Labile Lebenslandschaft

Die Kunsthalle Arbon eröffnet ihre Saison mit einer Raum-, Klang- und Videoinstallation von Sylvia Hostettler. «Suchend in einer gefluteten Stadt – Niemandesland gefunden»: Tokio 2009 verdichtet sich 2011 zu existenzieller Aussage.

Dorothee Kaufmann
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Sylvia Hostettler hinterfragt mit ihrer Installation auch die scheinbare Stabilität unserer Lebensentwürfe. (Bild: Ralph Ribi)

Sylvia Hostettler hinterfragt mit ihrer Installation auch die scheinbare Stabilität unserer Lebensentwürfe. (Bild: Ralph Ribi)

arbon. Der Besucher betritt die Installation wie ein geräumiges Zelt, das mit Tatami-ähnlichen Matten ausgelegt ist. Die Schuhe sind, wie es die japanische Tradition will, am Eingang abzulegen. Drinnen versetzt das Blau der Planen den Besucher in eine künstliche Welt, eine Welt, die sich entfremdet, verdichtet und symbolisch mit dem Lebensraum Grossstadt als künstlicher Landschaft beschäftigt. Die Räume der Zeltinstallation verzweigen sich weiträumig und unregelmässig wie eine Zellstruktur. Im ersten Raum hängt das Objekt «Stadtfeld» im Schwebezustand. In der traditionellen Origami-Technik faltete die Künstlerin Architekturfotos der Metropole Tokio zu einer fischgrätartig verdichteten Fläche. Darunter liegende Lautsprecherboxen versetzen diesen bildlichen Lebensraum Stadt durch einen von Marco Repetto arrangierten Klangteppich mit originalen Tonaufnahmen aus Tokio in Schwingung.

Unwirkliche Glitzerwelt

Im folgenden kleineren Raum hängt ein Schachtelobjekt wie ein riesiges Wespennest an der Zeltdecke. Aus den regelmässigen, runden Öffnungen dieses architektonischen Sinnbilds sind Bruchstücke aus Andrea Gersters Hörspiel wahrzunehmen: Fiktive Gesprächsfetzen von Menschen am Rand einer modernen Gesellschaft. Demgegenüber wirkt der Ausblick in eine Glitzerwelt aus Gold und gefalteten Geldscheinen unwirklich.

Wiederum in Origami-Technik faltete die Künstlerin goldene Türme und geldige Luftschlösser, die auf einer Wolke schweben. In Anlehnung an goldene Schreine, die als Orte des Heiligen in Tokio überall zu finden sind, aber nicht für jeden offen stehen, übertrug die Künstlerin die überhöhte Bedeutung des Geldes symbolisch in den Bereich des Heiligen mit allen spürbaren Konsequenzen in dieser Installation.

Vergänglichkeit, Nichtigkeit

Eher im Verborgenen zeigt die Künstlerin die Daseinsform japanischer Obdachloser: Das wenige Hab und Gut auf einen Gepäckwagen geschnallt, leben sie im Niemandsland im öffentlichen Raum und doch schamhaft versteckt. Sylvia Hostettler fotografierte ganze Serien dieser Habseligkeiten und verleiht den Aufnahmen durch nachträgliche Unschärfe eine existenzielle Ortlosigkeit. Vergänglichkeit, Labilität und Nichtigkeit werden durch Papierblüten, Wind und das raffinierte Wabern der Projektionsfläche spürbar. Ein weiterer Dunkelraum zeigt die erste Videoarbeit der Künstlerin, die wie eine Synthese aus verschiedenen Landschaftskapiteln wirkt.

«Niemandesland» ist eine symbolische Installation, eine Allegorie auf die Labilität des modernen städtischen Lebensraumes und einer ökonomisch bestimmten Gesellschaft. Der Berner Künstlerin gelingt es mit ihrer Installation Bilder zu schaffen für die Befindlichkeit des gefährdeten Grossstadtmenschen, für Zwischenwelten der Randgruppen, aber auch für die Labilität einer fest geglaubten Lebenswirklichkeit.

Dass es nach der Finanzkrise 2008 im März 2011 zu einer weiteren epochemachenden Erschütterung des global geglaubten Weltbildes kam, verleiht dieser Installation eine besondere, aktuelle Dimension. Sylvia Hostettler ging 2009 für zwei Monate nach Tokio, um das fünfte und letzte Kapitel ihres grossen Themenzyklus «Landschaften» zu recherchieren. Nach «Luxflabilis», «Bergwasser», «Inselreise» und «Lichtreaktion» sollte nun der künstliche Lebensraum der Metropole Tokio Thema sein. So hinterfragt die Künstlerin mit dieser Installation die vermeintliche Fixierung, Sicherheit und Endgültigkeit unserer Lebensentwürfe in frappierender Aktualität.

Bis 22. Mai, Kunsthalle Arbon (Grabenstrasse 6). Mi–Fr: 17–19 Uhr; Sa/So: 14–17 Uhr; Sa 7.5.: Tanzperformance von Thérèse Nylén, 17 Uhr