Lebenskunst

Aussenseiterkunst steht seit 25 Jahren im Fokus des St. Galler Museums im Lagerhaus. Die Vielfalt in diesem Bereich ist gross, dies zeigt die gestern eröffnete Jubiläumsausstellung. Christina Genova

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Fliegende Hunde im Universum stickte Emma Widmer-Gass. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Fliegende Hunde im Universum stickte Emma Widmer-Gass. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Felix Brenners Haar ist lang und strähnig, sein Bart struppig. Er trägt einen schwarzen Hut mit Krone, sein Tschopen ist aus selbstbedrucktem Stoff genäht. Würde man ihm auf der Strasse begegnen, man drehte sich um nach ihm. Mit dreizehn Jahren haute er von zu Hause ab, es folgten eine langjährige Drogenkarriere und ein Leben auf der Strasse. Doch jetzt, im Kabinett des St. Galler Museums im Lagerhaus, das er ganz mit seinen farbenfrohen Bilderwelten ausgekleidet hat, spielt seine Vergangenheit keine Rolle. Er steht nicht am Rande, sondern mittendrin. Umringt von einer aufmerksamen Journalistenschar, referiert er souverän über seine Werke.

Naive Künstler sterben aus

«Wir bieten Auseinandersetzungen mit einer Art von Kunst, der man sonst nicht begegnet», sagt Monika Jagfeld, die Leiterin des Museums im Lagerhaus. Mit der gestern eröffneten Ausstellung «Naive Schweiz Suisse Brut» feiert es zusammen mit der Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut das 25jährige Bestehen. Es ist zusammen mit der Lausanner «Collection de l'Art Brut» die einzige auf Aussenseiterkunst spezialisierte Institution in der Schweiz.

In dichter Hängung sind 169 Arbeiten zu sehen, die eine Landkarte künstlerischer Positionen der Art brut und Naiven Kunst der Schweiz skizzieren. Nicht nur «Klassiker» wie Hans Krüsi, Adolf Dietrich oder Aloïse Corbaz sind darunter, sondern auch eher unbekannte Künstlerinnen wie Emma Widmer-Gass (1914–2007), von der ein grossformatiger Stickteppich mit im Universum fliegenden Hunden stammt.

Doch was ist Aussenseiterkunst? Die Vielfalt ist gross, eine Definition ist schwierig. Grob unterscheidet man zwischen Naiver Kunst und Art brut, wobei die Grenzen fliessend sind. Naive Künstler orientieren sich an ihrem Lebensalltag und wollen ihn möglichst genau wiedergeben. Ihre Umwelt erleben sie als «heil» und ungebrochen. Naive Künstler gibt es immer weniger: «Heute kann man nicht mehr naiv aufwachsen», meint Monika Jagfeld. Art-brut-Künstler hingegen begeben sich auf Kopfreisen, beschäftigen sich mit Visionen und inneren Welten.

Lebenskraft trotz Leiden

Gemeinsam ist allen Aussenseiterkünstlern, dass sie meist Autodidakten sind und sich am Rande der Gesellschaft und des etablierten Kunstsystems bewegen. Sie sind Häftlinge wie Giuseppe Giavarini (1877–1934), der in der Ausstellung mit einer fragilen Figur aus Ton und Brot vertreten ist. Sie sind Psychiatriepatienten wie die Ikone der schweizerischen Art brut Adolf Wölfli (1864–1930), der in der Irrenanstalt Waldau bei Bern lebte. Sie alle machen und machten Kunst, um zu überleben, entsprechend ist ihr Werk von ihren aussergewöhnlichen Lebensgeschichten geprägt. Dies macht für Simone Schaufelberger-Breguet, die das Museum mitbegründet und von 1988 bis 2007 geleitet hat, die Faszination der Aussenseiterkunst aus: «Diese Kunst spricht uns sehr persönlich an, weil sie direkt aus dem Leben heraus entsteht.» Nicht selten sind diese Leben geprägt von Schicksalsschlägen: «Manchmal fragen mich die Leute, wie ich es schaffe, mit all den tragischen Lebensgeschichten umzugehen», sagt Monika Jagfeld, «Doch ich sehe vor allem die Lebenskraft und die Stärke dieser Persönlichkeiten. Das fasziniert mich, nicht das Leiden.»

Inspiration für Tinguely

Vieles, was Aussenseiterkünstler produzierten, wurde früher weggeworfen oder zerstört: Von den Zeichnungen des in Wattwil geborenen Künstlers Alfred Leuzinger (1899–1977), mit denen er ganze Schränke gefüllt hat, sind nur zweihundert erhalten – die anderen wurden verbrannt. Die mannshohen, beweglichen Räderwerke aus Ästen, Draht und Lumpen von Heinrich Anton Müller (1865–1930), die auch Jean Tinguely inspirierten, haben nur als Schwarzweissfotografien überlebt. Zu den wichtigsten Aufgaben neben der Vermittlung und Bewahrung von Naiver Kunst und Art brut gehört deshalb für das Museum im Lagerhaus, zu entdecken, was erhaltenswert ist.

Korrektur des Mainstreams

Heute interessiert sich der Kunstbetrieb immer mehr für die sogenannte «Outsider Art». Der Direktor der Kunsthalle St. Gallen, Giovanni Carmine, kann sich gar vorstellen, dass die Aussenseiterkunst einmal nur noch als Kunst wahrgenommen wird: «Das Kunstsystem tendiert dazu, mit der Zeit alles zu verdauen und einzuschliessen.» Das heisst jedoch nicht, dass das Museum im Lagerhaus überflüssig wird. Markus Landert, der als Direktor des Kunstmuseums Thurgau selbst Ausstellungen an der Schnittstelle zwischen zeitgenössischer Kunst und Aussenseiterkunst organisiert, ist davon überzeugt, dass es spezialisierte Institutionen, die Nischen besetzten, je länger je mehr brauche, denn leider glichen die Angebote der Museen sich immer mehr: «Im eingeebneten Kunstangebot bieten sie eine Alternative, die eine wichtige Korrekturfunktion zum Mainstream hat. Aussenseiterkunst ist ein Randphänomen, das das, was im Zentrum passiert, einem anderen Fokus unterwirft und es hinterfragt.»

Naive Schweiz Suisse Brut, Museum im Lagerhaus St. Gallen, bis 7.7.13. Das Rahmenprogramm ist ersichtlich unter www.museumimlagerhaus.ch.

Hans Krüsi ist mit einem filigranen Objekt vertreten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Hans Krüsi ist mit einem filigranen Objekt vertreten. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Brenner lebt in Altnau TG und posiert in seinem Bilderkabinett. (Bild: Hanspeter Schiess)

Felix Brenner lebt in Altnau TG und posiert in seinem Bilderkabinett. (Bild: Hanspeter Schiess)

Jean Tinguely wurde durch die Räderwerke Heinrich A. Müllers inspiriert. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Jean Tinguely wurde durch die Räderwerke Heinrich A. Müllers inspiriert. (Bild: Museum im Lagerhaus)

Monika Jagfeld (Bild: Hanspeter Schiess)

Monika Jagfeld (Bild: Hanspeter Schiess)

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