«Lädeli» erzählt Alltagsgeschichte

Ein handgefertigter «Verchäuferliladen» aus der Zeit um 1930 ist das Lieblingsstück von Kuratorin Monika Mähr im Kindermuseum St. Gallen. Es handelt sich um eine Schenkung, an die sie gern zurückdenkt. Der Beitrag eröffnet die Sommerserie mit «Objektgeschichten».

Bettina Kugler
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Fenster in die Vergangenheit: Kuratorin Monika Mähr mit dem «Verchäuferliladen», der im Kindermuseum zu bestaunen ist. (Bild: Hanspeter Schiess)

Fenster in die Vergangenheit: Kuratorin Monika Mähr mit dem «Verchäuferliladen», der im Kindermuseum zu bestaunen ist. (Bild: Hanspeter Schiess)

ST. GALLEN. Spezereien: Allein das Wort zergeht angenehm auf der Zunge. Ursprünglich stand es für Gewürze, später allgemeiner für verpackte Gemischtwaren. Würzig schmeckt es nach Zeiten, in denen Lebensmittel noch nicht praktisch rund um die Uhr tiefgekühlt oder fixfertig in Selbstbedienungsgeschäften auf Kunden warteten. Kunden, die selber die Preise einscannen und den Gesamtbetrag per Plastikkarte einem Lesegerät bezahlen.

In wochenlanger Handarbeit

Um 1930 jedenfalls, als der fünfzehnjährige Werner Dürr für seine kleine Schwester eine Miniatur-«Spezereihandlung mit Frischverkauf» und Stofflädeli gleich nebenan in wochenlanger Handarbeit anfertigte, ging noch jedes Produkt buchstäblich über den Ladentisch. Nicht nur im St. Galler Lachen-Quartier, wo die Dürrs aufwuchsen. Der reich und liebevoll ausgestattete Verchäuferliladen gleich im ersten Raum des Kindermuseums ist das Lieblingsstück von Kuratorin Monika Mähr.

Zum einen, weil er so anschaulich und detailreich davon erzählt, wie in der Handels- und Textilstadt St. Gallen Anfang der 1930er-Jahre «gepostet» wurde: In einer Zeit, als die ersten Migros-Wagen unterwegs waren und alles rund dreissig Prozent günstiger anboten. Einer Zeit, als man noch beim Krämer derselben Konfession einkaufen ging im katholischen St. Otmar, im reformierten Tablat. Und anschreiben durfte, anders als bei der Migros. Welche Waren in einem solchen Quartierlädeli erhältlich waren und wie sie präsentiert wurden.

Auf Augenhöhe von Kindern

Zum andern, weil Monika Mähr mit der Schenkung auch eine persönliche Geschichte verbindet. Sie erinnert sich: «Ende der 90er-Jahre rief uns Herr Dürr, mittlerweile ins höhere Alter gekommen, an und lud den damaligen Museumsleiter Louis Specker und mich zu sich ins Lachen-Quartier ein. Er zeigte uns auf dem Dachboden das gut erhaltene Stück und freute sich sehr, dass wir es in die Sammlung des Historischen Museums aufnahmen.» 2007 hat sie den Verchäuferliladen ins Kindermuseum integriert.

Hier ist er auf Augenhöhe von Kindern im Primarschulalter zu bestaunen – neben einem noch älteren «Laden» aus dem 18. Jahrhundert, als die Rorschacherstrasse als schneller Transportweg für Waren vom See in die Stadt gebaut wurde. Einer Modell-Backstube mit Elastolinfiguren, einem Glaceverkäufer aus Blech und einem Spielzeug-Einkaufskorb unserer Zeit voller bunter Kartonschächtelchen. Die Spezereienabteilung hat Werner Dürr sogar elektrifiziert, im Stoffladen nebenan winzige Ballen in allen Farben aufgerollt und mit noch winzigeren Preisschildern versehen: Solche Läden sind selten geworden in der einstigen Textilmetropole. Selber nähen lohnt sich nicht mehr angesichts billiger Importtextilien.

Fenster in die Vergangenheit

Das wird Eltern und Grosseltern beim Gang durch das sinnlich ansprechende Museum bewusst – während Kinder darüber hinaus zum Anfassen, Ausprobieren und Spielen eingeladen sind. Das Kindermuseum, ein kleines Museum im grossen, dem Historischen- und Völkerkundemuseum St. Gallen, war ein wichtiger Schritt zu einem neuen Konzept, das längst auch die gesamte Dauerausstellung verändert hat: Es geht nicht um «Window-Shopping», wie Monika Mähr sagt, nicht darum, möglichst viele Exponate in den Vitrinen auszubreiten – was nur bald dazu führe, dass man an allem flüchtig vorbei eilt und sich später an wenig erinnert.

Stattdessen gibt es Fenster in die Vergangenheit. Bewegt man etwa die grosse Drehscheibe vis-à-vis des Verchäuferliladens, so öffnen sich verschiedene Gucklöcher mit Spielzeug zu den einzelnen Jahreszeiten. Darunter ein Seifenblasenset aus dem 19. Jahrhundert – ein weiteres Lieblingsexponat von Monika Mähr. In der Bauecke sieht man eine Häuserzeile von einst, die älteren St. Gallern zuweilen noch bekannt vorkommt – während die Enkel und Urenkel per Knopfdruck Strassengeräusche abrufen und erraten können. Auch eine Kiste mit Baukastenspielzeug steht bereit.

Über Kopf, Herz und Hand

«Ich habe mich bei der Konzeption der Ausstellung von Pestalozzis Grundsatz leiten lassen, dass Kinder Zusammenhänge über Kopf, Herz und Hand begreifen», sagt die Kuratorin. Das können Besucher je nach Alter in allen drei Räumen: dem grün gehaltenen über das Leben draussen, in Stadt und Land, dem roten mittleren, in dem es um Puppenspiel und Figurentheater geht, wie auch dem abschliessenden blauen, der in Kinder- und Jugendzimmer aus verschiedenen Zeiten einlädt – und Zukunftsträume anregt.

Gemütlich ist es hier oben, unter dem Dach. Die Estrichatmosphäre fand Monika Mähr passend für ein Museum zum Verweilen und Erkunden. «Wir haben festgestellt, dass Eltern keineswegs ins Museum kommen, um ihre Kinder unten in einem separaten Spielbereich <abzugeben> wie im Möbelhaus. Sie wollen mit ihnen gemeinsam Entdeckungen machen, ihnen etwas zeigen und erklären.» Dafür gibt es im auf den ersten Blick textarmen Rundgang des Kindermuseums viele Klappen mit Hintergrundwissen: Weil ja auch Eltern gern etwas dazulernen. Und manche «Warum?»-Frage damit souveräner beantworten. Zum Beispiel, warum in Werner Dürrs Spezereiladen ein Telefon an der Wand hängt.

Kindermuseum im Historischen und Völkerkundemuseum, St. Gallen, Di–So 10–17 Uhr.

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