Leiser Auftakt von «Wortlaut»

Am Donnerstagabend fand im Raum für Literatur in der Hauptpost der Auftakt zum fünften Literaturfestival statt. Zum erstenmal sind die Veranstaltungen auf drei Tage verteilt. Zu viel des Guten?

Brigitte Schmid-Gugler
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Der Lyriker und Zeichner Werner Lutz liest zur Eröffnung der Literaturtage «Wortlaut». (Bild: Urs Jaudas)

Der Lyriker und Zeichner Werner Lutz liest zur Eröffnung der Literaturtage «Wortlaut». (Bild: Urs Jaudas)

Der Auftakt war flau. Es kamen anstatt der erwarteten 70 bis 80 Leute nur circa die Hälfte. Darunter ein Grossteil jener, die als Mitveranstaltende selber Teil des Festivals «Wortlaut» sind. Der Stadtpräsident persönlich läutete diese mit einem mässig lauten Grusswort ein, darauf hinweisend, dass Buch- und Wortkunst ein wichtiger und aus langer Vergangenheit gewachsener Beitrag zum kulturellen Stadtleben darstelle. Schön war sein Nachdenken über die Magie des Vorlesens einerseits und des Zuhörens andererseits – das Geheimnis der «Wortlaut»-Tage schlechthin. Im «Sack voller Samenkörner», wie André Gide das Buch bezeichnet habe, fand sich nebst den zahlreichen Wortorten dieses Wochenendes auch die erste Wortschau mit – im erweiterten Sinne – hiesigen Autoren.

Musik und Poesie

Vier ursprünglich aus der Ostschweiz stammende Schreibende gaben Kostproben ihrer Schreibkunst Sie wurden dabei äusserst virtuos und geschmeidig durch den durch alle denkbaren Musikstile schwirrenden jungen Hackbrettspieler Christof Pfändler begleitet. Pfändler galt schon als Kind als Ausnahmetalent. Er absolviert zurzeit an der Hochschule in Luzern das Studium für Volksmusik.

Den Anfang der Lesung machte die im Kanton Thurgau lebende Andrea Gerster; ihr letzter Roman mit dem Titel «Schandbriefe» erschien 2010. Sie las aus ihrem noch unveröffentlichten Roman «Ganz oben». Auch ohne bestimmte Zusammenhänge herauskristallisieren zu können oder einen Plot zu kennen, zieht es einen hinein in die Denkschlaufen und Reflexionen eines Mannes, dessen Leben «den Bach runterging». Der ganz oben angekommen war und dort, vermutet man im Zuhören, von der eigenen Niedertracht eingeholt, die «Rollen» vertauscht und vom Jäger zum Gejagten wird.

Vom «Miniaturenmeister» Werner Lutz darf sich das Publikum ein Ohr voll seiner leichten Lyrik von dessen Lippen schöpfen. Er selber, wie er so dasitzt in seiner eigenen leisen Ruhe und Bescheidenheit, ist Poesie, die leuchtenden blauen Augen lesen Kürzestgedichte wie dieses: «Wer liebt wagt verliert/lässt die Farben leuchten». Der aus Wolfhalden stammende 82-Jährige lebt seit vielen Jahren in Basel und kehrt dann und wann für Lesungen in die Ostschweiz zurück.

Unzerknitterte Sätze

Viel länger möchte man ihm zuhören, ausgiebiger an diesen ornamentalen Wortgebilden schnuppern, doch die Wortschau leitet über zu der jüngsten der vier Lesenden an diesem Abend. Rebecca C. Schnyder wuchs in Wald AR auf und verbringt zurzeit einen sechsmonatigen Aufenthalt in Berlin als Artist-in-Residence. Das Atelier wurde ihr von der SKK (Städtekonferenz Kultur), zu der auch die Stadt St. Gallen gehört, zur Verfügung gestellt. Rebecca C. Schnyder liest Lyrik aus ihrem ersten veröffentlichten Gedichtband. Da gibt es Rastplätze und eine blaue Sonne; man spürt die jugendliche Unbekümmertheit, trotzig und humorvoll zugleich. Sie schafft lebendige Bilder für den Augenblick zwischen Menschen, insbesondere zwischen Paaren, wenn etwa der Mann sein Schweigen «mit Mozartpfeifen in den Kühlschrank tut».

In einem ganz anderen Sprachduktus präsentiert sich der in Konstanz lebende Schriftsteller und Literaturwissenschafter Philipp Schönthaler. Auch in seinem Erzählband kommt im Titel das Wort «oben» vor, obwohl es in dem Buch um die Tiefen des Meeres geht und dort darum, wie ein ohne Hilfsmittel Tauchender seine psychischen und physischen Grenzen ausloten will. Ein sich klaustrophobisch anfühlendes Ansinnen.