Lausanne calling

Dank neuer Platten von Favez und Honey For Petzi erinnert Lausanne daran, dass es vor zehn Jahren der wichtigste Ort der Schweiz in Sachen Indie Rock war – und deren Puls bis heute mitbestimmt.

David Gadze
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Favez stechen wieder in See. Die wichtigste Schweizer Rockband der letzten fünfzehn Jahre kehrt nach einem Abstecher in seichtere, in tiefere Gewässer zurück. Und mit der Rückkehr von Honey For Petzi (im Bild) leuchtet plötzlich ein Ort auf der Landkarte wieder auf, der in der letzten Dekade Entscheidendes geleistet hat: Lausanne.

Um die Jahrtausendwende war Lausanne das unbestrittene Zentrum der einheimischen Rockszene – von der Mundart-Hochburg Bern mal abgesehen.

Bands wie Favez, Magicrays, Toboggan, Honey For Petzi, A Season Drive oder Chewy, aus denen später die Projekte Pendleton und Sigurd hervorgingen, waren und sind eng miteinander verbunden. Diese kleine Indie-Gemeinschaft um ein paar visionäre Köpfe bestellte das Feld, aus dem später in der ganzen Schweiz nicht nur haufenweise neue Gruppen, sondern vor allem ein neues musikalisches Selbstverständnis spriesste. Sie legte Scheuklappen ab und erweiterte Horizonte.

Veränderung gegen Stillstand

Favez wurden zum Eisbrecher der Schweizer Indie-Rock-Szene und räumten einer ganzen Generation Musikern den Weg frei. Mit Alben wie «Gentlemen Start Your Engines» und «From Lausanne, Switzerland» stiegen sie schliesslich zu deren Flaggschiff auf. Auf der letzten Platte «Bigger Mountains Higher Flags» verstärkten Piano und Keyboards den Antrieb, gleichzeitig verlangsamte sich die Fahrt auch.

Das Schiff nahm Kurs auf Gewässer mit weniger Wellengang und Gegenwind, worauf langjährige Passagiere zähneknirschend von Bord gingen. «Es irritiert mich immer wieder, wenn Leute fragen, warum wir uns verändert haben. Ich bin jetzt 38, nicht mehr 26 – Gott sei Dank habe ich mich verändert. Ich will, dass meine Band noch in zwanzig Jahren besteht. Aber dann muss sie sich entwickeln», sagt Sänger Chris Wicky im Interview.

Nussschale und Fregatte

Auf «En Garde!» kehren Favez dorthin zurück, wo das Wasser eine bedrohlich dunkle Farbe hat. Die Stärke der Gruppe bleiben die mächtigen Melodien, auch wenn sie ihre Macht auf etwas subtilere Weise ausüben. Gitarren und Keyboards sind feiner aufeinander abgestimmt, es wird nur da gekleckert, wo es auch Platz für Kleckereien hat. «En Garde!» klingt entspannt, ohne zu erschlaffen. «Wir haben eine Gelassenheit entwickelt, die vieles einfacher macht», meint Wicky.

Die Band versteht es inzwischen, aus der Fragilität ihrer Kompositionen Kraft zu schöpfen. Statt aus allen Rohren zu feuern, wird ganz gezielt geschossen. Favez sind Nussschale und Fregatte zugleich.

Kaleidoskopische Wunderwerke

Nach mehr als fünf Jahren meldeten sich vor kurzem auch Honey For Petzi mit einer neuen Scheibe zurück.

Das Trio, das früher für seinen weitmaschigen Post Rock bekannt war, hat sich sowohl stilistisch als auch klanglich noch mehr geöffnet und legt mit «General Thoughts And Tastes» sein bisher bestes Album vor. Es klingt wie ein Bastard aus Shellac und Air: Ins Post-Rock-Fundament mischen sich schüchterne Pop-Anleihen, zu den Instrumenten gesellt sich Gesang, Synthesizer verfangen sich in den Texturen.

Wo früher allein atmosphärische Bildlichkeit dominierte, bilden jetzt gestutzte Melodiebögen die Ankerpunkte.

Honey For Petzi brechen die repetitiven Muster immer wieder mit neuen Ornamenten und kreieren schwebende Klangflächen, die immer in Bewegung sind, nahtlos ineinander übergehen, sich deformieren und dekonstruieren, bis ein neues Bild daraus entsteht.

Songs wie «Old Enough» oder «Strategy, Bravery, Honour» sind kleine kaleidoskopische Wunderwerke, aus denen die mannigfachen Ideen nur so herauspurzeln. Das Gesamtwerk bleibt dabei immer in sich schlüssig. Geblieben sind diese Virtuosität und die Präzision, mit denen die Lausanner zu Werke gehen.

Den Puls mitbestimmen

Inzwischen ist Lausanne nicht mehr der alleinige Taktgeber der Schweizer Musikszene.

Doch mit dem Label und Künstlermanagement Two Gentlemen und dem Vertrieb Irascible, der den besten Label-Katalog der Schweiz hat (vgl. «zoom» vom 8. Februar), bestimmt es den Puls der Szene entscheidend mit.

Favez: En Garde!; Honey For Petzi: General Thoughts And Tastes (beide Two Gentlemen/Irascible). Favez live: 25. Februar, Chur (Selig); 5. März, St. Gallen (Grabenhalle); 11. März, Winterthur (Gaswerk); 9. April, Schaffhausen (Kammgarn). Honey For Petzi live: 1. April, Winterthur (Gaswerk)

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