Lehrstück Grüninger

Das Theater St. Gallen bringt die Geschichte des St. Galler Polizeihauptmanns und Flüchtlingsretters Paul Grüninger mit vielen Originaltexten modellhaft auf die Bühne – zugeschnitten auf ein junges Publikum und mit Anspielungen auf die Gegenwart.

Marcel Elsener
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Rollenspiel auf einer Installationsbühne: Das Ensemble – mit Matthias Albold als Grüninger (Hut unter Arm) – bei den Proben in der Lokremise. (Bild: Theater St. Gallen/Nina Stazol)

Rollenspiel auf einer Installationsbühne: Das Ensemble – mit Matthias Albold als Grüninger (Hut unter Arm) – bei den Proben in der Lokremise. (Bild: Theater St. Gallen/Nina Stazol)

Wer war Paul Grüninger? Wofür war er bekannt? Sollte man sich an ihn erinnern? Solche Fragen stellten die Theater-Praktikanten Thea Weder und Denis Cvetkovic St. Galler Passanten. Die Antworten fielen höchst unterschiedlich aus: hier im mehrheitlich gut informierten älteren Publikum, dort bei jüngeren Menschen – sofern die etwas zu sagen hatten. Denn ein Befund aus den Interviews ist haarsträubend: Die meisten Jugendlichen haben keine Ahnung von Grüninger. Allenfalls wusste noch jemand, dass es demnächst einen Spielfilm geben soll zum Thema.

Originaltexte statt Fiktion

Umso mehr bestärkte dies die Regisseurin Elisabeth Gabriel und die Dramaturgin Nina Stazol, die Geschichte Grüningers und der schweizerischen Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg wahrheitsgetreu widersprüchlich für die Bühne aufzuarbeiten – als das moderne «Jugendstück» für «mündige Menschen ab 15», wie es seit längerem vom Theater St. Gallen beabsichtigt war. Nichts zu erfinden also, nicht zu skandalisieren oder künstlich zu emotionalisieren, wie Elisabeth Gabriel sagt. Und doch Herz und Verstand zu packen: nicht mit historisierenden Spielszenen mit einem «fernen Helden aus der Vergangenheit» und «seltsam verfärbten fiktiven» Texten, sondern mittels einer dokumentarischen Anlage mit möglichst vielen Originaltönen, die für sich selbst sprechen – Auszüge aus Flüchtlingsdossiers, Briefen, Verhörprotokollen, Zeitungsmeldungen und so weiter.

Die Schauspieler – sieben Profis sowie gleichwertig eingebunden die erwähnten Nachwuchskräfte – funktionieren in diesem «szenischen Dokument» in Aufstellungen als zeichenhafte Figuren, die auch mal mit Mikro- oder Megaphon sprechen. Die Form ergab sich aus der umfassenden Recherche. Neben den Basiswerken – «Grüningers Fall» von Stefan Keller, «Flüchtiges Glück» von Jörg Krummenacher, die Dissertation von Wulff Bickenbach – arbeiteten Stazol und Gabriel mit vielen Materialien aus dem Staatsarchiv St. Gallen und dem Jüdischen Museum Hohenems. Sie nahmen früh Kontakt auf mit der Stiftung Paul Grüninger und befragten Tochter Ruth Roduner, die ihrerseits Dokumente bereitstellte – darunter die Originalpartitur des berührenden «St. Galler Lieds», das ein Flüchtling aus Dankbarkeit für Grüninger komponierte.

Widerstand im Rechtsstaat

Im Zentrum der «poetischen Verdichtung» steht «kein Held, Rebell, Märtyrer oder Verräter», sondern ein «normaler Mensch, ein braver Beamter, der nicht im Traum daran gedacht hätte, den Staat und seine Regeln in Frage zu stellen», sagt Gabriel. Mit Grüninger, der in seinem Dilemma zwischen Amtspflicht und Gewissensnot auf sein Herz hörte, lasse sich beispielhaft fragen, «wie man denn selber handeln würde in einer solchen Situation».

Helfen, auch wenn es verboten ist? Die Frage führt zur heutigen Asylpolitik. Im Stück wird der Bezug nicht dick aufgetragen, sondern leise angetönt. Nina Stazol lanciert in ihrer Materialsammlung für Schulklassen die Diskussion: Was soll man tun, wenn man ein demokratisch beschlossenes Gesetz als unvereinbar mit den Menschenrechten erachtet? Wie würden Sie sich verhalten, wenn ein «illegaler» Asylbewerber Sie um Hilfe bitten würde? Nach welchen Kriterien entscheiden Sie?

Der Zwiespalt der Schweiz zwischen selbstverständlicher «Verfechterin der Menschenrechte» und der Angst vor Überfremdung hat die beiden Theaterfrauen besonders interessiert. Im Gegensatz zu ihren Herkunftsländern – Gabriel ist Österreicherin, Stazol Deutsche – sei die Schweiz nie ein Unrechtsstaat gewesen und der Blick auf die Geschichte «viel weniger eindeutig». Vielleicht sei es hier «gerade deshalb so schwierig, über die Schattenseiten zu sprechen» und habe es bis in die 1990er-Jahre gedauert, bis Grüninger rehabilitiert und die Bergier-Kommission die Kriegsjahre aufgearbeitet habe, meint Stazol.

Sie wolle sich nicht anmassen zu werten, sagt Gabriel im Wissen um den schmerzvollen Prozess. Jedoch: «Ein offenes Bekenntnis zu diesem Helden der Menschlichkeit fehlt bis heute.» Die Umbenennung des Fussballstadions habe gezeigt, dass «es noch immer knirscht im Getriebe».

Die Aufarbeitung des Falls habe «sicher zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit der Schweizer Geschichte, aber auch mit der heutigen Flüchtlingspolitik geführt», sagt Schauspieldirektor Tim Kramer. Er stellt das Grüninger-Stück in eine Reihe von St. Galler Inszenierungen wie «Julius Cäsar» oder «Maria Stuart», die einen «unverfälschten Blick auf die Geschichte» erlaubten. Geschichte werde «gerne zurechtgebogen, je nachdem, wie die Machthaber sie für ihre Zwecke instrumentalisieren können». Grüninger sei «zum Spielball von machtpolitischen Interessen geworden, wie ein Brutus, wie eine Stuart», meint Kramer. «Nur der eigenverantwortliche und genaue Blick auf Geschichte kann uns davor schützen, in die Fallen der Geschichtsverfälscher zu tappen.»

Für nächste Generationen

Eine Herausforderung gerade fürs Theater. Seit Keller und andere in den 1990er-Jahren «sich ihr eigenes Bild machten», sei bereits eine Generation vergangen, sagt Kramer. «Wenn wir nun der heutigen Generation auf dem gleichen Weg helfen können, hat das Theater seine Aufgabe erfüllt.»

Grüningers Fall als Lehrstück und Schulstoff erstmals auf der Bühne – da fehlt nur noch das kantonale Lehrmittel, wenn Jugendliche eine Ahnung erhalten sollten. Das Material des Theaters wäre der ideale Impuls für einen neuen Vorstoss in dieser seit langem geforderten umstrittenen Bildungssache. Auch wenn es, wie die neu entflammte Diskussion über die bundesrätliche Flüchtlingspolitik von 1938 bis 1945 zeigt, noch immer «knirscht».

Lokremise St. Gallen: Premiere Mittwoch, 13. Februar, 20 Uhr; sechs Vorstellungen bis 10. März.

Elisabeth Gabriel Regisseurin (Bild: Quelle)

Elisabeth Gabriel Regisseurin (Bild: Quelle)

Nina Stazol Dramaturgin (Bild: Quelle)

Nina Stazol Dramaturgin (Bild: Quelle)