Kurhaus mit Seelenapotheke

Das Ende 2012 in einem aussergewöhnlichen Neubau wiedereröffnete Kurhaus Oberwaid kümmert sich nicht nur um die körperliche Genesung seiner Gäste, sondern auch um deren Seele. Mit eigener Bibliothek samt Bibliothekar.

Beda Hanimann
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Schreiner, Maler, Buchhändler, Designer – und jetzt Bibliothekar: Gerhard Frobarth in der Bibliothek des Kurhauses und Medical Center Oberwaid. (Bild: Hanspeter Schiess)

Schreiner, Maler, Buchhändler, Designer – und jetzt Bibliothekar: Gerhard Frobarth in der Bibliothek des Kurhauses und Medical Center Oberwaid. (Bild: Hanspeter Schiess)

Der Begriff «Seelenapotheke» ist hier vielleicht noch passender und zwingender als in der Stiftsbibliothek, wo er auf einem Schriftband über dem Portal hängt und den Ort als Heilstätte der Seele ausweist. Denn in der «Oberwaid» ist die Bibliothek die Ergänzung einer Welt, in der es primär um körperliche Heilung und Regeneration geht. Dass dazu aber auch Seele und Geist gehören, ist Teil des Konzepts im vor gut einem Jahr wieder eröffneten Kurhaus und Medical Center Oberwaid.

Von der grosszügigen Lobby aus führen drei verglaste Flügeltüren in drei elegante Salons: Links befindet sich das Spielzimmer mit Schach- und Billardtischen, rechts das Fumoir und in der Mitte die Bibliothek. «Die Bibliothek war uns von Anfang an ein Anliegen», sagt Patrick Fassbender, Direktor Verkauf und Marketing. «Wir wollen unsere Gäste anregen, sich Zeit zu nehmen für ein gutes Buch und vertieft in dessen Inhalt die kleinen und grossen Sorgen das Alltags eine Zeitlang zu vergessen.»

Rilke auf Ukrainisch

Der Raum ist die stimmige Ambiance dafür. Weiss, Beige- und Brauntöne sowie Gold strahlen Ruhe aus, Fauteuils und Sofas laden zur entspannten Lektüre ein. Die steht in vier Regalen bereit und ist nach Sparten wie Romane, Biographien, Kunst/Design, Länder/Städte, St. Gallen/Bodensee oder Bildbände gegliedert.

Da gibt es ledergebundene Klassiker wie Hebbel, Hauff oder Eichendorff, da gibt es Loriots gesammelte Prosa und «Tim und Struppi». Da sind Thomas Manns «Zauberberg» und eine Darwin-Biographie. Man stösst auf die Anthologie «Gad ase» des legendären St. Galler Journalisten Hermann Bauer und auf Bildbände über die Geschichte des Kurhauses und das Design des 20. Jahrhunderts. Und man findet Trouvaillen wie Friedrich Justin Bertuchs und Georg Melchior Kraus' «Pandora oder Kalender des Luxus und der Moden» für die Jahre 1787, 1788 und 1789, drei handliche Büchlein mit Goldschnitt. Oder ein Bändchen mit hundert Gedichten von Rainer Maria Rilke, zweisprachig in Deutsch und Ukrainisch.

Vom Designer zum Bibliothekar

«Eine Bibliothek mit 8000 Bänden wird das nie», sagt Fassbender, «aber es ist ein kurzweiliges Angebot, eine kleine, feine Auswahl.» Für deren Betreuung hat das Kurhaus eigens einen Bibliothekar angestellt. Gerhard Frobarth ist gelernter Schreiner und hat in Hamburg Kunst studiert. Später führte er in Stuttgart einige Jahre eine Buchhandlung, wendete sich der Innenarchitektur zu und arbeitete bis 2002 als selbständiger Designer. Nach der Pensionierung blieb ihm wieder mehr Zeit für die Malerei. Nun ist das Nebenamt als Kurhaus-Bibliothekar dazugekommen, ergeben hat es sich durch die Bekanntschaft mit den «Oberwaid»-Besitzern Gabi und Heinrich Thorbecke.

«Dreimal in der Woche schaue ich zur Bibliothek», sagt der in Tübach wohnhafte Frobarth. Vor und nach dem Wochenende wird aufgeräumt, werden auf den Tischen abgelegte Bücher wieder eingeordnet oder Neueingänge eingegliedert. Frobarth schafft regelmässig Neuerscheinungen an, Gäste können ihre Buchwünsche an der Réception abgeben.

Wöchentliche Lesestunde

Am Donnerstag ist Frobarths Auftritt als Vorleser. Jede Woche gibt es zwischen fünf und sechs Uhr Lesungen. «Meist wähle ich Kurzgeschichten von verschiedenen Autoren, die Auswahl treffe ich spontan, manchmal je nach Publikum. Das finde ich interessant.» Er schätzt den Austausch mit den Bibliotheksbenutzern, der oft zu Titeln und Themen führt, «die wir bislang mit dem vorhandenen Portfolio nicht abgedeckt haben», wie Fassbender sagt. Die Donnerstagslesungen sind öffentlich. Die Bibliothek steht auch den Restaurantgästen zur Verfügung. «Warum nicht in die <Oberwaid> kommen, eine Tasse Tee geniessen und dazu gute Lektüre?», fragt Fassbender rhetorisch.