Leere trotz tausend Facebook-Freunden

Robert Schneider hat das Gallus-Oratorium von Carl Greith mit einem zeitkritischen Text unterlegt. Das Experiment, auf das sich das Collegium Musicum eingelassen hat, funktionierte überraschend stimmig – theatralisch wie musikalisch.

Martin Preisser
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Kann Gallus (David Kieber) der kranken Friedburga (Alexandra Gächter) noch helfen? (Bild: Reto Martin)

Kann Gallus (David Kieber) der kranken Friedburga (Alexandra Gächter) noch helfen? (Bild: Reto Martin)

Kaum träumt man weg in diese wunderbare Musik von Carl Greith, kaum lässt man sich von einer Arie aus seinem Gallus-Oratorium bezaubern, wird man jäh und unbarmherzig ins Jetzt katapultiert. «Fremdling, wer bist du, dass du es wagst, unsere heil'gen Gesänge zu stören?», fragt der Chor der Heiden zu Beginn.

Der Störenfried in der speziellen Produktion des Collegium Musicum St. Gallen heisst Robert Schneider. Er setzt dem biederen und für unsere Zeit keinerlei Botschaft mehr transportierenden Oratorientext eine zeitkritische Gallus-Sicht entgegen. Er tut dies direkt und bisweilen angenehm derb, aber sehr genau dosiert und konzentriert.

Gekonnt aufgebrochen

Schneider trifft mit seinen «Interludien» auch einen feinen Spottcharakter. Das Pathos des 19. Jahrhunderts um den heiligen Gallus wird gekonnt aufgebrochen. «Lasst den einzigen Gott euch künden» heisst es im Libretto. Und schneidend fährt der wahre Gott dazwischen: Das Geld, der schnöde Mammon. Der Banker wird später zum Obdachlosen, der Polizist ebenso. Eine besonders gelungene Gegenüberstellung gelingt Robert Schneider bei der Geschichte der Friedburga. Was uns heute nichts mehr sagt, die Heilung einer Frau durch einen Heiligen, kommt in Schneiders Interludium mit deutlicher Message daher: Wir haben Sehnsucht nach Heilung von der Leere im nur noch vom Spätkapitalismus beherrschten Alltag, in einer Welt des Informationsbombardements. Ob Schneiders Gallus Friedburga, die trotz tausend Facebook-Freunden leer ist, letztlich heilen kann, bleibt offen. Die Frau scheint sich jedenfalls erstmals zu spüren nur im Angesicht des Schmerzes eines Gegenüber.

Musik aufgefrischt

Mario Schwarz und sein Collegium Musicum St. Gallen haben sich auf ein Experiment eingelassen, das rundum stimmig wirkte. Sind sonst Oratorienaufführungen oft ein längst nicht mehr (oder gar nie) hinterfragtes Ritual, halfen die Interludien von Robert Schneider in ihrer Kraft, ihrer präzisen Dosierung und ihrem markigen Humor der Musik zu neuer Strahlkraft. Sie wurde während der Aufführung quasi immer wieder aufgefrischt, erhielt eine spezielle Spannkraft.

Robert Schneider hat zum Projekt nur Ja gesagt, weil ihn Carl Greiths Musik angesprochen hat. Man muss ihm beipflichten. Der Komponist, der im St. Galler Dom auch als Organist und Kirchenmusiker gewirkt hat, verströmt im Oratorium eine wunderbare Eleganz. Die Arien sind feinsinnig, die Rezitative voll überraschender lyrischer Einfälle, die Chorpartien (mit dem gut disponierten Kammerchor Oberthurgau) farbig strömend. Und manche Orchestereinleitung (mit dem kompakt und engagiert gestaltenden Collegium Musicum) hat fast schon die Melancholie eines Brahms. Kurz: Eine rundum wertvolle Musik, die fliesst und auf spezielle Art etwas Schwebendes hat.

Botschaft nachhaltig

Schneider «kontra» Greith: Auch in der Umsetzung des Projekts putzte gerade die Konfrontation der kräftig und plastisch agierenden Schauspieler (Alexandra Gächter, Jörg Adlassnigg, Hajo Förster, Thomas Hassler, David Kieber) mit dem eindringlichen solistischen Engagement der Sängercrew (Sarah Maeder, Marcus Niedermeyr, Marcus Ullmann, Markus Volpert) dem Zuhörer die Ohren: Für die spezielle Schönheit der Musik und für die klare Botschaft des Textes. Diesem Projekt im Gallus-Jahr darf man deutlich mehr Nachhaltigkeit attestieren also so mancher anderer «Gedenkveranstaltung» für einen irgendwie nicht fassbaren, wenn überhaupt je gelebten Heiligen.

Letztmals: Heute Fr, Pfarrkirche St. Johann (Rapperswil), 20 Uhr