Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Leichen im Atelier

Ein letzter Farbtupfen auf den Fuss: Der Künstler Urs Koller verwandelt den Rorschacher Vampirball in ein Gruselkabinett.
Philippe Reichen
«Sieht aus wie echt», freut sich Urs Koller über Füsse, die am Vampirball in einem Sarg liegen werden. (Bild: Urs Bucher)

«Sieht aus wie echt», freut sich Urs Koller über Füsse, die am Vampirball in einem Sarg liegen werden. (Bild: Urs Bucher)

Fasnacht. Das war für Urs Koller eine Zeit der Festbank-Kulissen, der Gaudi-Kapellen, des volkstümlichen Massenschunkelns, des zu vielen Alkohols. Auf die Anfrage, ob er für den Rorschacher Vampirball die Innendekoration übernehmen würde, reagierte er skeptisch. Zunächst. Koller forderte für sich sämtliche künstlerischen Freiheiten ein. Er wollte einen stilvollen Anlass kreieren, das Gegenteil von dem, was er oft, zu oft als Fasnacht erlebt hatte.

Ein Arm, Kollers Arm

Der Rorschacher machte sich an die Arbeit. Er baute eine frühgotische Kathedrale mit Haupt- und Seitenschiff und riesigen Säulen aus Styropor; er liess Hunderte Meter schwarzen Stoffs über die nackten Wänden der Fabrikhalle hängen, bis vom ursprünglichen Grau so gut wie nichts mehr zu sehen war; er organisierte Särge, legte Leichen hinein, er liess Vampire aufstellen und erstellte am Ende ein Beleuchtungskonzept. Am Abend schminkte er Freunde, Organisatoren und das Ballpersonal höchstpersönlich. Darauf besteht er bis heute.

Mehr als fünfzehn Jahre später steht Urs Koller in seinem Atelier im geschichtsträchtigen «Haus zum Falken» an der Rorschacher Hauptstrasse, gegenüber dem Kabisplatz, Wand an Wand mit der Stadtverwaltung. Ein penetranter Geruch durchzieht den Raum. «Polyester», nennt der 42-Jährige den Grund dafür und greift nach einem der herumliegenden Arme.

Der Arm ist ein neues Stück für die Kulisse des Vampirballs. Er kommt mit anderen Körperteilen – Füssen, Beinen und Oberkörpern – in alte Holzsärge. Urs Koller hat dafür seinen eigenen Körper ausgegossen. Er trug flüssiges Silikon mit einem Verdickungsmittel auf. Das Silikon strich er schliesslich mit Polyester aus und laminierte es mit Glasfasern. Die leichenblasse Hautfarbe, spritze Urs Koller mit Airbrush auf.

Auf dem Arm, seinem Arm, ist jede Hautpore und jede Ader zu erkennen. «Sieht hyperrealistisch aus», freut sich Koller. Er, der so gerne mit den verschiedensten Materialien experimentiert und dafür auch mal das eine oder andere chemische Experiment wagt, ist wieder einmal am Ziel angelangt.

Urs Koller hat als Kunstschaffender einen langen Weg hinter sich. In den 1980er-Jahren machte er eine Lehre als Steinhauer im Steinbruch Bärlocher im Staader Krähenwald. Dort wird der Rorschacher Sandstein abgebaut.

Urs Koller machte eine Zusatzlehre zum Bildhauer. Knapp 20jährig, wusste er: Nur mit Stein wollte er nicht arbeiten. Nie. Zusammen mit Cla Coray, einem jungen Zürcher Bildhauer, lernte er andere Materialien und Techniken kennen. Sie bauten Eis- und Schneeskulpturen, froren im Winter beim Eisschnitzen und schwitzten im Sommer beim Bauen von Sandskulpturen.

Cla Coray erinnert sich gut: «Wir hatten keine Ahnung, wie man eine Sandskulptur baut, aber wir meldeten uns zu einem Wettbewerb nach Moskau an.» Dort lernten sie vieles in aller Kürze: Eine Sandskulptur drei Meter senkrecht in die Höhe zu bauen, ist physikalisch unmöglich. Und nicht nur das: «Man darf keinen ungewaschenen Sand nehmen, muss mit möglichst viel Wasser bauen und den Rieselungsfaktor beachten», zählt Cla Coray Grundlegendes auf.

Die Faszination blieb: Urs Koller gründete später am Rorschacher Seeufer sein eigenes, heute international bekanntes Sandskulpturen-Festival.

Ein Auto wie ein Museumsstück

In seinem Atelier liegt vieles herum, nur kein Sand. Erinnerungsstücke «mit Patina und Seele», so Koller, Skulpturen aus Bronze und Aluminium, Gipsabgüsse, aus Schaum geronnene Gesichter. An den Wänden hängen Aktzeichnungen.

Das Aktzeichnen hat Urs Koller bei mehreren Stages in Pariser Kunstakademien (Académie des Beaux Arts und Académie de la Grande Chaumière) gelernt. Oft war auch Cla Coray dabei. Weilten sie für längere Zeit in Paris, wohnten sie in Urs Kollers Lieferwagen, einem alten Citroën, von Franzosen liebevoll «une pièce de musée» (Museumsstück) genannt. Sie stellten das Auto auf einen Parkplatz im Quartier in der Nähe der Akademie. Im Citroën schliefen, in einem nahe gelegenen Bahnhof duschten sie.

In der Nacht trennte sie ein weniger als einen Millimeter dickes Wellblech von der Aussenwelt. Die Pariser Zeiten in diesem Zimmer auf vier Rädern haben den Rorschacher geprägt. Er lernte Clochards und die Arroganz des parkierenden Parisers kennen, er betrat seinen Citroën in den Arbeitskleidern und verliess ihn in Anzug und Krawatte, um an eine Vernissage zu gehen.

In Paris arbeitete er Nächte durch und liess sich die Chance nicht entgehen, als Kunststudent mit in die medizinische Fakultät zu gehen, um den Medizinstudenten bei ihren Anatomiestudien über die Schultern zu schauen und Skizzen zu machen.

«Was bin ich eigentlich?»

Als Künstler hat Urs Koller keine Berührungsängste. «Was bin ich eigentlich?», fragt sich der 42-Jährige bisweilen selbst. Ein klassischer Bildhauer sicher nicht. Er bekommt Aufträge für Parkinstallationen oder Kunst am Bau.

Seit kurzem arbeitet er mit einer südafrikanischen Komödiantin an einem Multimediaprojekt. Das alles verdeutlicht: Der Rorschacher schafft nicht Kunst in der Absicht, Ausstellungen einzurichten. Skulpturen verkauft er Kunstliebhabern oft direkt in seinem Atelier. Sie besuchen ihn spontan oder kommen an eines der Konzerte, die er hin und wieder im «Haus zum Falken» organisiert. Trotz seines Engagements für den Vampirball ist Urs Koller ein Fasnachts-Skeptiker geblieben. Aber «sein» Ball im Winter ist ihm heute fast so wichtig wie das Sandskulpturen-Festival im Sommer.

Der Mitternachtswalzer, die Mitternachtsshow bringen ihn ins Schwärmen, die theatrale Maskerade und die Inszenierung des Grauens – mit ihm als Dracula mittendrin.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.