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Luxor-Attentat: Requiem mit Bolero-Elementen

Der St. Galler Komponist Christoph Schnell hat ein Requiem geschrieben, im Andenken an die Opfer des Attentats im ägyptischen Luxor 1997. Unter den Opfern waren 36 Schweizer, darunter auch St.Galler. Das Werk soll aber eine positive Botschaft vermitteln, sagt Schnell.
Martin Preisser
Komponist und Informatiker Christoph Schnell: «Beim Schreiben von Musik kommt das Analytische immer wieder durch.» (Bild: Michel Canonica)

Komponist und Informatiker Christoph Schnell: «Beim Schreiben von Musik kommt das Analytische immer wieder durch.» (Bild: Michel Canonica)

Christoph Schnell schreibt Musik so wie er heisst: Schnell. Für einen viertelstündigen Requiem-Satz braucht er gerade mal einen halben Tag. Das ist so schnell, dass es ihm fast keiner glaubt. «Ich kann das nicht erklären, Komponieren ist bei mir ein rein intuitiver Prozess», sagt er. Anders als viele Komponisten arbeitet er nie am Klavier. Und seine Werke instrumentiert er auch nicht erst hinterher. "Ich schreibe die Partitur wie ein Scanner, nicht nur horizontal, sondern sofort auch vertikal."

Wissenschafter und Komponist in einer Person

Zum Pressetermin nimmt man in Schnells Arbeitszimmer in einem Kinosessel Platz. Ein grosser Studiotisch, im Inneren mit modernster Technik, nimmt den Raum ein. Die Partitur von Christoph Schnells «Requiem X» ist an die Wand projiziert. «Das Analytische kommt beim Komponieren bei mir immer wieder durch», sagt der 63-Jährige, der einen Doktortitel in Informatik, kombiniert mit Musikwissenschaft, hat. In den 1980er-Jahren entwickelte er als einer der ersten Assistenten an der ETH Zürich erste Notensatz-Programme und forschte über Computeranwendungen in der Musik. «Dass die Informationstechnologie eine solch rasante Entwicklung machen würde, haben wir damals durchaus schon geahnt. Zwanzig Jahre hat Schnell dann als Softwareentwickler bei einer Bank gearbeitet. Seit 1997 hat er eine eigene Firma, ein Ton- und Filmstudio.

Komponiert hat Christoph Schnell immer schon. Mit vierzehn sein erstes Duett für zwei Geigen. Über zweihundertfünfzig Werke sind bisher entstanden. Sein zweites Violinkonzert ist gerade vorgestern im italienischen Brescia uraufgeführt worden. Die Stadt gedenkt in einem Festival regelmässig der Opfer des Attentats von 1974, verübt von neofaschistischen Terroristen. Hier kam Schnell, der über das absolute Gehör verfügt und Geige spielt, die Idee eines Requiems für die Opfer des Attentats von Luxor 1997. 36 Schweizerinnen und Schweizer verloren damals in Ägypten ihr Leben.

Christoph Schnell verdient sein Geld auch mit Filmen. Und auch in der Musik denke er oft filmisch. Sein «Requiem X» beschreibt er als «riesiges Stück Filmmusik ohne Film». Und es sei kein drohendes, düsteres Requiem, das die Furcht vor dem Tod ins Zentrum rücke. «Ich habe ein positives, lebensbejahendes Stück geschrieben», sagt er. Das sonst übliche «Dies Irae» fehlt ganz. Und das Agnus Dei («Lamm Gottes») ist in einem für geistliche Musik ungewöhnlichen Bolero-Rhythmus gehalten. Im Instrumentarium sind japanische Taiko Drums vertreten, Trommeln, die das Zeremonielle unterstreichen. «Ich will das Publikum nicht belehren, sondern bewegen und dazu bringen, sich eigenen Gedanken zu machen.»

Wer ein Requiem schreibt, hat eine Reihe ganz ausserordentlicher Vorgänger in der Musikgeschichte: Mozart, Verdi oder Brahms. Das Anspruchsvollste sei die genaue Gestaltung der Dramaturgie, sagt Christoph Schnell, der Sinn für die Form. Die Arbeit an der Makrodramaturgie, an der grossen Gliederung, sei dabei das schwierigste.

Mit Paul Huber in der Ecke eines Cafés

Christoph Schnell hat nicht eigentlich Komponieren studiert, die Musik kommt bei ihm einfach, seit fünfzig Jahren. Dennoch hat er sich immer Rat und Anregungen bei anderen Komponisten geholt, auch beim St. Galler Paul Huber. Jeweils in einer ruhigen Ecke im Café Seeger in St.Gallen sei er mit ihm die neuen Partituren durchgegangen.

Christoph Schnell strahlt im Gespräch über seine Arbeit etwas Analytisches, Durchdachtes, Kalkuliertes aus. Wenn er aber am Schluss von der Vergänglichkeit des Menschen spricht, aber von der Unvergänglichkeit der Seele, dann drückt er damit nicht nur eine Botschaft seines Requiems aus. Man spürt da plötzlich auch einen emotionalen Menschen, der in seinem Büro übrigens nicht nur Hightech hat, sondern viele Kunstwerke, darunter auch eine Madonna mit Kind, ein Original und Erbstück aus der venezianischen Renaissance.

Uraufführung: Robert Bokor dirigiert


Der St. Galler Geiger und Dirigent Robert Bokor hat sich schon mehrfach für das Werk von Christoph Schnell eingesetzt. Vorgestern hat er in Brescia als Dirigent das zweite Violinkonzert von Schnell uraufgeführt. Auch für das «Requiem X» steht Bokor am Freitag am Dirigentenpult. Er leitet das Arpeggione Kammerorchester Hohenems, dessen Chefdirigent er ist. Den anspruchsvollen Chorpart wird der Sonoro Choir aus London umsetzen. (map)

Uraufführung: Fr, 1.6., 20.30 Uhr, Kirche Linsebühl, St. Gallen

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