KUNZ UND KUNST: Tabula rasa in Tabuzonen

Momentan stagnieren die Verläufe um den zurückgestuften Museumsdirektor Stephan Kunz in Chur. Dieser befürchtet, dass der Wirbel um seine Person ablenkt vom Wesentlichen – nämlich von der Kunst in dem Haus, für das sein Herz schlägt.

Brigitte Schmid-Gugler
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Für Zappelphilippe ungeeignet: Die Bodeninstallation des Fotokünstlers Hans Danuser im Kunstmuseum Chur. (Bild: Petra Orosz/Keystone)

Für Zappelphilippe ungeeignet: Die Bodeninstallation des Fotokünstlers Hans Danuser im Kunstmuseum Chur. (Bild: Petra Orosz/Keystone)

Brigitte Schmid-Gugler

Das Wärmste in diesen kühn-kühlen Räumen ist der Handlauf. Die Beleuchtung an seiner Unterseite erhellt die Stufen ins Untergeschoss, vorbei an einem Teil der Sammlung. Es schlug hohe Wellen, als die Churer Regierung vor wenigen Wochen bekannt gab, der amtierende Direktor des Kunstmuseums, Stephan Kunz, sei zum Hauptkurator zurückgestuft und eine wissenschaftliche Mitarbeiterin zur neuen Direktorin ernannt worden. Innerhalb weniger Tage formierte sich nicht nur in der Bündner, sondern in der ganzen Deutschschweizer Kunst- und Kulturszene massiver Widerstand gegen dieses Vorgehen. Zumal bis heute nicht klar kommuniziert wurde, was Stephan Kunz vorgeworfen wird. Der Bündner Liedermacher Linard Bardill dichtete: «Hinter de sibe Bärgli/knallt en blinde Jäger/Zwergli ab wie Hase/und verscharrt sie duss’ im Rase (. . .).» Der zuständige Regierungrat Martin Jäger musste zurückkrebsen; in der Zwischenzeit wurde ein Mediator eingesetzt, bis nach den Sommerferien sollen Entscheide vorliegen.

Eclat sollte nicht von der Qualität des Baus ablenken

Wer mit dem seit dem Eclat um seine Zurückstufung in nicht definierter Anstellung anwesenden Stephan Kunz sprechen will, der lässt sich am besten von ihm durch die aktuelle Austellung des Fotokünstlers Hans Danuser führen. Über dessen hochästhetische Bildkunst will er reden, nicht über seine persönliche Befindlichkeit. Das sei zweitrangig, betont er. Priorität hätten nach wie vor die Kerngeschäfte Sammlung und Wechselausstellungen. Hochrangige, international in der Topliga mitspielende Kunst wie die des ursprünglich aus Chur stammenden, in Zürich lebenden Hans Danuser.

Natürlich sei es grossartig, in dieser Krise einen solchen Rückhalt in der Kunstszene erleben zu dürfen, sagt Kunz. Er widerspricht jedoch der Vermutung, der Wirbel um seine Person bringe dem Museum willkommene Publicity. Die auf ihn gerichtete Aufmerksamkeit lenke eher vom Wesentlichen – und damit gerade auch von der aktuell gezeigten Ausstellung ab. Dabei seien gerade in dieser umfassenden Schau die fantastischen Möglichkeiten des Erweiterungsbaus und die qualitative Ausrichtung des Hauses zu erkennen.

Lange bevor der elegante, von den Architekten Fabrizio Ba­rozzi und Alberto Veiga entworfene Erweiterungsbau neben der Villa Planta im Juni 2016 eröffnet wurde, hatte Stephan Kunz die Rückschau auf 35 Schaffensjahre des 64-jährigen Danuser in seiner Agenda. «Zwei Jahre einer wunderbaren Zusammenarbeit», unterstrich der Künstler selber, der sich ebenfalls an vorderster Front gegen Kunz’ Degradierung einsetzte. Dieser, vor seiner Wahl nach Chur Kurator im Aargauer Kunsthaus, hatte dort 1989 Hans Danusers Werkzyklus «In Vivo» erstmals gezeigt.

Die Mittel und Strukturen ausgereizt

Danuser ist ein kritischer, zäher und unerbittlicher, gerne in Tabuzonen vordringender Zeitgeist. Seine Ansprüche an sich als Kunstschaffender, aber auch an die Präsentation seiner Werke in der Öffentlichkeit ist hoch, geprägt von kompromissloser Präzision. Diese Ausgangslage dürfte mit ein Grund sein, weshalb die Situation im Kunstmuseum gerade zum Zeitpunkt eskalierte, als sich seine Ausstellung im Churer Kunstmuseum im Aufbau befand. Danuser, der sich furchtlos immer wieder in politische Debatten einmischt, sprach kurz nach dem Eclat Klartext: Die Bündner Regierung müsse endlich einsehen, dass die durch den Neubau ums Doppelte erweiterten Räumlichkeiten nicht mit den bisherigen finanziellen und personellen Ressourcen zu bewältigen seien.

Das bedeutet in seinem Fall nicht nur das Ausreizen oder gar Überreizen der vorhandenen Mittel, sondern das Setzen seiner Werkgruppen in einer kaum zu übertreffenden räumlichen Plastizität. Die quadratischen Platten der Serie «Erosion» sind als ­Bodeninstallation die Hauptattraktion. Serien aus früheren Jahren wie die «In Vivo»-Recherchen zu den Themen Atom-Energie, Goldbarren, Medizin und Chemie werden in Danusers Hell-Dunkel-Arbeiten ergänzt von Werkgruppen wie «Frozen Em­bryo» sowie einer in den 1980er-Jahren in New York entstandenen wild-at-heart-Session, die hier zum ersten Mal überhaupt zu sehen ist. Danuseres seriell fotografisches Forschen und Bearbeiten zieht sich meist über viele Jahre; bis zu einem Jahrzehnt arbeitete er am Zyklus «Landschaft in Bewegung», in welchem sich das Wüstenlicht in fast überirdisch scheinender Durchdringung aus den Grauzonen seiner Hauptwerkgruppen herausschält. Danuser ist ein Archäologe in der analogen Fotografie. Sein Pinseln hebt uns Sehende aus unserem Blindgängertum.

Bis 20. August, Kunstmuseum Chur. Katalog: Verlag Steidl