Laute Träume

Fotografie Am Freitagabend schiebt das Kunstmuseum St. Gallen die vierte Nachtschicht. Mit DJs, einer Bar und neun jungen Künstlern, die die Nacht ins Bild gesetzt haben. Lukas G. Dumelin

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Irgendwann ist alles gesagt. Die Worte versiegen, und man liegt sich plötzlich in den Armen. Man tanzt, alles ist gut, auch wenn sich alles dreht, auf der Tanzfläche und im Kopf. Es ist zwei Uhr, vielleicht bereits vier Uhr, doch das spielt keine Rolle: Die Nacht ist lang.

Von einer solchen Nacht erzählt das Bild von Selina Buess. Entstanden ist es während eines Austauschaufenthalts in den USA. Auf der Party einer Studentenverbindung wollte sie die spätabendliche Gelöstheit einfangen. Der Betrachter des Bildes sieht Dinge, die den Feiernden wohl verborgen geblieben sind: die Blase am linken Fuss einer Tanzenden, die Pickel im Gesicht des jungen Mannes im Hintergrund.

Vierte Ausgabe der Nachtschicht

Die 23jährige Selina Buess ist eine der jungen Fotografinnen und Fotografen, die an der vierten Ausgabe der Nachtschicht beteiligt sind. Dabei handelt es sich um eine Eventreihe des Kunstmuseums St. Gallen. «Wir wollen mehr junge Leute ins Museum holen», sagt Kuratorin Nadia Veronese.

Damit die Jungen auch wirklich kommen, ist das Kunstmuseum am Freitag bis um zwei Uhr früh geöffnet. Ab 20 Uhr beschallen DJs das Foyer, eine Stunde später wird die erste Nachtschicht-Edition lanciert. Die Publikation versammelt Fotos von den neun jungen Künstlern und Kunststudenten aus der Ostschweiz. Vor längerem wurden sie dazu aufgerufen, Bilder einzureichen, die etwas mit dem Thema Nacht zu tun haben.

Ruhe und Raum für Gedanken

Ein Bild der Nachtschicht-Publikation stammt auch von Adrian Rast. Der gebürtige St. Galler studiert mit Selina Rast Kunst & Vermittlung an der Hochschule Luzern – und ist erklärter Fan der Nacht. «Die Nacht fordert einen dazu auf, die Helligkeit aus sich selber herauszuholen», sagt er. Das heisst in anderen Worten: Nachts hätten die Gedanken mehr Ruhe und Raum, um sich zu entfalten.

Wenn er sich ins Bett legt, kommen Träume, oft absurde Träume. «Ganze Naturgesetze werden auf den Kopf gestellt», sagt Adrian Rast. Surreal sei das. So surreal wie auch sein Bild zur Nacht. Genau genommen sind es zwei. Über die Surfbretter an einem Strand in Südfrankreich hat er eine Palme gelegt: Eine unwirkliche Verwebung zweier Bilder, so, als wären sie einem Traum entnommen.

Das Pferd im Mondlicht: Illusion

Träume mochte Vanja Hutter lange nicht. Die 24jährige St. Galler Kunststudentin fürchtete sich vor der Nacht, weil sie die Stille vor dem Einschlafen nicht ertrug. «Umso stiller es war, desto lauter wurden die Träume», sagt sie. Der Traum, den ihr Bild in der Nachtschicht-Edition suggeriert, ist jedoch ein leiser: ein Pferd auf einer Weide, beschienen vom Mond.

«Alles Illusion», sagt Vanja Hutter. «Das Bild wurde gar nicht nachts aufgenommen.» Es handle sich um einen Schnappschuss am helllichten Tag in einem Tierpark: Die Spiegelreflexkamera sei falsch eingestellt gewesen. Was genau falsch eingestellt war, hat sie bis heute nicht herausgefunden.

Zum Glück gibt's Lichtschalter

Ob Ausgang, Raum für Gedanken oder absurde Träume: Die Nacht ist auch unheimlich. Das deutet Annina Arter, Textildesignerin in St. Gallen, mit ihrem Bild an. Sie hat ein Gespenst fotografiert – oder ihre Kollegin, versteckt unter einer Bettdecke. «Bettflucht» heisst das Werk. Vielleicht ist es nicht nur die Flucht vor der doofen Situation, im Bett zu liegen und nicht einschlafen zu können. Sondern auch eine Flucht in die wahre Dunkelheit. «Der Mensch von heute», sagt Annina Arter, «weiss gar nicht mehr, wie dunkel dunkel ist. Wir können ja jederzeit den Lichtschalter drücken.»

Freitag ab 20 Uhr: Nachtschicht im Kunstmuseum St. Gallen. Mit Bar und Beats von Lovestream und Mitsutek. Ausserdem: Nächtliche Führungen durch die Ausstellung «Through the Looking Brain».

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