Leben ist Weitermachen

James Salter erzählt in seinem Roman «Alles, was ist» mit unglaublichem Tempo sein Leben: Von unzähligen Lieben, seinen Einsätzen als Kampfflieger, auch im Zweiten Weltkrieg, der Kälte im Innern. Ein verstörendes, seltsames Werk.

Bernadette Conrad
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Nach einem Leben als Kampfflieger zieht James Salter in seinem Alterswerk ein bitteres Résumé. (Bild: ky/Karen Robinson)

Nach einem Leben als Kampfflieger zieht James Salter in seinem Alterswerk ein bitteres Résumé. (Bild: ky/Karen Robinson)

Vielleicht kann es ja gar nicht anders sein, als dass ein Buch mit dem Titel «Alles, was ist» ein temporeiches Buch ist – wie sonst könnte man es schaffen, «alles» zu erzählen?

James Salter, 88, hat in den letzten 35 Jahren Erzählbände veröffentlicht, Gedichte, Memoiren, Reiseberichte, aber keinen Roman. Hier nun erzählt er in grossen Zügen das Leben des Lektors Philipp Bowman, von dessen Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg, wo er als junger Navigationsoffizier auf dem Schiff vor Japan gekämpft hatte, bis ins Alter.

«Tagesanbruch» heisst das erste Kapitel: Unaufgeregt, nüchtern und deshalb umso erschütternder erzählt Salter, der zwölf Jahre Kampfflieger war, von diesen Tagen, als Japan besiegt wurde; als Sterben und Tod und die eigene Todesbereitschaft alles waren, was es gab. Von diesem Anfang stösst sich das Buch und Bowmans Leben ab wie ein Schwimmer vom Sprungbrett; von diesem Anfang bezieht es seine Gehetztheit, Rastlosigkeit, Härte.

Umwerfend schöne Frauen

Bowmans Studium in Harvard, Stellensuche, schliesslich Beginn als Lektor bei einem literarischen Verlag, das alles wird so eilig erzählt, als gälte es, ihn schnell in einer Laufbahn zu verorten, um endlich loszulegen mit dem wahren «Stoff des Lebens».

Was aber ist dieser «Stoff»? «Vivian» heisst das dritte Kapitel, in dem Bowman in einer Bar eine umwerfend schöne Frau kennenlernt und sie deren widerstrebendem Vater zum Trotz heiratet. Die Ehe ist schnell zu Ende, – zwei zu fremde Welten prallen aufeinander.

Von nun an scheint sich Bowmans Leben zu vervielfältigen. Blitzschnell ist Vivian aus Bowmans Leben heraus, aber regelrecht spurlos verschwindet auch seine nächste Liebe Enid, eine Frau in London, mit der ihn eine leidenschaftliche Beziehung verband. Parallel werden zahllose andere Paargeschichten eher angerissen als erzählt, die Zahl der – knapp skizzierten – Personen nimmt in einem schwindelerregenden Tempo zu. Ihrer aller Geschichten ähneln einander – verführen, lieben, betrügen, weiterziehen; nie hat man Zeit, die darin verwickelten Menschen kennenzulernen, bevor sie wieder aus dem Text verschwinden.

«Alles, was ist» ist ein Buch mit einem steinernen Herzen. Der verstörende Widerspruch, dass es einerseits fast ausschliesslich von Herzensdingen handelt, zugleich aber mit einer Flüchtigkeit über die einzelnen Figuren hinweggeht, als verdiene keine von ihnen die wirklich gründliche Annäherung und Beschreibung, zieht sich hindurch.

Männer, die Beute machen

Bowman ist – wie mehr oder minder jeder andere Mann dieses Buches – ein Jäger, dem es ums Beutemachen geht. Die Beute ist Sex. «Er war Herr über sein Leben», heisst es in der Übersetzung von Beatrice Howeg. «Er sammelte sich und drang langsam tiefer, sank in sie wie ein Schiff, ihr entwich ein letzter Schrei, der Schrei von einem kleinen Wild, als er bis zum Heft in ihr versank.»

Ein anderer Mann sieht einmal «ein Mädchen Mitte zwanzig in einer engen schwarzen Hose in der Auslage die Schaufensterpuppe neu dekorieren… Er blieb länger, als er gewollt hatte, er konnte die Augen nicht von ihr nehmen. Sie – nicht das Mädchen aus dem Geschäft, aber jemand wie sie – wurde seine dritte Frau.»

Der Grundton des Buches ist – der scheinbaren Präzision der Sätze zum Trotz – ein melancholisch verschwommener. Was heisst «jemand wie sie»? Eine Frau, die auch Mitte 20 ist und eine enge schwarze Hose trägt? «Was der unsichtbare Teil ihres Lebens war, wer weiss das schon? War sie schwierig oder stand sie nackt zwischen seinen Knien wie die Kinder der Patriarchen, ihr entblösster Bauch, die Rundung ihrer Hüften? Eine gewisse ungewollte Kälte in seinem Inneren hielt ihn vom wahren Glück fern...»

Innere Verwüstung des Krieges

Diese «Kälte im Inneren» durchweht das Buch. Vergleicht man es mit den Romanen der beiden fast gleich alten grossen Schriftsteller Richard Yates und Sloan Wilson, in denen ebenfalls die Trauer über die inneren Verwüstungen des Krieges und der Verdrängung danach das Leben der Veteranen blockiert, fällt auf, dass Yates und Wilson vielschichtige Figuren entworfen haben, während sich in und um Salters Figuren eine seltsame Leere breitet.

Leben ist ein Weitermachen, weiter, immer weiter, seltsam ungerührt. Wie das Buch selbst: Es macht weiter und weiter, wenn man schon längst keine neuen Figuren mehr kennenlernen will. Kein Bogen schliesst sich. War da nicht etwas Wichtiges am Anfang? Es hat sich verloren in diesen Leben, die so seltsam ohne Höhen und Tiefen scheinen. Sogar Bowman, von dem es heisst, er sei ein schöner Mann und er liebe die Literatur, bleibt letztlich ein «Mann ohne Eigenschaften». Man schaut ihm zu, irgendwann irritiert, irgendwann gelangweilt – war das jetzt «alles, was ist»?

James Salter: Alles, was ist, Berlin 2013, 367 S., Fr. 34. 90

James Salter: Alles, was ist, Berlin 2013, 367 S., Fr. 34. 90

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