LEBENDIGES MITTELALTER: Wilhelm Tell forever

Im Schweizer Fernsehen wird gerade das Leben vor 500 Jahren nachgespielt, in 1.-August-Reden taucht der Schütze Tell gern auf. Wozu das dient, erklärt der Historiker Valentin Groebner.

Rolf App
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Wie ein fliegender Teppich ist ein Meisterschütze in die Schweiz geflogen: Hanspeter Müller-Drossaart bei den Tellspielen. (Bild: Chris Iseli (Altdorf, 19. August 2008))

Wie ein fliegender Teppich ist ein Meisterschütze in die Schweiz geflogen: Hanspeter Müller-Drossaart bei den Tellspielen. (Bild: Chris Iseli (Altdorf, 19. August 2008))

Rolf App

Mit zwanzig geht Valentin Groebner aus Wien weg. Die Stadt sei ihm damals «klein, eng und starr» vorgekommen, sagt der heute 55-jährige Historiker. «Das restliche Europa war einfach ­in­teressanter, bewegter.» In Deutschland findet er zu seinem Fach, der Geschichte des Mittelalters – und zu einer wichtigen Einsicht. «Ich war, wie viele damals, im Widerstand gegen Atomkraftwerke und die Frankfurter Startbahn West engagiert», erzählt er. Die damit verbundenen, wilden theatralischen Spektakel ziehen ihn unwiderstehlich an. Und da er gleichzeitig an einer Seminararbeit über den – ziemlich gewalttätigen – Karneval des Mittelalters arbeitet, fallen ihm die Parallelen ins Auge: rituelle Maskierungen, das Spielen von verkehrter Welt. Dass das Mittelalter lebendig ist bis heute, diese Einsicht wird noch Folgen haben.

Auch nach 26 Jahren fasziniert ihn die Schweiz

Doch zuallererst stellt sich dem jungen Mann die Hamburger Ausländerbehörde in den Weg. Wenn er nach seinem Studienabschluss weiter in Deutschland arbeiten wolle, so der strenge Bescheid, dann müsse er ausreisen und aus Wien einen neuen Antrag stellen. «Ich wohnte damals in Hamburg-Ottensen, alle meine Nachbarn waren Türken. Die Begründung des Beamten kam mir deshalb ein wenig erstaunlich vor: Deutschland, sagte er, sei eben kein Einwanderungsland.» So wandert der Österreicher denn aus, in die Schweiz – zuerst als Assistent nach Basel, dann als Professor nach Luzern. Und ist hier glücklich geworden in einem Land, das seit Jahrhunderten von seinen Einwanderern profitiert, auch wenn es das nur ungern ­zugibt. Und das ihn auch nach 26 Jahren noch immer fasziniert in seiner Mischung aus elastischer Kompromissfähigkeit und hart geführten Konflikten. Und mit der selbstverständlichen Mehrsprachigkeit.

Der Mann mit der Armbrust ist eine zwiespältige Figur

Ein Einwanderer ist auch der Schweizer Nationalheld – das hat Groebner letztes Jahr zusammen mit Michael Blatter, dem Stadtarchivar von Sursee, mit listiger Ironie im Buch «Wilhelm Tell. Import-Export» (Verlag Hier und Jetzt) beschrieben. Es ist eine erstaunliche Geschichte: Wie dieser Mann, der 1470 im «Weissen Buch von Sarnen» als «der thäll» nur eine Randfigur ist, deren Versatzstücke aus Persien nach Dänemark gelangt sind, langsam ins Zentrum einer mythischen Entstehungsgeschichte rückt. Wie er in Verruf gerät, weil im 17. Jahrhundert aufmüpfige Bauern und später unliebsame französische Revolutionäre mit ihm hantieren. Und wie ihm dann 1804 ein Schwabe namens Friedrich Schiller wieder auf die Beine hilft.

Der Mann mit der Armbrust ist eine zwiespältige Figur. Freiheitskämpfer berufen sich auf ihn ebenso wie Attentäter. 1969 bezeichnet ihn ein Kommando zur Befreiung Palästinas als Vorbild und Kollegen. Er ist, mit anderen Worten, nicht umzubringen. Valentin Groebner wundert das überhaupt nicht. «Von Tell und von den nationalen Ursprüngen zu erzählen ist Emotionsmanagement», stellt er fest. «Am einfachsten kann man auf Dinge stolz sein, die es nicht gegeben hat.» Allerdings: «In Situationen akuter Bedrohung kann dieselbe Geschichte sehr rasch aus dem Stand-by-Modus des ‹glauben wir Gebildeten eigentlich nicht› aktiviert und wieder in ein Allerheiligstes verwandelt werden.» Zum Beispiel 1939, als eine – massgeblich von Ausländern auf die Bühne gebrachte – Inszenierung von Schillers Drama am Schauspielhaus Zürich zum Ausdruck der Landesverteidigung gegen Nazideutschland wird.

Tells Geschichte, sagt Valentin Groebner, ist ein Verschiebebahnhof. In der Lokomotive sitzt dabei die Politik. Das «Weisse Buch von Sarnen» wird angelegt vom Landschreiber, weil die Habsburger beim Kaiser ihre Rechte eingeklagt haben – und Unterwalden juristisch wenig vorzuweisen hat. Da muss die Geschichte vom bösen Vogt her. Am Beginn des 16. Jahrhunderts dann «passt die Geschichte des hervorragenden Schützen den regierenden Familien der Militärunternehmer grossartig, die Auswärtigen gegen teures Geld Schweizer Söldner als effiziente Killer vermitteln.» Der Chronist Aegidius Tschudi schliesslich, der in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts massgeblich die Vorstellung davon prägt, wie die Eidgenossenschaft entstanden ist, war Lobbyist in französischen Diensten und stolz auf seine eigene vermeintliche adelige Herkunft. «Mit freien Bauern hatte der nichts, aber auch gar nichts am Hut.» Auch in diesem Zusammenhang machten sich die bösen Habsburger gut.

In Geschichte spiegelt sich, was man erträumt

Was auf eine weitere Funktion der Geschichte verweist: Sie ist eine Wunschmaschine. In ihr spiegelt sich, was man sich als Zukunft erträumt. Die Begeisterung für das Mittelalter kommt denn auch europaweit auf, als im 19. Jahrhundert die Nationalstaaten entstehen. «Seither spielt man romantisches Mittelalter nach», sagt Groebner, und schafft sich so eigene, vermeintlich unverwechselbare Wurzeln. Mehr noch: Dieses fiktive homogene und harmonische Mittelalter wird an der Schwelle zum 20. Jahrhundert «zum Rückspiegel jener Moderne, die sich selbst nicht anders als zerrissen und fragmentiert darstellen wollte». Groebner hat diese bis in die Gegenwart reichenden, sich immer wieder verändernden Prozesse 2008 in «Das Mittelalter hört nicht auf» (Verlag C. H. Beck) beschrieben.

«Etwas Erhabenes, gereinigt von allem Schmutzigen»

Besonders gerne wurde die eigene Überlegenheit unter Berufung auf das Mittelalter zelebriert – auch, aber nicht nur von den Nationalsozialisten. 1945 sind solche Töne passé. Doch die Wunschmaschine läuft munter weiter, auch jenseits der Politik. «Das Mittelalter ist elastisch, dehnbar und vieldeutig geworden», stellt Groebner fest. Und es erfährt einen enormen Boom. 2002 wird Tolkiens «Herr der Ringe» aus den Fünfzigerjahren zum «Buch des Jahrhunderts» gewählt. Sein Verfasser erklärt, die Romantrilogie «sollte Hochkultur sein, etwas Erhabenes, gereinigt von allem Schmutzigen».

In Romanen, Filmen, Spielen, Fernsehserien wird das Mittelalter zum exotischen Themenpark für Fantasy-Spektakel. Politisch aufgeladene Abstammungsgeschichten haben dabei auch weiterhin Platz, nicht nur bei Nationalisten in Frankreich, Serbien, Ungarn, Polen oder der Türkei. «Ich habe die Schweizer Kontroversen von 2015 um die Jubiläen der Schlachten von Morgarten und Marignano als wirklich lehrreich empfunden», sagt Valentin Groebner. «Denn da ging es um Medienaufmerksamkeit – und nicht um Geschichte.»