Leben auf der Strasse

Zehn Tänzer, drei Sommer und tausend Sprünge übers Strassenpflaster. Der Ostschweizer Breakdance-Film «The Rising Sun» feiert heute in Zürich Premiere.

Roger Berhalter
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Höhenflüge: Für die Roc Kidz Crew ist der Strassentanz Leidenschaft und Sucht. (Bild: pd)

Höhenflüge: Für die Roc Kidz Crew ist der Strassentanz Leidenschaft und Sucht. (Bild: pd)

Füsse wirbeln durch die Luft, Oberkörper drehen sich rasend schnell auf dem Kopfsteinpflaster. Dazu Sprünge, Salti, Hip-Hop-Musik. Die Roc Kidz Crew zeigt auf einer römischen Piazza eine weitere Breakdance-Show. Die Strassentänzer kommen aus Deutschland, Japan, Iran, Italien, aus der Türkei und der Schweiz. Sie sind erneut auf Achse und tun das, was sie am liebsten tun und am besten können.

Mit Breakdance haben sie ihren Weg gefunden, um unabhängig zu sein, neue Menschen kennenzulernen und Respekt und Toleranz zu leben.

Einziger Schweizer Beitrag

Die drei Sommer von 2007 bis 2009 hat die Roc Kidz Crew tanzend auf der Strasse verbracht. Der Romanshorner Fabian Kimoto – dessen Bruder und Schwester ebenfalls mittanzen – hat die Tour mit der Kamera gefilmt und insgesamt 50 Stunden Videomaterial zu einem Dokumentarfilm geschnitten.

«The Rising Sun» heisst das Ergebnis, mit dem es Kimoto bis ans Zurich Filmfestival geschafft hat. Dort feiert der Film heute abend Premiere, als einziger Schweizer Beitrag im internationalen Dokumentarfilm-Wettbewerb. Klar, dass da die Roc Kidz Crew nicht einfach über den roten Teppich spazieren, sondern darauf Salti schlagen wird.

Auf dem Strassenpflaster in Rom muss Plastik reichen. Auf einer simplen Plache vollführen die Tänzer in der Fussgängerzone ihre Show, mit der sie sich das Geld für den nächsten Tag verdienen. Es ist ein Leben in Freiheit, ohne Chef und ohne Regeln, dafür mit einer Familie aus Freunden: «Wir teilen uns alles, bis auf die Unterwäsche. Die Socken allerdings schon. Auch das Essen und die Verantwortung.»

Die Kamera tanzt mit

Der Film zeigt die Breakdancer auf ihrer Tour durch die Welt. Die meisten Szenen spielen in Rom, man sieht aber auch den schiefen Turm von Pisa, die U-Bahn von Tokyo, den Eiffelturm – und einmal fährt der buntbemalte Tourbus sogar über die «Ganggelibrugg» zwischen St. Gallen und Stein. Die Kamera fängt stimmungsvolle Bilder ein, zeigt die Tanztruppe am Strand, beim Wäscheaufhängen, beim Feiern und beim Trainieren bei 40 Grad.

In den Breakdance-Szenen wird die Kamera selber zur Tänzerin. Sie bleibt nah an der Strasse und an den Körpern, richtet sich wieder auf oder dreht sich um die eigene Achse. So rückt der Zuschauer noch näher ans Geschehen als die Passanten im Film. Er sieht, wie sich die Sehnen und die Muskeln der Tänzer anspannen und merkt, dass hinter diesen vermeintlich lockeren Bewegungen knochenharte Arbeit steckt.

Tanzen als Sucht

«Ich habe meinen Job aufgegeben, um täglich fünf Stunden üben zu können», sagt ein französischer Breakdancer im Film. Auch die Roc Kidz Crew kündigte ihre Wohnungen und Jobs, um 18 Monate am Stück auf Breakdance-Tour zu gehen. «The Rising Sun» zeigt den Strassentanz als Leidenschaft, fast schon als Sucht. Selbst mit Verletzungen trainieren die Roc Kidz weiter: «Wenn meine Hand verletzt ist, kann ich immer noch Saltos üben», heisst es in einer Szene.

Pirouetten mit Krücken

«The Rising Sun» hinterlässt nachhaltige Eindrücke. Zum Beispiel von Dergin Tokmak, der im Rollstuhl sitzt, mit seinen Krücken aber tanzt wie ein Irrer (und mittlerweile mit dem Cirque du Soleil um die Welt tourt). Oder von der befreundeten Copelnix Crew aus Tokyo, die sich tanzend und blödelnd der modernen japanischen Technikwelt widersetzt. Der Dokfilm zeichnet auch ein positives Bild der Hip-Hop-Kultur. Gewalt, Waffen und Drogen fehlen. Dafür glänzen Schweiss auf der Haut und ein Lächeln im Gesicht.