Literatur
Laut Norman Manea braucht es die Möglichkeit des Exils

Ist die bestimmende Kondition des heutigen Weltbürgers das Exil? Zu diesem brandaktuellen Schluss kommt der grosse rumänische Schriftsteller Norman Manea in einer neuen Essaysammlung

Stefan Brändle, Paris
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Norman Manea lebt in New York, schbt aber Rumänisch. HO

Norman Manea lebt in New York, schbt aber Rumänisch. HO

Er ist im abgeklärten Alter, sein Werk gleichmässig weise und reflektiert. Aber einmal wurde Norman Manea richtig zornig. Das war, als ihn Saul Steinberg bei einem Dîner-en-ville in New York fragte: «Gibt es überhaupt noch eine rumänische Literatur?» Manea konterte ausser sich: «Wann sind Sie denn aus Rumänien weggegangen?» Dann nannte er all die Namen, die ihm recht gaben: Rebreanu, Petrescu, Blecher, Urmuz, den Ionesco als seine grossen Vorläufer beschrieben habe. Steinberg, der exzentrische, durch seine verzerrten Weltkarten im «New Yorker» berühmte Illustrator, musste kleinlaut beigeben. Später wurden die beiden Exil-Rumänen Freunde.

Man kann sich fragen: War es für sein Heimatland oder eher für dessen Literaten, dass sich der jüdische Emigrant Manea so vehement in die Bresche schlug? Er, der 1941 als fünfjähriger Knirps vom faschistischen Regime in Bukarest im Eisenbahnzug in ein KZ in Transnistrien deportiert worden war; der 1986 wegen des Ceausescu-Regimes und der realsozialistischen Zensur voller Bitterkeit nach Westberlin ausgereist war, dort Freundschaft mit dem Briefträger schloss; der schliesslich «mit Fragen über das Fremdsein regelrecht gemartert» wurde, wie er sich in seinem neuen Essayband «Wir sind alle im Exil» erinnert.

Die Frage der Sprache

Die Frage des Fremdseins, des Exils, ist auch die Frage der Sprache. Manea wuchs auf Rumänisch auf, spricht aber auch Deutsch, stammt er doch aus der früher österreichischen Bukowina. Wie sein Seelenverwandter Paul Celan. Dessen Deutsch war aber, so Manea, «von vornherein eine exilierte Sprache, die aus Wien, nicht aus Berlin, in die habsburgische Bukowina gelangte».

Anders als sein Landsmann Emil Cioran, der im Pariser Exil ins Französisch wechselte, blieb Manea beim Rumänischen – auch als er 1988 in die USA übersiedelte. Dort lebt er bis heute, und dort befand er, die Sprache sei wie das Schneckenhaus, das die Schnecke überallhin mitnehme. «Für den Schriftsteller, der nirgends Heimat hat, ist Sprache wie eine Plazenta. Für ihn, der im eigenen Land denkbar fremd ist, ist sie nicht nur eine sanfte und herrliche Eroberung, sondern die geistige Legitimation, sein Zuhause.» An anderer Stelle bezeichnet er sie gar als «Ort des Überlebens», um fast trotzig anzumerken: «Keiner kann einem die Sprache nehmen.»

Bloss gibt es dabei laut Manea ein Problem: Die «Sprache der Innerlichkeit, der gedämpfte Klang der Gedanken» brauche die «äussere Phonetik»; ohne das gesprochene Wort führe das Exil notgedrungen zur «sozialen Entwertung der Muttersprache». Sein Englisch bleibt hingegen nur «eine Mietsprache, die sich ein Robinson Crusoe für gesellschaftlich notwendige Verhandlungen ausgeliehen hat, um sich dem Stamm, der ihn beherbergt, sprachlich anzupassen.»

Natürlich gibt es für den Schriftsteller die Möglichkeit von Übersetzungen. Sie ermöglichen ihm die literarische Aufnahme wie ein «Einreisevisum», so Manea. Seine tiefe Identitäts- und Schreibkrise liess sich dennoch nicht vermeiden. Das Englische sei zumindest in New York temporeicher, einfacher und geradliniger als das «lateinisch-orientalische Gemisch» des Rumänischen, musste er feststellen. Mehrmals habe er sich dabei ertappt, wie er seinen Stil vereinfacht habe, um die Übersetzung in die Sprache seines Wohnortes überhaupt zu ermöglichen.

Diverse Antisemitismen

Maneas neue Essaysammlung enthält Texte über die rumänische Kommunistin und Ex-Aussenministerin Ana Pauker, die Opfer des latenten Antisemitismus stalinistischer Prägung wurde; des weitern über Cioran, dem wiederum der Antisemitismus der Rechten unterstellt wurde (Manea urteilt über seinen Landsmann, den er in Paris selber getroffen hatte, objektiv, aber konzessionslos). Und dann auch über Celan, der in Paris seinerseits an seinem «Exildeutsch» (so Manea) festhielt, «selbst wenn die Sprache Deutsch und der Dichter Jude» war. Worauf sich Manea selber fragen muss, ob man als jüdischer Deportierter und Regimegegner noch Rumänisch schreiben könne. Aber er tut es, und zwar nach eigener Darstellung vor allem wegen der rumänischen Volksmärchen, die ihm als Kind eine literarische Wiege gewesen waren.

Langsam vereinigen sich seine Kernthemen – Totalitarismus und Shoa, Exil und Sprache – zu einem Einzigen, dem Einzigen auch, das bezeichnenderweise nicht mehr direkt mit Rumänien zu tun hat, sondern darüber hinausgeht: Kafkas «Unmöglichkeiten». Die erste ist die Unmöglichkeit, nicht zu schreiben (weil ihn das Schreiben am Leben hält), die zweite die Unmöglichkeit, auf Deutsch zu schreiben (wegen der Entfremdung zum deutschen Alltag); die dritte besteht in der Unmöglichkeit, anders zu schreiben (als auf Deutsch), die vierte in der Unmöglichkeit, zu schreiben.

Das unentwirrbare Netz

Manea analysiert dieses widersprüchliche, unentwirrbare und letztlich unentrinnbare Netz, in dem Kafka gefangen war, und wundert sich: Eigentlich hätte der Prager eine fünfte Unmöglichkeit anführen müssen – die Unmöglichkeit, im Exil zu schreiben, oder schlicht die Unmöglichkeit des Exils. Sie sei eine Art Quintessenz, ein Kondensat der vier ersten Unmöglichkeiten, meint Manea. Und sie zwingt ihn, seine frühere Feststellung zu revidieren, der Exilant werde durch das mitgeführte Schneckenhaus der Muttersprache beschützt.

In Wirklichkeit sei sie stets bedroht, denn der Exilschriftsteller pralle unvorbereitet auf sein neues Umfeld, er erlebe «den neuen Boden und den neuen Himmel, die neuen Lebewesen, den Klang ihrer einladenden oder abweisenden Sprache». In der heissen Wüste sei die Schnecke trotz ihres Häuschens gefährdet, und damit auch die Chance des «schriftstellerischen, sprachlichen Überlebens».

Und dieses Schicksal drohe heute, wie Manea schreibt, nicht mehr nur dem Schriftsteller, Emigranten oder Juden, sondern allen Sterblichen. Im neuen Jahrtausend würden Mobilität und Migration, so Manea, bald schon normal, damit auch «trivial»; unsere Welt werde damit «kosmopolitisch, postmodern, post- und intensivkafkaesk, zentrifugal». Fast dreissig Jahre nach seiner Abreise aus Bukarest kommt der 79-jährige Rumäne zu einem düsteren Schluss: Was man euphemistisch «unbegrenzte Möglichkeiten» nenne, sei in Wahrheit die Zunahme von Exil und Entfremdung, der Verlust von Erinnerung und Hoffnung.

Die sechste Unmöglichkeit

Man könnte sich nun seinerseits wundern, warum Manea eine sechste Unmöglichkeit auslässt, nämlich die der Rückkehr des Exilanten. Ist sie nur möglich für nationale Denker wie Alexander Solschenizyn, der 1994 nach Russland zurückkehrte? Manea schweigt sich dazu aus, obwohl man nach seinem Erinnerungsbuch «Die Rückkehr des Hooligan» und einer kurzen Rückreise nach Rumänien mehr zu dem Thema erwartet hätte. In seine Landessprache zurückfallen, wie das Cioran auf seinem Sterbebett tat, ist für Manea kein Thema; er ist ihr immer treu geblieben. Ein Grund weniger für den rumänischen Autor, in das Land seiner Muttersprache zurückzukehren. Der kreativen Kraft seiner jüngsten Essays lässt sich entnehmen, dass das Leben fern der Heimat zumindest möglich, wenn nicht gar vorzuziehen ist. Manea ist selbst der Beleg: Vielleicht gibt es doch etwas wie die Möglichkeit des Exils.