Leben heisst beweglich bleiben

Noch einmal ausbrechen, und sei es im Rollstuhl: Am Freitag wurde Fred Kurers Kammerspiel «Mit beiden Beinen» im St. Galler Theater Parfin de siècle uraufgeführt. Das Stück ist Arnim Halter auf den mattgesetzten Leib geschrieben.

Bettina Kugler
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Er will fliehen aus dem Alltagstrott, sie hält ihm den Spiegel vor: Gian und Giulia Kubli (Arnim Halter und Ursula Affolter) in Fred Kurers Kammerspiel «Mit beiden Beinen». (Bild: Urs Bucher)

Er will fliehen aus dem Alltagstrott, sie hält ihm den Spiegel vor: Gian und Giulia Kubli (Arnim Halter und Ursula Affolter) in Fred Kurers Kammerspiel «Mit beiden Beinen». (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. «Joke» nannten ihn die Verbindungsbrüder in einem ziemlich weit zurückliegenden Leben – aus dessen bürgerlicher Fortsetzung, mit Hochschulprofessur und mehr als vierzig Jahre währender Ehe, sich Gian Kubli gerade in juvenilem Leichtsinn davonmacht. Zumindest, wenn man ihn reden hört. Dazu wird man in den neunzig Minuten in der Atelierbühne ausgiebig Gelegenheit haben.

Ein schlechter Witz für Giulia Kubli (Ursula Affolter). Jahrzehntelang hat sie ihm «den Rücken freigehalten»; nach wie vor kann sie es nicht lassen, nach dem Rechten zu schauen bei ihm und mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg zu halten. Kubli alias Arnim Halter will es noch einmal allen zeigen, die zu wissen glauben, was für einen «alten Knacker» wie ihn das Beste ist. «Mit beiden Beinen», so der Titel des Kammerspiels, das Fred Kurer für Parfin de siècle geschrieben hat, würde er gern im Leben stehen; selbstbewusst und eigensinnig Boden unter den Füssen spüren. Doch noch bevor einer den Mund aufmacht an diesem Abend, sehen wir, wie es wirklich um ihn steht. Er kann kaum stehen, geschweige denn gehen.

Fit genug für alte Hüte

Mühsam hangelt er sich voran, Schritt für Schritt, auf das Geländer gestützt, bis er endlich Platz nimmt in seinem neuen Reich. Sein Thron: ein Rollstuhl. Ein rotes Elastic-Band, mit dem er brav trainiert, verbindet ihn noch mit dem Rest der Welt. «Irgendwie verspürst du so etwas wie Glück», sagt er zu sich selbst, das Mikrophon eines altmodischen Diktiergeräts in der Hand. Auf dem Tisch steht ein Fossil von Schreibmaschine, auf der er vielleicht einmal die Doktorarbeit getippt hat (oder von zarten Fräuleinhänden hat tippen lassen). Hinter sich Flaschen; Wein und auch schärfere Sachen – falls ihn mal zwischenzeitlich Zweifel beschleichen sollten. Was ziemlich oft der Fall sein wird. Dann braucht er einen Drink und wir sanften Jazz (Stefan Suntiger).

Das ist das Setting für Kurers mit ironischen Spitzen versehene Dreiecksgeschichte in der Regie von Regine Weingart: eine Berghütte im Unterengadin, in der Kubli sich verschanzt und um sich selber dreht. Obwohl er sich in den Nachlass der Grosseltern vergräbt, vorgeblich, um «zu lernen aus der Vergangenheit». Dreieck deshalb, weil es nicht lange gehen wird, bis frischer Wind in die Hütte wirbeln wird – in Gestalt der jungen Trix (Nathalie Hubler). Studium und Mann hat sie soeben «an den Nagel gehängt» (mutmasst Kubli). Trix kommt ihm gelegen und entfacht, siehe da, sogar die Eifersucht Giulias.

Fluchtwege aus der Realität

Dabei steht Ursula Affolter als Giulia so unbarmherzig im Leben wie auf der Bühne in ihrer engen Gemütlichkeit: mit beiden Beinen, gerne im Vordergrund. Nicht dass sie sympathisch wäre. Aber sie hat nun einmal recht. «Du bist das blanke Bild der Wirklichkeit, die sich sperrt gegen sich selbst», hält sie Kubli vor und spottet über seine lächerliche «Oma-und-Opa-Geschichte» nicht minder als über die alterserotischen Flausen mit Trix. Die sich recht absehbar entfalten und bald ins Leere laufen.

Etwas zu schlicht hat Kurer diese Trix angelegt, die Kublis Flucht in die Freiheit stören soll: erst fast schon unerträglich naiv, was Nathalie Hubler zu aufgesetzter Pferdeschwanz-Turnschuh-Lässigkeit zwingt. Dann als Sparringpartnerin im Schlagabtausch über historisches Scheitern. So weit das eine wie Trix eben gerade noch «checkt».

Damit schrumpft der grosse «Ausbruch», eine von Anfang an durchschaubare tragikomische Verblendung, zum Klischee «alter Sack liebt junges Ding». Und überlagert unerfreuliche Erkenntnisse über die ungestillten Sehnsüchte der Grosseltern. Bleibt nur das flüssige Vergessen.

Nächste Vorstellungen: 9., 10., 12. 12., 20 Uhr, weitere im Januar.

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