Neuer Roman von Blanca Imboden:
Lebenshungrige 77-Jährige mischt Altersheim auf

Die Schwyzer Autorin Blanca Imboden versetzt ihre Protagonistin ins Altersheim. Daraus entwickeln sich Abenteuer, die nicht alle gleich zwingend sind. Sehr authentisch aber wirken die Einblicke ins Heimleben.

Arno Renggli
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Blanca Imboden (56) verbrachte selber eine Woche im Altersheim. (Bild: Pius Amrein, 22. Oktober 2018)

Blanca Imboden (56) verbrachte selber eine Woche im Altersheim. (Bild: Pius Amrein, 22. Oktober 2018)

Blanca Imboden hat schon in früheren Romanen persönliche Bezüge in ihre Romane verarbeitet, so etwa in «Wandern ist doof» ihre Passion für Bewegung in der Bergwelt. Dieser Bezug ist im neuen Roman «Heimelig» mit dem Thema Altersheim als Hintergrund wohl besonders gross. Ihre eigene Mutter zog dereinst ins Altersheim und berichtete der Tochter immer wieder davon.

Imboden beschloss darauf, einen Altersheimroman zu schreiben, musste aber der Mutter versprechen, ihn erst nach deren Tod zu veröffentlichen. Um auch eigene Anschauungen einbringen zu können, verbrachte Imboden dann selber eine Woche im Heim.

Ihre Protagonistin ist die 77-jährige Nelly. Eigentlich fit und munter, entschliesst sie sich zum Heimeintritt nur, weil ihre Tochter das Elternhaus durch einen Neubau ersetzen will. Und Nelly zu stolz ist, in eine ihr angebotene Einliegerwohnung zu ziehen.

Tagesausflüge von A bis Z

Aber im Heim – das überrascht nicht wirklich – ist sie erst recht fehl am Platz. Nur schon, weil das WLAN kaum funktioniert. Von der Langeweile und der Bevormundung gar nicht zu reden.

So entwickelt sie sich zur Rebellin, welche der Heimleitung die eine oder andere Veränderung abzutrotzen versucht und durch ihre unkonventionelle Art die Mitbewohner belebt. Und vor allem beschliesst sie, nach dem Muster «Von A bis Z» Tagesausflüge nach Schweizer Ortschaften zu machen. Startend mit Ascona.

Dort lernt sie einen jungen Strassenmusiker kennen, was generationenübergreifende Folgen auf ihre Familie haben wird. Überhaupt hat fast jeder der Ausflüge ein emotionales Abenteuer zur Folge, sei es nach Buochs, nach Chur oder nach Engelberg.

Ereignisträchtige Zufälle und Liebeskitsch

In Einzelfällen übertreibt es die Autorin etwas mit ereignisträchtigen Zufällen. So wird Nelly zur TV-Heldin und gerät gleichzeitig als vermeintliche Drogendealerin ins Visier der Polizei. Was in eine überdrehte Szene im Altersheim mündet. Und die Liebe kommt auf eine Weise in Nellys Leben, welche die Autorin aus der Sicht der Protagonistin vorsorglich gleich selber als Kitsch bezeichnet. Transparent macht Imboden auch die Inspiration durch Jonas Jonassons Bestseller «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand»: Ihr Untertitel heisst «Warum Nelly aus dem Altersheim spazierte und nie mehr wiederkam».

Gelungen sind indes die Charaktere der Heimbewohner und Schilderung der familiären Beziehungen Nellys. Vor allem aber thematisiert Imboden glaubwürdig das Leben im Heim, zeigt sich dabei sehr kritisch etwa über Betreuungskonzepte oder den Spardruck und behandelt auch Aspekte des Altwerdens generell bis hin zum Sterben. Es gelingt ihr, ein gewichtiges, berührendes Thema mit Humor und wohltuender Leichtigkeit zu behandeln, ohne es zu verharmlosen.

Blanca Imboden: Heimelig. Wörtherseh, 218 S., Fr. 26.--. Ab Donnerstag, 23. Mai, im Handel.