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Kutteln an Tomatensauce

Dagmar Schifferli überrascht mit einem Roman, der die dunklen Seiten der 1960er-Jahre in Erinnerung ruft.
Charles Linsmayer
Dagmar Schifferli blickt im Roman in die 1960er-Jahre, unter anderem zur Expo 64 in Lausanne. (Bild: Keystone)

Dagmar Schifferli blickt im Roman in die 1960er-Jahre, unter anderem zur Expo 64 in Lausanne. (Bild: Keystone)

Im Bestseller über Anna Pestalozzi hat Dagmar Schifferli 1996 gezeigt, wie einfühlsam sie Historisches lebendig machen kann, und im Roman «Wegen Wersai» bewährt sich die Fähigkeit erneut. Es sind die Sechzigerjahre, als die Schweiz die Postleitzahlen einführte, die Expo 64 zu U-Boot-Fahrten einlud, am Mattmark-Staudamm 88 Italiener verschüttet wurden, der Stern der Beatles aufging und das Konzil verkündete, dass Gott nun auch Deutsch verstehe.

Was allerdings nicht schulbuchmässig dargelegt wird, sondern aus dem Blickwinkel der 12-jährigen Schülerin Katharina in eine Geschichte projiziert ist, deren vermeintliche Alltäglichkeit durch die immer deutlicher werdenden historischen Zusammenhänge etwas Abgründig-Mysteriöses bekommt. Ganz am Anfang steht ein Dialog der jungen Erzählerin mit ihrem Bruder Tommy während einer Wanderung in Braunwald. Als der Vater einen Schwächeanfall erleidet, flüstert Tommy: «Wenn er jetzt stirbt ...», ergänzt das Mädchen: «... schubsen wir ihn über die Felswand ...» und folgert der Bruder: «So sieht es wie ein Unfall aus.»

Von der Idylle zum Albtraum

Das grausame Gespräch erscheint zunächst völlig unerwartet als Einbruch des Brutal-Unmenschlichen in eine harmlose Erzählung, die von den Erlebnissen Katharinas als Pflegekind der aus Deutschland stammenden pingelig-spiessigen Tantelotte handelt, einer Frau, die auf skurrile Weise einem längst überlebten Revanchismus huldigt und der Meinung ist, das Unglück der Deutschen sei «wegen Wersai», wegen den harten Bedingungen des Versailler Friedensvertrags von 1919, entstanden.

Katharina muss gegen ihren Willen Kutteln an Tomatensauce essen, bei der grossen Wäsche helfen und wundert sich sehr, dass Tantelotte auch mal Braun­au statt Braunwald sagt. Nach und nach aber bekommt die dargestellte Zeit etwas Reaktionäres und mutiert die familiäre Idylle zum Albtraum. Im Zuge der Schwarzenbach-Initiative ist das Klima durch eine aggressive Fremdenfeindlichkeit vergiftet, soll Katharina, wenn es nach ihrem Vater ginge, in der Schule nicht neben dem Fremdarbeitersohn Lorenzo, dem «Tschingg», sitzen, und allmählich verdunkelt sich das schöne Bild von der humanitären Schweiz durch die erste zögerliche Aufarbeitung der Flüchtlingspolitik von 1933–1945.

Viel Unglück auf einmal

Vaters Bruder, ein Landesverräter, erhängt sich im Gefängnis, und ­dieser selbst, ein passionierter Fremdenhasser, betrügt seine an multipler Sklerose erkrankte Frau mit Tantelotte, die von einem SS-Mann abstammt. Als die Frau an einem Unfall stirbt, überstürzen sich die Ereignisse und klagt die Tochter den Vater bei der Beerdigung öffentlich an, ihre Mutter ermordet oder zumindest deren Tod nicht verhindert zu haben.

So dass nun nicht nur der ältere Bruder Tommy, der da offenbar von einem Kleriker sexuell belästigt wird, in ein katholisches Internat kommt, sondern auch Katharina nach Clairmont sprich Estavayer zu den Nonnen verfrachtet wird, wo sie den gleichen Karzer von innen kennenlernt, der schon Tante Lucile, die weltgewandte und aufgeschlossene Lancia-Fahrerin, zur Religionsgegnerin gemacht hat.

Etwas viel Unglück auf einmal, könnte man konstatieren und die helleren Töne vermissen. Andererseits aber darf man in dem in leichtem, flüssigem Parlando daherkommenden, vergnüglich zu lesenden Roman durchaus den seltenen Fall eines geglückten Stücks Erzählliteratur sehen, das der theoretischen, juristischen oder moralischen Vergangenheitsbewältigung für einmal eine unmittelbar nachvollziehbare und zum Teil sogar berührende Anschaulichkeit gegenüberstellt.

Dagmar Schifferli: «Wegen Wersai», Roman, rüffer & rub literatur, 188 Seiten, Fr. 29.–

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