prägende Schweizer Filmemacherin, und das wollte ich unbedingt beibehalten. Das aktuelle Programm entstand aber natürlich erst jetzt: Die Filme wurden wie jedes Jahr ab Ende August eingereicht. Ich konnte so mit dem tollen Team gleich voll loslegen.

Dann ist bereits alles bereit?

Diese Woche sind wir mit dem Programm fertig geworden. Am 12. Dezember wird alles enthüllt und der Vorverkauf eröffnet. Die Besucherinnen und Besucher erwartet ein starkes Programm. Ich freue mich sehr darauf!