Mendelssohn-Tage
Kurzfristige Programmänderung zur Eröffnung: Nadia Bacchetta springt ein und liefert Grandioses

«Die Orgel hat unendliche Möglichkeiten» sagt Organistin Nadia Bacchetta über ihr Instrument und ihren Einsatz bei den Mendelssohntagen in Aarau. Vielseitig ist die Organistin der Stadtkirche Aarau auch sonst.

Sibylle Ehrismann
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Die Organistin Nadia Bacchetta an der Orgel der Stadtkirche Aarau.

Die Organistin Nadia Bacchetta an der Orgel der Stadtkirche Aarau.

Zvg / Aargauer Zeitung

In der Stadtkirche Aarau ist echt was los, wenn Nadia Bacchetta an der Orgel sitzt. Seit 2011 ist sie Hauptorganistin dieser Kirche. Man erlebt sie aber nicht nur sonntags im Gottesdienst, sie belebt diesen schönen Kirchenraum als Veranstalterin auch unter der Woche mit originellen Musikformaten wie «Jazz und Wort zum Feierabend» oder dem erfolgreichen Anlass «Klingende Adventskalender» vor Weihnachten.

Nun eröffnet Bacchetta die «Mendelssohntage Aarau» mit einem grandiosen Orgelrezital, bei dem die vielfältigen Klangfarben der majestätischen Stadtkirchen-Orgel voll zum Tragen kommen. Sie spielt Musik bedeutender Komponisten der französischen Romantik wie Charles Widor und Camille Saint-Saëns, und dies im Widerspiel mit dem Barockmeister Bach. Doch wo bleibt der Komponist Mendelssohn?

«Zur Eröffnung der Mendelssohntage war ursprünglich ja ein ganz anderes Konzert geplant», erklärt Bacchetta. «Das kann aber wegen Corona nicht stattfinden. Ich bin nun kurzfristig eingesprungen, unser Kantor Dieter Wagner organisiert ja das Festival zusammen mit dem argovia philharmonic.» Für ein Mendelssohn-Programm war die Zeit zu knapp.

Flötig oder nasal, metallig scharf oder festlich laut

Schade eigentlich, denn Mendelssohn hat sehr schöne Orgelmusik komponiert, etwa seine «Sechs Orgelsonaten» op. 65. Doch seine Orgelmusik fristete, eben weil Mendelssohn Bartholdy Jude war und zum Protestantismus konvertierte, in den Kirchen lange Zeit ein randständiges Dasein. Es wäre interessant, künftig einmal Mendelssohns Orgelwerke von Bacchetta gespielt zu hören.

Mendelssohntage 2020

Buntes Festival light

Die Mendelssohntage Aarau sind ein gelungenes Miteinander des argovia philharmonic mit der Reformierten Stadtkirche. Dieter Wagner, Co-Leiter und Kantor, tritt am Reformationssonntag (1. 11.) gleich mit zwei Chorkonzerten auf: Im Festgottesdienst (10 Uhr) singt die Kantorei die neue Kantate «Alles Ding’ hat seine Zeit» von Peter Roth, dem Autor der bekannten «Toggenburger-Passion». Und um 17 Uhr kann man vom CHORona-Projektchor wenig bekannte Chorsätze mit Orchesterbegleitung von Mendelssohn und Beethoven hören. Das Festival light-Programm ist sehr bunt. Da gibt es ein Improvisationskonzert des verstärkten Jazz-Trios «Häusermann-Käppeli-Meier» (Mi 4. 11., 20 Uhr), oder einen Liederabend der Mezzosopranistin Madeleine Merz, an dem sie Mendelssohn, Brahms und Wagner singt, mit Orgelbegleitung (Do 5. 11., 19.30 Uhr). Stargast ist jedoch der Geiger Linus Roth. Er tritt unter anderem im Schlusskonzert (So, 8. 11., 17 Uhr, im KUK) des argovia philharmonic auf, das auch Mendelssohn-Bartholdys «Italienische» Sinfonie Nr. 4 bereithält. Roth spielt das von ihm wiederentdeckte grandiose Violinkonzert von Mieczyslaw Weinberg, mit dem er andernorts schon Furore machte. (SE)

Stadtkirche Aarau, 25. Oktober bis 8. November
www.mendelssohntage.ch

Wie verbindet die Organistin nun in ihrem Rezital die französische Romantik mit der polyfonen Musik von Bach? Wer die sympathische junge Frau schon spielen gehört hat, der weiss, wie raffiniert sie die Stücke registriert. Das Registrieren der Orgel ist eine Kunst für sich. Man mischt anhand der Knöpfe links und rechts von der Tastatur die Farben zusammen: Flötig oder nasal, metallig scharf oder festlich laut, es steht einem dafür ein ganzes «Klangorchester» zur Verfügung.

«Die grosse Orgel der Stadtkirche hat unendliche Möglichkeiten, das begeistert mich immer wieder», schwärmt die Organistin. «Ich kann stundenlang damit verbringen, passende Klänge zu suchen und auszuprobieren, diese Orgel hat so viele Stimmen! Und man kann alles darauf spielen, wenn man es entsprechend registriert.» Kein Wunder, liebt Bacchetta die virtuose und klanggewaltige Orgelmusik von Widor und Saint-Saëns besonders. Und für einmal will sie auch Bach eher etwas «romantischer» registrieren als sonst, Überraschungen sind jedenfalls vorprogrammiert.

Einfach zugängliche Angebote sind ihr wichtig

Schon während ihres Studiums an der HdK Bern war Nadia Bacchetta neugierig und offen für Anderes, auch für zeitgenössische Musik. Während ihrer Amtszeit in Aarau (auch schon fast zehn Jahre) hat sie sich aber ein unverkennbar eigenes Profil erarbeitet. Sie liebt den Austausch mit Musikerinnen und Musikern aus anderen Branchen, sei das Rock, Pop oder Jazz, wobei interessante Crossover-Projekte zu Stande kommen: wie dasjenige mit den französischen Chansons von «pasdici», oder die Tanzperformance «Giostra» mit der Tänzerin Deborah Saputo. Vor allem dafür wurde Nadia Bacchetta 2014 zum Pro Argovia Artist gekürt.

Ein Anliegen ist der Hauptorganistin der Stadtkirche aber auch ein einfach zugängliches Angebot für alle: Gratis Kurzkonzerte über Mittag mit Kollekte, die sehr gut ankommen. So auch ihr traditionelles «Rüeblisounds»-Konzert zum «Rüeblimarkt», das während der Mendelssohntage stattfindet (Mittwoch, 4.November, um 12.15Uhr). Von Anfang an begeistert hat auch der «Klingende Adventskalender». Der Anlass wurde im vergangenen Jahr vom Publikum regelrecht überrannt. Nadia Bacchetta lädt dafür verschiedene Ensembles und Musikerinnen und Musiker für «Überraschungs»-Mittagskonzerte ein. Mit dieser Idee gewann die Organistin den diesjährigen kirchlichen Dienstagsmail-Award.