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Lebenslügen dreier Aussenseiter

Als Schweizer Erstaufführung inszeniert Thilo Voggenreiter am Theater St. Gallen «Silvester» von Peter Turrini. Das Stück über Einsamkeit, geplatzte Lebensträume und Sehnsüchte im Alter hat am Mittwoch in der Lokremise Premiere.
Martin Preisser
«Silvester» in der Lokremise: Anstossen auf verlorene Lebensträume mit Hans Rudolf Spühler (l.), Romeo Meyer und Vera Schweiger. (Bilder: Urs Bucher)

«Silvester» in der Lokremise: Anstossen auf verlorene Lebensträume mit Hans Rudolf Spühler (l.), Romeo Meyer und Vera Schweiger. (Bilder: Urs Bucher)

«Ich möchte in meinen Theaterstücken in die Abgründe der Menschen schauen, und das auf möglichst komödiantische Weise», sagt Peter Turrini. Der Kärntner Theaterschriftsteller, der dieses Jahr mit dem Nestroy-Theaterpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde, tut dies auch in «Silvester» und präsentiert die drei Hauptfiguren, die an Silvester aufeinanderstossen, als Gefangene ihrer Einsamkeit. Der Hamburger Regisseur Thilo Voggenreiter, bereits in der Spielzeit 2010/11 mit «Holger, Hanna und der ganze kranke Rest» am Theater St. Gallen präsent, zeigt «Silvester» als Schweizer Erstaufführung mit Hans Rudolf Spühler, Vera Schweiger und Romeo Meyer in den Hauptrollen.

Spannende Provokation

«Da gibt es den einsamen, alternden Schwulen, die ebenso alte Diva, deren Privat- und Berufsleben den Bach runtergegangen ist. Und schliesslich noch den geistig zurückgebliebenen Heimbewohner, der nie eine Familie gehabt hat. Die drei verbringen gemeinsam Silvester und suchen, jeder auf seine Weise, Anschluss.» So fasst Schauspieler Romeo Meyer, der den geistig Behinderten spielt, das Stück zusammen und verspricht im «Saiten»-Blog eine «spannende Provokation».

Regisseur Thilo Voggenreiter liebt an Turrini, wie dieser «pastos mit der Theaterpranke» erzähle, wie er virtuos das komische und das tragische Element vermenge. «Theaterautoren, die ein Herz für Aussenseiter haben, sind selten geworden», sagt Voggenreiter, der bei aller Derbheit und Provokation der Turrini-Texte den letztlich immer liebevollen Umgang des Autors mit seinen Figuren bewundert: «Turrini verrät sie nie.»

Silvester und Einsamkeit, das liegt nahe beisammen. Im Stück implodieren die Lebensgebäude, Lebenslügen werden schonungslos klar. «Aber die Helden erhalten ihre Würde zurück, gerade wenn sie anfangen, sich nichts mehr vorzumachen», sagt Voggenreiter. «Turrini geht dahin, wo es wirklich wehtut, aber er hebt den Schmerz mit seinem Humor wieder auf.»

Verpfuschtes verstehen

Leicht haben es die Schauspieler nicht. Wenn sich die Hauptfigur als schwul outet und an einen behinderten Menschen heranmacht, verlangt das schauspielerische Balanceakte, in denen sich die Schauspieler den unangenehmen Seiten des Lebens stellen müssen. Thilo Voggenreiter meint: «Turrini zeigt uns aber auch: Wenn wir abgründige oder verpfuschte Lebensgeschichten begreifen, können wir Verständnis für den Mensch dahinter entwickeln.»

Neben Einsamkeit und Lebenslügen geht es in «Silvester» auch ums Altern und um die Rolle der Sexualität im Alter. Turrini zeigt zwei alte Menschen, die irgendwie versuchen, den letzten Zipfel ihres Glücks doch noch zu packen, auch oder gerade auf der Ebene erotischer Sehnsüchte.

Thilo Voggenreiter inszeniert nah an den Personen und zeigt Turrini als echten Theaterautor, der Theater nicht naturalistisch, sondern im besten Sinne theatralisch versteht. Voyeuristischen Realismus gibt es nicht in dieser Inszenierung, auch keine nackten Menschen wie bei der Uraufführung am Stadttheater Klagenfurt. «Ich will Bilder finden, die das Stück selbst als Rollenspiel zeigen, ein Stück, in dem Rollen gespielt, aber dann nicht durchgehalten werden», sagt Voggenreiter.

Sprachlosigkeit

Ängste, Sehnsüchte, ungelebte Träume – Turrini demaskiert in «Silvester» seine Protagonisten nach und nach, zwingt sie mit Theatermitteln, sich ihren Wünschen zu stellen und sie auch auszusprechen. Als «Meisterwerk der Sprachlosigkeit» hat die Kritik «Silvester» auch bezeichnet. Damit ist ein weiterer, höchst aktueller Aspekt des neuen Turrini benannt: Unsere Kommunikationsunfähigkeit im Zeitalter ständiger Erreichbarkeit. «Die Menschen werden immer einsamer, sie stellen sich den anderen nicht mehr», sagt Peter Turrini. In «Silvester» zwingt er sie nach und nach genau dazu.

Premiere: Mi, 21.12., Lokremise, 20 Uhr. www.lokremise.ch

Thilo Voggenreiter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

Thilo Voggenreiter (Bild: Urs Bucher (Urs Bucher))

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