Leere Versprechen

Eine vielfältige und durch- weg interessante Mischung bot die erste Hälfte des Wettbewerbs der 63. Berlinale.

Walter Gasperi/Berlin
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Spröder Western: Szene aus «Gold» von Thomas Arslan, dem deutschen Beitrag im Berlinale-Wettbewerb. (Bild: pd)

Spröder Western: Szene aus «Gold» von Thomas Arslan, dem deutschen Beitrag im Berlinale-Wettbewerb. (Bild: pd)

Mit Spannung erwartet wurde der Abschluss von Ulrich Seidls «Paradies»-Trilogie; doch mit «Paradies: Hoffnung» konnte der Österreicher die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen. Wieder erzählt Seidl in langen, sorgfältig kadrierten Tableaux vivants, doch überraschend mild ist für einmal sein Blick. Menschliche Abgründe und Gemeinheiten werden in dieser Geschichte eines übergewichtigen Teenagers, der sich in einem gefängnisartig geführten Diät-Camp in seinen über 40 Jahre älteren Arzt verliebt, kaum ausgelotet. Die Coming-of-Age- und Liebesgeschichte bewegt sich weitgehend in ausgetretenen Bahnen.

Klösterliches Leben

Eine überzeugendere Schilderung eines Zwangssystems gelang Guillaume Nicloux mit seiner Neuverfilmung von Denis Diderots 1792 erschienenem Roman «La Religieuse». Auf alle Modernismen verzichtet der Franzose, erzählt klassisch, aber konzentriert und mit grossem Ernst die Leidensgeschichte der jungen Suzanne, die von ihren Eltern gegen ihren Willen ins Kloster gesteckt wird. Eindrücklich vermitteln die strenge Form und das zurückhaltende Spiel eines grossartigen Ensembles (Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck) die Enge des klösterlichen Lebens. Durchatmen lässt dieser Film erst, wenn mit stillen Landschaftstotalen am Ende nachdrücklich ein Gefühl von Freiheit evoziert wird.

Lockruf des Goldes

Ein besseres Leben versprechen auch die Goldklumpen, mit denen ein deutscher Geschäftsmann in Thomas Arslans «Gold» sechs deutsche Auswanderer im Kanada des Jahres 1898 für einen Treck zu einer über 2000 Kilometer entfernten Goldgräberstadt gewinnt. Arslan erzählt die Westerngeschichte, in deren Zentrum die gruppendynamischen Prozesse und die sich steigernden äusseren Gefahren stehen, im spröden Stil der Berliner Schule. Statt zu dramatisieren und zu psychologisieren, pendelt «Gold» in gelassenem Rhythmus zwischen Landschaftstotalen und alltäglichen Szenen vom Treck. Ein Western im Stile von Budd Boetticher, der nicht überwältigen will, sondern viel Zeit zum Schauen lässt.

Dass Geldgeschenke heute noch ziehen, zeigt Gus Van Sant in «Promised Land». Ein Konzern schickt Vertreter aus, wirtschaftlich schlecht stehende Farmer zu bewegen, ihr Land für Fracking zu verpachten. Doch ein Öko-Aktivist holt zur Gegenpropaganda aus. Am Reissbrett entworfen sind Handlung und Figurenkonstellation des überraschend betulichen, mehr auf Humor denn auf Dramatik setzenden Mainstreamfilms. Dennoch könnte er gerade dadurch ein grosses Publikum für das aktuelle Thema der Rohstoffförderung sensibilisieren.

«High Noon» russisch

Mit ähnlichen Geldversprechungen versuchen die Behörden im russischen «A Happy and Long Life» den jungen Sascha zu überreden, seine im Aufbau befindliche Landwirtschaft abzugeben. Seine Arbeiter überreden ihn, nicht aufzugeben. In Boris Khlebnikovs Version von «High Noon» lässt sich Sascha auf eine Konfrontation mit den Behörden ein.