Leben heisst sich sehnen

Martin Walser Noch einmal erzählt der Autor vom Bodensee seine zeitlos heutigen Leidensgeschichten – unheilbare Liebe, Hoffnung, Sehnsucht. Morgen erscheint sein neuer Roman Muttersohn. Bettina Kugler

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Vertraut mit dem See und mit dem, was die Welt im Innersten zusammenhält: Martin Walser. (Bild: Isolde Ohlbaum)

Vertraut mit dem See und mit dem, was die Welt im Innersten zusammenhält: Martin Walser. (Bild: Isolde Ohlbaum)

Die subtile Komik der Bücher von Martin Walser offenbart sich am besten, wenn man versucht, sie in wenigen Sätzen einem Nichtwalserianer nachzuerzählen. Oder, in einem Frühstadium der Lektüre, während man in der Gegend von Seite 49 des Leseexemplars herumdümpelt – wenn der Kollege im Vorbeigehen fragt: Und, lohnt es sich? Erst da wird einem bewusst, welch satirisches Potenzial in Walsers Romanen steckt. Entgegen erster spontaner Gegenwehr liest man erfahrungsgemäss bald mit wachsender Faszination bis zum apokalyptischen Ende.

Was die Welt zusammenhält

Ein Walser'scher Plot geht zum Beispiel so: Der alternde Chef einer psychiatrischen Klinik zwischen Donau und Bodensee, seit mehreren Jahren 63, fliegt nach Rom, um dort in seine Lieblingskirche zu pilgern. Weltvergessen meditiert Augustin Feinlein vor Caravaggios «Madonna dei Pellegrini» in der Basilika Sant'Agostino «sein Jenseits»; er verliert einen Sommerhut, kauft sich zum Trost zwei Hemden und bekommt später unverhofft den Hut zurück.

Eva Maria, die Liebe seines Lebens, hat ihn gleich zweimal versetzt, was Feinlein zum Mystiker und oberschwäbischen Gralsritter werden lässt: Vor seinem lächerlichen Ende als Promenadenbelustigung – Feinlein sammelt als silberner «Stillstehender» Kleingeld an der Diessenhofener Brücke – lässt er eine Monstranz samt Heiligblutreliquie mitgehen.

Das ist die «unerhörte Begebenheit», die Martin Walser im vergangenen Jahr als eigenständige Novelle seinem mit Spannung erwarteten neuen Roman «Muttersohn» vorausgeschickt hat. Mögen die Kritiker, die als «Heruntermacher» schon lange zum Feindbild des notorisch gekränkten Schriftstellers gehören und auch in «Muttersohn» nicht ungeschoren bleiben, damals 2010 irritiert die Köpfe geschüttelt und das Ganze als Altersverschrobenheit des 83-Jährigen verbucht haben, so liess sich Walser doch nicht beirren in seiner ausufernden Recherche zum Allerheiligsten und dem, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Jetzt steht «Mein Jenseits» als Herzstück im Zentrum des fünfhundertseitigen Opus «Muttersohn»: zwischen haarsträubenden Ehegeschichten, Motorradrennen von Lindau nach Wangen, detailliert ausgehorchten Aufführungen von Händels Oratorium «Judas Maccabaeus» im Konzerthaus Ravensburg, zwischen der Schlafsacktherapie für Psychose-Patientinnen, dem oberschwäbischen Blutritt am Tag nach Christi Himmelfahrt und Late-Night-Talkshows – alles im Ton manischen Bekenntnisdrangs ausgebreitet. Leser seien gewarnt: Der grosse Sinnzusammenhang ergibt sich erst mit der Zeit.

Unbefleckte Empfängnis

Im walsertypischen Wechsel der Perspektiven, der Anhäufung von ins Extrem getriebenen abstrusen Lebensläufen und psychischen Zusammenbrüchen mutet Augustin Feinleins Vermächtnis, das nun seinem Ziehsohn und Jünger Percy Anton Schlugen schriftlich hinterlassen wird, allerdings viel weniger sonderbar an denn als Novellen-Solitär. Schliesslich haben wir uns bis zur Romanmitte bereits in etliche lebensgefährliche literarische Haarnadelkurven gelegt, und die rasante Tour über die Steilkämme von Theologie und Philosophie ist noch lange nicht ausgestanden.

Denn Percy kann als Hauptfigur des Romans biographisch mit noch grösseren Wundern aufwarten als Augustin Feinlein: Ist er doch nicht nur «Muttersohn» einer herzlich naiven Landpomeranze aus dem Argental, die sich per Heiratsannonce und wortreichem Briefwechsel mit einem homosexuellen Ex-Nazi und Arno-Schmidt-Jünger ins Unglück stürzt. Nein, an Josefine, «Fini» genannt, wiederholt sich die Heilsgeschichte unbefleckter Empfängnis; ihr Percy, ein «Engel ohne Flügel», braucht keinen leiblichen Vater ausser den lieben Gott.

Zu diesem hat er natürlich auch einen besonderen Draht – als vom Heiligen Geist erfüllter Spontanredner und Pfleger in der psychiatrischen Klinik Feinleins. Percy hat, wie sein literarisches Modell Parzival, eine «Mission»; sie führt ihn schliesslich auf die Klosterinsel Rheinau und kostet ihn das Leben.

Es mag mit seinen Figuren zusammenhängen, dass Martin Walser nicht daran denkt, sich zur Ruhe zu setzen. So nah er meist, mit satirischer Absicht, am Puls der Zeit ist, so ätzend er Jargons und arrogantes Geschwätz entlarven und Persönlichkeiten parodieren kann, so zeitlos erscheinen die Leidensgeschichten seines Personals aus Anlageberatern, Uniprofessoren, Seelendoktoren, Motorradfahrlehrern – unheilbare Sehnsucht, Liebe, Hoffnung. Sie alle erliegen einer verborgen wirkenden «Illusionsgewalt», oft mit tödlichem Ausgang.

«Wer sich nicht sehnt, lebt nicht», lautet einer der vielen aphoristischen Sätze, die den neuen Roman durchziehen wie verstreute Notizen des kantigen Denkers und Tagebuchschreibers Martin Walser: goldene Regeln wie «Man muss die Heiligen anschreien, wenn sie nicht helfen. Dann helfen sie.» Oder: «Die Liebe findet alles schön.» Oder: «Glauben heisst, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist.»

Groteske Heimatmystik

Man muss schon ein gerüttelt Mass Walser-Frömmigkeit beim Lesen dieses landespsychiatrischen Evangeliums mitbringen: den Willen, allem tiefere Bedeutung zuzubilligen, sich den «Geschehnisdeutlichkeiten» zu öffnen. Doch zwischen Donau, Bodensee und Rheinknie wird man sich Walsers grotesker Heimatmystik nicht entziehen können.

Falls doch, hat er sich schon in der Novelle von 2010 mit einem Zitat des Barockmystikers Jakob Böhme gegen Kritik der «Heruntermacher» salomonisch gewappnet: «Wer es verstehen kann, der verstehe es. Wer aber nicht, der lasse es ungelästert und ungetadelt. Dem habe ich nichts geschrieben. Ich habe für mich geschrieben.»

Martin Walser: Muttersohn. Roman, Rowohlt-Verlag Reinbek 2011, Fr. 37.90