Lady Düsternis überstrahlt alle – das sind die zehn besten Bücher von 2019 in vier Kategorien

Bestseller sind uns egal – die Kulturredaktion stellt literarisch Herausragendes von Schweizer Autorinnen und Autoren 2019 zusammen.

Hansruedi Kugler
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Die Schriftstellerin Sibylle Berg.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg.

Bild: Soeren Stacha/DPA

Das war doch mal ein literarischer Knaller: Mit ihrem düsteren 640-Seiten-Wälzer «GRM.Brainfuck» hat Sibylle Berg erwartungsgemäss den Schweizer Buchpreis gewonnen. Sie galt als Favoritin, vor allem weil ihr globaler Welterklärungshorizont, kombiniert mit einer gnadenlosen, eiskalten Sprache, über die sonst übliche Schweizer Bescheidenheit hinausragte. In ihrem Roman schildert sie einen skrupellosen Neoliberalismus und am Beispiel Englands eine von perversen Männern und einem Überwachungsstaat terrorisierte, moralisch verkommene Zweiklassengesellschaft. Die vier englischen Jugendlichen, denen der Roman bei ihrem Ausbruch aus dem Elend der sozialen Abstellkammer der Provinz in Rochdale nach London folgt, werden verlassen, verprügelt, vergewaltigt. Deren kleiner Revolutionsversuch: Die Grime-Musik, roher Polit-Rap. Ihre Niederlage und die aller anderen Figuren ist absehbar im Terror der Künstlichen Intelligenz.

Erfinden musste Sibylle Berg für ihren Roman wenig. «Es ist halt alles Realität», sagte sie nach dem Buchpreis-Gewinn dieser Zeitung lakonisch. Was für ein verblüffender Kontrast: Hier die sanftmütige, gelassene Person Sibylle Berg, dort ihre zornigen, düsteren Bücher. Als prophetische Warnerin verstehe sie sich aber nicht: «Was ich tue und wie, ist vornehmlich von Empathie getrieben. Mir ist Armut näher als Reichtum, mir sind Freaks lieber als Banker.»

Eine schwarze Zukunft, die man selbst nicht erleben möchte

Auch wenn Sibylle Bergs Roman wie eine Apokalypse in der Zukunft wirkt, in welcher die Bürger sich für ein Grundeinkommen einen Überwachungs-Chip einpflanzen lassen können, ist er gesättigt mit Gegenwartsthemen: Der Kinderschänderring in der englischen Kleinstadt Rochdale, die Total-Überwachung chinesischer Bürger, der Zweiklassen-Kapitalismus in England, die Eroberung Londons durch Milliardäre aus Russland, die machtbewussten Programmierer der Internetkonzerne und Künstlicher Intelligenz. Sibylle Berg bringt diese Themen einfach unglaublich wuchtig zusammen, in ihrem Roman, der eben doch eine Zukunft schwarzmalt, die man selbst nicht erleben möchte.

Debütanten, tolle Zweitlinge und ein Überraschungsautor

Nach dem Erstellen der Top-Ten-Liste unserer Kulturredaktion fällt auf, wie thematisch vielfältig dieser Literatur-Jahrgang auf hohem Niveau sehr lesenswerte Bücher auf den Markt brachte. Man begrüsst freudig zwei grossartige Debüts: Ivna Zic mit ihrem Roman einer zwischen Kroatien, Zürich und Paris pendelnde Seconda und Demian Lienhard, der mit seinem fulminanten Roman aus weiblicher Erzählperspektive das Drogenelend der 1980-Jahre in Zürich in Erinnerung ruft.

Besonders gespannt war man auf den zweiten Roman von Simone Lappert. Sie hat die Erwartung voll erfüllt, indem sie die Monoperspektive ihres Erstlings nun in ein multiperspektivisches Gesellschaftstableau erweitert hat – mit einer phänomenalen Menschenkenntnis und tollem, sprachlichen Sog. Mit Alain Claude Sulzer, Ruth Schweikert, Klaus Merz, Charles Lewinsky und Pascale Kramer sind auch erfahrene Schriftstellerinnen und Schriftsteller dieses Jahr mit neuen Büchern aufgefallen. Und nicht zu vergessen: Der Unentdeckteste! Tom Zürcher, dessen bisherige Romane von den Kulturredaktionen übersehen worden sind, war 2019 mit «Mobbing Dick», seiner Coming-of-Age-Satire im paranoiden Bankenmilieu der einzige für den Deutschen Buchpreis nominierte Schweizer.

Top Ten Schweizer Literatur

  1. Sibylle Berg, GRM. Brainfuck. Kiepenheuer&Witsch, 640 S.
  2. Simone Lappert, Der Sprung. Diogenes, 336 S.
  3. Alain Claude Sulzer, Unhaltbare Zustände. Galiani, 272 S.
  4. Demian Lienhard, Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat. Frankfurter Verlagsanstalt, 384 S.
  5. Ruth Schweikert, Tage wie Hunde. S.Fischer, 208 S.
  6. Ivna Zic, Die Nachkommende. Matthes&Seitz, 168 S.
  7. Charles Lewinsky, Der Stotterer. Diogenes, 416 S.
  8. Klaus Merz, Die Firma. Haymon, 136 S.
  9. Tom Zürcher, Mobbing Dick. Salis, 288 S.
  10. Pascale Kramer, Eine Familie. Rotpunkt Verlag. 192 S.

Top Ten Internationale Literatur

  1. Ian McEwan, Maschinen wie ich. Diogenes, 416 S.
  2. Salman Rushdie, Quichotte. Bertelsmann, 464 S.
  3. Annie Ernaux, Eine Frau. Suhrkamp, 88 S.
  4. Sasa Stanisic, Herkunft. Luchterhand, 368 S.
  5. Sally Rooney, Gespräche mit Freunden. Luchterhand, 384 S.
  6. Aura Xilonen, Gringo Champ. Hanser, 336 S.
  7. Nicolas Matthieu,  Wie später ihre Kinder. Hanser, 448 S.
  8. Ocean Vuong, Auf Erden sind wir kurz grandios. Hanser, 240 S.
  9. Olga Tokarczuk, Die Jakobsbücher. Kampa, 1184 S.
  10. Matthias Nawrat,  Der traurige Gast. Rowohlt, 304 S.

Top Ten Krimi

  1. Dror Mishani, Drei. Diogenes, 336 S.
  2. Stina Jackson, Dunkelsommer. Goldmann, 352 S.
  3. Eugene Chirovici, Das Echo der Wahrheit. Goldmann, 320 S.
  4. Jo Nesbo, Messer. Ullstein, 576 S.
  5. Fuminori Nakamura, Der Revolver. Diogenes. 185 S.
  6. Alex North, Der Kinderflüsterer. Blanvalet, 448 S.
  7. Matthias Edwardsson, Die Lüge. Limes, 544 S.
  8. Håkan Nesser, Der Verein der Linkshänder. btb, 604 S.
  9. Claire Douglas, Still Alive. Penguin, 464 S. 
  10. Peter Weingartner, Derniere. Edition 8, 240 S.

Top Ten Kinderbuch

  1. Anne Fleming, Ziegen bringen Glück, ab 10 
  2. Nikolaus Heidelbach, Alma und Oma im Museum, ab 6 
  3. Erna Sassen, Ein Indianer wie du und ich, ab 8
  4. Katya Balen, Mein Bruder und ich und das ganze Universum, ab 10 
  5. Heribert Schulmeyer, Alwina und Nelli, ab 5
  6. Samuel Castano Mesa,  Die Uhr meines Grossvaters, ab 5
  7. Kenn Nesbitt, Jetzt noch ein Gedicht, und dann aus das Licht, ab 6 
  8. Marian De Smet, Hendrik zieht nicht um, ab 8
  9. Div. Autoren,  Wie das klingt! Ab 6
  10. Barbara Piatti, Feste und Bräuche in der Schweiz, ab 6