Kurzes Glück in Technicolor

Modeschöpfer Tom Ford liefert mit der Romanverfilmung «A Single Man» ein erstaunliches Filmdébut. Ford präsentiert einen introvertierten und stylischen Film über Isolation, Liebe, Einsamkeit und Trauer, mit einem grandiosen Colin Firth in der Hauptrolle.

Andreas Stock
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Trost unter Freunden: George (Colin Firth) und Charlotte (Julianne Moore) in beduselter Zweisamkeit. (Bild: pd/Ascot Elite)

Trost unter Freunden: George (Colin Firth) und Charlotte (Julianne Moore) in beduselter Zweisamkeit. (Bild: pd/Ascot Elite)

Ein Mann erwacht. Es ist Freitag, der 30. November 1962 in Los Angeles und dieser Mann, der britische Literaturprofessor George Falconer, hat entschieden, dass es der letzte Tag in seinem Leben sein soll.

Es ist der grösste Eingriff, den Regisseur und Drehbuchautor Tom Ford in seiner Verfilmung des gleichnamigen Romans von Christopher Isherwood vornimmt, und er setzt damit von Beginn weg einen eigenen Akzent, der die Stimmung von «A Single Man» prägt und einen bereits dichten Roman noch mehr zuspitzt.

Dieser 52jährige George, der in Trauer über den Tod seiner grossen Liebe Jim seit Monaten in der Vergangenheit lebt, nimmt an diesem Tag wieder bewusst die Gegenwart wahr: Das im Vorgarten tanzende Nachbarsmädchen, die Frisur und das Lächeln einer Frau im College-Sekretariat, ein intimes Gespräch mit einem Studenten. Im Wissen, dass dies die letzten Momente sein werden, wird jeder von ihnen kostbarer.

Und die Erinnerungen an die 16 Jahre mit Jim (Matthew Goode), die während des Tages immer wieder aufsteigen, bestärken George nur in seinem Entschluss.

Isoliert und einsam

Sorgfältig bereitet er bis ins Detail alles für seinen Abschied vor. Er legt persönliche Dokumente, Briefe und Anweisungen ordentlich auf dem Tisch bereit, die nach seinem Suizid gebraucht werden. Doch trotz der genauen Vorkehrungen wird der Tag anders enden, als George das vorgesehen hat.

Roman und Film umspannen einen Tag im Leben von George Falconer, einem verschlossenen, um grösste Korrektheit bemühten Mann. In den episodisch angelegten Begegnungen und Erlebnissen während dieses Tages entsteht – ähnlich wie letztes Jahr in «Revolutionary Road» von Sam Mendes – ein kaleidoskopisches Bild der amerikanischen Mittelschicht der 1960er-Jahre, vor allem aber das Porträt eines Menschen, der sich isoliert und einsam fühlt und für sich keine Zukunft sieht.

Dass dieser Mann homosexuell ist (ebenso wie der Romanautor und der Regisseur), ist zwar nicht nebensächlich, spielt im Kern aber keine entscheidende Rolle, denn existenzielle Fragen und die Trauer um einen geliebten Menschen lassen sich nicht darauf reduzieren.

In kleinsten Regungen

Colin Firth meidet zudem jegliche Affektiertheit, die dies unnötig betonen würde. Es ist vielmehr ein Ereignis, wie nuanciert Firth diesen George verkörpert.

Allein die Szene, in der er am Telefon vom tödlichen Unfall von Jim erfährt, ist alle Auszeichnungen wert, die der britische Schauspieler für seine Darstellung bereits erhalten hat, und die ihm nun eine Oscar-Nomination einbrachte. Wie sich während dieses Telefons zuerst sein Blick versteinert, die Augen sich leicht weiten, bevor er die Fassung verliert, die Gesichtszüge für einen Moment entgleiten, Tränen hervorschiessen und man unmittelbar erlebt, wie in diesem Körper etwas abstirbt und der Blick ermattet.

Ganz nah ist die Kamera Firths Gesicht immer wieder, und gebannt sieht man zu, wie sich im Verlaufe des Films darin in kleinsten Regungen Spott, Ironie, Traurigkeit oder Gleichgültigkeit ereignen.

Mit zu den schönsten Szenen gehören jene mit Julianne Moore. Zum Beispiel jene bittersüsse, verletzliche Melancholie, die sich während des Abendessens zwischen George und seiner langjährigen Freundin Charlotte abspielt.

Zusammen versuchen sie ihre Traurigkeit und Einsamkeit mit Gin-Tonics zu lindern; sie vermögen sich in ihrer beduselten Zweisamkeit wohl gegenseitig zu trösten, aber nicht zu helfen.

Oberfläche als Maske

Erstaunlich ist, mit welcher Ruhe und Konzentration Tom Ford sein Filmdébut in Szene setzt. Mit sicherem Gespür vermeidet er trotz des hoch emotionalen Stoffes einen dissonanten Anklang von Larmoyanz.

Die stilbewusste Inszenierung unterläuft jede drohende Gefühlsschwüle und entspricht mit ihrer perfekt gestylten Oberfläche zugleich der fragilen Befindlichkeit von George, der es versteht, seine Rolle zu spielen und sie als perfekte Fassade vor der Welt zu benutzen.

«A Single Man» ist formvollendetes Kino und eine grossartige Literaturverfilmung, weil es gelingt, der fast gänzlich als inneren Monolog gestalteten Vorlage einen filmischen Ausdruck zu geben.

Für die schmerzvolle Trauer und emotionale Isoliertheit von George finden Ford und der junge britische Kameramann Eduard Grau ein sinnliches Stilmittel: George sieht die Welt wie durch einen Grauschleier, die Farben sind verwaschen, die Bilder haben etwas Gläsernes und Kaltes. Im Laufe des Tages, wenn der Professor sich der schönen Augenblicke und Dinge des Lebens bewusst wird, leuchten die Farben für einen Moment in prächtigem Technicolor auf. Doch die kurze Zeit, die George bleibt, wird zur dramaturgischen Sanduhr.

Immer wieder schwenkt der Blick auf Uhren, hört man im Hintergrund die unerbittliche Mechanik eines Uhrwerks, die Sekunden ticken. Die Momente verstreichen, die Zeit läuft ab. Nicht nur die selbst gesetzte, die sich bestenfalls aufschieben lässt. Aber aufhalten lässt sie sich nicht.

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