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«Langweilige Anfänge finde ich toll»: Das schräge Universum von Autor Dieter Zwicky

Der Zürcher Autor predigt die Qualität des Schlechten und den Entzug von Inhalt. Seine literarische Welt ist skurril, aber unserer ähnlich und sehr unterhaltsam.
Valeria Heintges
Schriftsteller Zwicky ist auch ein Hundefan. (Bild: Corinne Stoll)

Schriftsteller Zwicky ist auch ein Hundefan. (Bild: Corinne Stoll)

Es ist eher ungewöhnlich, dass ein Autor vor seinem Buch warnt. «Und vorgängig gelte», schreibt Dieter Zwicky der Journalistin, «bittschön nicht über Sinnfindungsschwierigkeiten bei der allfälligen Lektüre verzweifeln, das lohnt nicht!» Es seien «bloss Hirn und Leben des handelnden Ehepaars, das aus der Bahn geraten ist».

Das wirkt ein bisschen unsicher, sogar schüchtern. Aber es ist natürlich auch kokett: 2017 gewann Dieter Zwicky einen der Schweizer Literaturpreise, 2016 in Klagenfurt mit einem Ausschnitt aus seinem neuen Buch «Los Alamos ist winzig» den Kelag-Preis, und gerade konnte er dank der Stadt Zürich ein halbes Werkjahr an seinem Buch arbeiten.

Und sind die Texte von Dieter Zwicky wirklich unverständlich? Die Antwort ist zweideutig, wie der Autor und sein Werk. Sicher ist: Er macht es seinen Lesern nicht leicht. Durchgängige Handlung? Fehlanzeige. Politische Botschaft? Erklärende Passagen? Ein Spannungsbogen, der alles zusammenhält? Alles Fehlanzeige.

Stattdessen: ein Buch mit Kürzest-Absätzen, oft nur ein, zwei Sätze lang. Aber da reihen sich schimmernde Sprach- und Wortspielereien wie Perlen auf einer Kette aneinander. Fantastereien. Surrealitäten. Dinge, die in einem Satz behauptet und im nächsten zurückgenommen werden. Da finden sich Beschreibungen von verqueren, verdrehten Menschen, wie sie jeder kennt. Das ist hochkomisch, tieftraurig und staubtrocken. Und vor allem sehr unterhaltsam.

Bruce, ein verstörter, gelber Junge im Rohzustand

In «Los Alamos ist winzig» spricht Jacqueline stark dem Alkohol zu und ihr Mann, der namenlose Ich-Erzähler, hat Krebs. Die beiden sitzen auf der Terrasse, trinken je länger je mehr Chardonnay und unterhalten sich. Das heisst: Er quatscht, und sie darf zuweilen auch etwas sagen.

Sie reden über Los Alamos, das nicht nur winzig ist, sondern auch steril, trostlos und ziemlich langweilig. Über ihre Bekannten, sehr sonderbare Typen. Etwa ein Nuntius mit Namen Josh Birnbaum, der im Ballon gefahren kommt. Cousin Kwoo, «der ehrliche Idiot».

Gretchen Behausnig, eine sportliche Frau, die in die Umrisse Neuseelands verliebt ist. Und über Bruce Litchener, «ein verstörter, gelber Junge im Rohzustand». Bruce ist seinem Schöpfer besonders ans Herz gewachsen, sagt der 62-jährige Zwicky im Gespräch. So sehr, dass er diesem «Dichter ohne Werk» sein Buch widmet: «Für Litchener – den unsterblichen Bruce, der verschollen ist.» Den er selbst hat verschollen gehen lassen, wohlbemerkt.

«Langweilige Anfänge finde ich toll»

Und scheint dies alles, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen, wie «Wahnsinn, so hat es doch Methode». Erdacht von einem Autor, der im Brustton der Überzeugung sagt: «Langweilige Anfänge finde ich toll». Und der als studierter Theologe den «Entzug von Inhalt» und «das Schlechte als Qualität» predigt.

Das sei doch viel normaler als das kunstvoll gebaute Schöne. Auch liebt Zwicky das Schräge, das Wacklige, das vielleicht schon einem genauen Blick nicht standhält.

Aber ist unsere Welt nicht ähnlich, merken wir nicht auch gerade, dass das (ökonomische, ökologische, soziale) Gleichgewicht ins Wanken geraten ist? Vielleicht würde Zwicky eine solche Deutung gefallen, womöglich wäre sie ihm auch zu bedeutungsvoll. Zu gern unterläuft er schliesslich in seinen Texten die «hysterische Erwartungshaltung», lässt sich und seine Leser ins Leere rennen.

Er wird getrieben vom Schalkhaften, vom Absurden, das er mit Wonne aus den Worten herausklopft. Oft lädt ihn schon der erste Satz zur Reise in ein neues Werk ein. Als Sprungbrett, das ihn zum nächsten Satz trägt und zum nächsten und zum nächsten. So schreibt er sich einfach weiter.

Zwicky ist es sehr ernst mit dem Spass. Im Gespräch antwortet er nur zögerlich, umkreist seine Antworten, formuliert sie neu, nähert sich den Dingen von anderen Seiten. Es scheint, als müsse er sich in sich selbst zurückziehen, um aus sich herausgehen zu können: Oft hält er die Augen geschlossen, und auch seine Gestik weist auf ihn selbst zurück.

Dabei recherchiert er nicht, bevor er losschreibt. Es kann also sein, dass er einen Ort zum Zentrum einer Erzählung macht, einfach weil dessen Name schön klingt. Und erst hinterher merkt, dass in einem Labor im realen Los Alamos unter der Leitung von Robert J. Oppenheimer ab 1942 die erste Atombombe entwickelt wurde.

Er habe das nicht mehr gewusst, sagt Zwicky, es habe während des Schreibens keine Rolle gespielt. Dass sich dennoch manches als Anspielung auf die Experimente lesen lässt, sieht Zwicky als Beweis für die Anpassungsfähigkeit der Literatur.

Der Korrektor sehnt sich nach Themenlosigkeit

Die Literatur ist für ihren Autor lebenswichtig als Ausgleich zum eher stupiden Broterwerbsjob. 29 Jahre arbeitete er bei der Post; jetzt ist er Korrektur einer Zeitschrift, die ihm politisch gar nicht entspricht. Wenn er die wöchentlichen Schlusskorrekturen mit ihrer «stupiden massenhaften Kommasortierung» hinter sich hat, sehne er sich «nach Themenlosigkeit».

Dann versinkt er im Schreiben, diesem «Pseudo-Ordnungssystem». Die Ordnung der Sätze, einer nach dem anderen, sei zwar «toll», aber nur behauptet, ohne jede Garantie auf Gültigkeit oder Wahrhaftigkeit. Man kann sich wie der Autor in dieser Ordnung auch wunderbar verlieren. So sind nun mal die Regeln im Universum des Dieter Zwicky.

Dieter Zwicky: Los Alamos ist winzig, Edition Pudelundpinscher, 140 Seiten

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