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LAND UND LEUTE: Schnell, schneller, Südkorea

Morgen beginnen die Olympischen Winterspiele im südkoreanischen Pyeongchang. Die Musikerin Seung-Yeun Huh über den Fleiss, den Maximalismus und die Familientreue in ihrer alten Heimat.
Rolf App
Tradition neben Moderne: In Südkoreas Hauptstadt Seoul stossen Gegensätze aufeinander, im Vordergrund der Bongeunsa-Tempel. (Bild: Leo Patrizi/Getty (Seoul, 9. Juni 2016))

Tradition neben Moderne: In Südkoreas Hauptstadt Seoul stossen Gegensätze aufeinander, im Vordergrund der Bongeunsa-Tempel. (Bild: Leo Patrizi/Getty (Seoul, 9. Juni 2016))

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Seung-Yeun Huh hat ihre Zweifel: Kann sie als typische Südkoreanerin gelten, die uns am Tag vor dem Start der Olympischen Winterspiele Auskunft gibt über ihr Land? Immerhin hat die Pianistin und Prorektorin an der Musikschule Konservatorium Zürich mit sechzehn ihr Land verlassen, ist zum Studieren nach Deutschland gezogen, dann über England und die USA in die Schweiz gekommen. Sie ist mit einem Schweizer verheiratet und mittlerweile selber Schweizerin.

Aber andererseits: Man sieht die eigene Gesellschaft, das eigene Land von aussen klarer in dem, was es kennzeichnet. Diesen geschärften Blick verdankt Seung-Yeun Huh auch ihrem weiteren Schicksal. Denn während sich die Geschwister in den USA anderen Koreanern anschliessen konnten, musste sie sich in Deutschland in einem ihr gänzlich fremden Umfeld zurechtfinden. «In der sehr statusbewussten Gesellschaft Südkoreas war ich jemand, hier in Europa war ich nichts», beschreibt sie den Schock ihrer Ankunft in Europa.

«Ich spüre meine koreanischen Wurzeln»

Doch Seung-Yeun Huhs Verbindungen zu Südkorea brechen niemals ab. Sie besucht regelmässig ihre Eltern, die in Seoul leben, und tritt auch immer wieder in Konzerten auf. Musik und Tanz spielen in Korea eine wichtige Rolle. «Viele lernen ein Instrument, man findet koreanische Opernsänger überall auf der Welt», erzählt sie. Man spürt dabei jene innere Verbindung, die sie immer noch hat. So erstaunt es nicht, wenn sie sagt: «Je älter ich werde, umso stärker spüre ich meine koreanischen Wurzeln.»

Was wir mit Südkorea verbinden, das sind Autos, das sind Smartphones: Es ist das Bild einer findigen Industrienation. Auf der andern Seite ist Korea ein geteiltes Land. Immer wieder ist es in seiner mehrtausendjährigen Geschichte zum Opfer der grossen Nachbarn China und Japan geworden. Oft war Korea Kriegsschauplatz, lange herrschten auch diktatorische Verhältnisse. Dass Südkorea stark von Hierarchien geprägt wird, das ist noch heute zu spüren.

In dieser Gesellschaft gibt es vor allem einen Weg, der nach oben führt: über den persönlichen Fleiss. Er regiert sogar in jenen wohlhabenden Verhältnissen, aus denen Seung-Yeun Huh stammt. «Ich bin mit meinen fünf Geschwistern sehr behütet aufgewachsen», erzählt sie. «Wir alle haben Musik gemacht und uns gegenseitig angespornt. Wir wollten etwas erreichen, ohne Druck von den Eltern.» Das ist noch heute so: Kommt sie aus dem Konservatorium nach Hause, übt sie ganz selbstverständlich noch vier oder fünf Stunden. «Bei uns in Korea ist das so. Jeder macht Überstunden, wenn es nötig ist. Das ist nicht wie hier.»

Leistungsstreben – auch mit kuriosen Zügen

Das Wort «Elite» steht denn auch in Korea in hohem Ansehen, «nicht wie in der Schweiz, wo es ein wenig verpönt ist». Wer in Korea etwas werden will, strebt an die Universität, «eine Lehre gibt es nicht». Maximalismus statt Minimalismus also. Mit, manchmal, kuriosen Zügen. Seung-Yeun Huh schildert, wie Südkoreaner in die Berge gehen. «Selbst wenn es sich nur um Hügel handelt, treten sie ausgerüstet wie Bergsteiger auf und wollen ihr Ziel möglichst rasch erreichen. Manchmal geht ihnen dann die Luft aus.»

Da ist Seung-Yeun Huh bei allen Parallelen doch anders gestrickt, umsichtiger nämlich. «Es gibt einen Ausdruck, der das ­Verhalten der Südkoreaner beschreibt: Palli, palli – schnell, schnell. In Südkorea muss alles schnell gehen, auch beim Lernen. Meine Landsleute sind sehr ungeduldig, es fehlt ihnen das langfristige Denken und Planen. Und sie reagieren sehr temperamentvoll.» Das kann auch im politischen Leben zu Eruptionen führen. Der Korruption bis in die höchsten Kreise überdrüssig, haben die Menschen mit Strassenprotesten die letzte Präsidentin aus dem Amt gejagt. «Politiker geniessen in Südkorea zurzeit wenig Ansehen.»

Umso wichtiger ist im konfuzianisch geprägten Land die Familie. Seung-Yeun Huh beschreibt, wie die Familientreffen ablaufen, sie beschreibt die Rücksichtnahme der Töchter auf die Eltern – und auch die starke Verbindung der Kinder untereinander. Sie musizieren zusammen, sie treten zusammen auf.

Man sagt das Unangenehme nie direkt

Aber manchmal spürt sie im Familiären doch auch, wie verschieden sie ist. «Ich bin sehr direkt und plädiere immer für die Wahrheit», sagt sie. «Von meiner Tochter erwarte ich schliesslich auch, dass sie offen sagt, was sie denkt.»

In der koreanischen Gesellschaft wird eine derartige Direktheit als anstössig empfunden. «Sag das den Eltern nicht, ermahnen mich meine Geschwister», erzählt Seung-Yeun Huh. «Wenn meine Mutter krank wäre, würden sie das mir nicht mitteilen. Sie würden denken, ich bin so weit weg und mache mir Sorgen. Stellen Sie sich das vor!»

Die Schweizer sind anders, auch distanzierter. Das hat Seung-Yeun Huh, damals aus dem weltoffenen New York kommend, vor allem in den ersten Jahren deutlich gespürt. Als dann ihre Tochter in die Schule kam, wollte sie selber auch mehr dazugehören. Heute attestiert sie unserem Land, dass es in der Schweiz «wenig Neid und viel Empathie gibt. Vielleicht, weil es uns gut geht.»

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