Bachkantate Trogen: Das Weihnachtsoratorium leuchtet

Beim Kantatenzyklus in Trogen gibt es auf lange Sicht den ganzen Bach, das «Weihnachtsoratorium» jedoch in Einzelteilen. Umso schöner leuchtet der Morgenstern in Teil II – Bachs kleiner Nachtmusik.

Bettina Kugler
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Solist und Tenor Daniel Johannsen.

Solist und Tenor Daniel Johannsen.

Der Chor sitzt im gedämpft beleuchteten Stall und bedeutet mit zartem Pianissimo, auf Zehenspitzen einzutreten und zu staunen über das Bild, das sich der Menschheit bietet: So wirkt der Choral «Schaut hin, dort liegt im finstern Stall». Ein überraschender Effekt – nicht fordernd, sondern voller Andacht und Behutsamkeit. Nicht mit erhobenem, stattdessen mit an die Lippen gelegtem Zeigefinger. Tatsächlich lässt Rudolf Lutz seine bacherprobten Sänger diesen Choral im Sitzen singen: nur eines von vielen bemerkenswerten Details, die er in der oft gehörten Kantate aus dem «Weihnachtsoratorium» zusammen mit den Musikern zum Leuchten bringt.

Frohe Hirten, eilt, ach eilet

Auch die Solisten tragen ihren Teil dazu bei, allen voran Daniel Johannsen als Evangelist, der jedes Wort Bände sprechen lässt und richtig färbt, ohne es aus dem natürlichen Fluss des Sagens und Erzählens herauszureissen. Zur Meisterschaft des Rezitativs gehört bei ihm, dass er sich nicht aufs singende Verkündigen beschränkt, sondern mit dem Chor und dem beflügelt spielenden Orchester in einen Dialog tritt – Zuhören inbegriffen. Dazu kommt noch die virtuose Tenorarie «Frohe Hirten, eilt, ach eilet», deren Koloraturen Johannsen mit überirdischer Leichtigkeit und Anmut gelingen. Wer da nicht «Herz und Sinne labt», wie es im Text heisst, muss taub sein.

Heilige Nächte verbinden die Weltreligionen

Beispielhaft auch das innige Miteinander von Solo-Traversflöte und Altistin Margot Oitzinger in der Arie «Schlafe, mein Liebster»: Hier steht die Zeit für eine Weile still in sinnlichem Geniessen. Nun darf sich das Gotteskind laben – und das Ohr am warmen Timbre der Altistin, an der Seelenruhe der Liegetöne zu Beginn, an Bachs durchdachter Vertonungskunst. Daniel Pérez komplettiert das Solistenterzett als eindringlicher Kommentator.

Die Nacht als heilige Zeit für Offenbarungen stellte der Theologe Karl-Josef Kuschel ins Zentrum seiner Reflexion: ein weiteres Detail, das selten zur Interpretation der Kantate herangezogen wird, trotz seiner theologischen Bedeutsamkeit. Zum einen verbinde es das Christentum mit anderen Weltreligionen. Zum anderen betone es, dass uns das Heil widerfahre wie ein Traum: ein Geschenk in Zeiten, die auf Tun und Leistung fixiert sind.