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KUNSTWANDERUNG: Hinauf zu Licht, Luft und Wirklichkeit

Savognin ist ein Geheimtipp, wenn man im Gebirge den Spuren des Malers Giovanni Segantini folgt. In der alpinen und doch sanften Landschaft des Oberhalbsteins fand er zu seiner ganz eigenen Ausdrucksweise.
Christina Peege
Für das Bild «Alpweiden» (1893/94) hat sich Giovanni Segantini vom realen Gegenstand gelöst. (Bild: Kunsthaus Zürich)

Für das Bild «Alpweiden» (1893/94) hat sich Giovanni Segantini vom realen Gegenstand gelöst. (Bild: Kunsthaus Zürich)

Christina Peege

Es ist einsam hier im Kunsthaus Zürich, vor dem Gemälde «Alpweiden» von Giovanni Segantini (1858–1899). So einsam wie der Hirtenknabe, der eingenickt ist, statt seine Schafe zu beaufsichtigen. Was soll er sie auch zählen? Eine Quelle, die einen hölzernen Brunnentrog speist, ist Grund genug, nicht wegzulaufen. Ein Tier säugt seine zwei Lämmer im Schatten, den ein Baum ausserhalb des Gemäldes auf die Tiere wirft. In der Ferne sind weitere Tiere und Menschen in einer Art Hochebene unterwegs. Schatten wandern über sie hin. Im Hintergrund spannt sich eine besonnte Gebirgskette, unverkennbar sind der Piz Curvér und der Piz Toissa. Kneift man die Augen zusammen, erkennt man auf dem Bild kaum Gegenstände und Figuren, lediglich wunderbare Farben und ein Leuchten.

Es ist Segantinis Art zu malen, sein Weg zum Licht und zur Wahrheit: In einem Brief hat er seine Malweise anschaulich beschrieben: «... und ich beginne auf meiner Leinwand loszuarbeiten mit feinen dünnen und pastosen Pinselstrichen (...), je reiner die Farben sind (...), um so besser führen wir unser Gemälde dem Licht, der Luft und der Wirklichkeit entgegen.»

Kaum Spuren in Savognin

Licht, Luft, Wirklichkeit. Das wollen wir sehen (ja, die Luft auch) – doch wo hat der Maler bloss seine Staffelei aufgestellt? Einen ersten Anhaltspunkt bieten die beiden markanten Berge: So sehen der Piz Curvér und der Piz Toissa westlich von Savognin aus. Das Gemälde muss also östlich des Dorfes, unter den Felswänden des Corn da Tinizong entstanden sein. 1886 kam Segantini mit seiner Familie aus Brianza auf der Suche nach Landschaften ins Bergdorf und blieb acht Jahre. Begeistert berichtete er später: «Hier nahm meine Kunst den Charakter an, der ihr heute eigen ist. (…) Hier erfüllte mich eine grosse Freude, meine Augen begeisterten sich am Blau des Himmels, am zarten Grün der Weiden, ich betrachtete die stolzen Bergketten in der Hoffnung, sie zu erobern …»

Die Spurensuche in Savognin beginnt zunächst ernüchternd. Auf dem Touristenbüro wird man aus dem Dorf gewiesen: Segantini? Museum in St. Moritz. Doch so schnell wird man uns nicht los. Ja, es gebe eine Gedenkstätte, ein kleines Freiluftdenkmal, am Ortsausgang links die Strasse hoch. Das Wohnhaus des Malers? Gleich auf der anderen Strassenseite. Nein, nicht öffentlich zugänglich.

Bei der Gedenkstätte ein Hund im Schatten Segantinis und seiner Frau Bice. Das Paar montiert als Pappkameraden aufrechtstehend auf Metall. Ein Geheimtipp unter Hunden und unter Einheimischen, denn es hat auch eine Bücherbox, wo man Bücher tauschen kann. Segantini? «Wandern sie doch Richtung Lai Tigiel» rät der Halter des Tiers. Auf der Alp Tussagn habe der Maler mit seiner Familie ein Häuschen bezogen, um in aller Ruhe malen zu können. Weiter oben finde man einen Gedenkstein. Im Parc Ela werde des Malers Andenken heute mit Veranstaltungen gepflegt. «Damals hat man einen Riesenfehler gemacht», meint der Mann und schaut nach seinem Hund, «ein Riesenfehler ist es gewesen, den Segantini die Kirchenfassade nicht bemalen zu lassen.» Der habe für die Fassadenbemalung der Nossadonna im Ortsteil Sot Curt einen Entwurf vorgelegt. Das sei doch kein Geheimnis, warum das Projekt nicht zustande gekommen sei, meint er. Konservative Savogniner hätten dem Staatenlosen, der in wilder Ehe gelebt habe und sich nie in der Kirche habe blicken lassen, den Auftrag verweigert. «Das wäre schön, wenn wir heute ein Original im Dorf hätten.» Fehlendes Geld sei nur ein Vorwand der Gemeinde gewesen.

Der Maler scherte sich ohnehin nicht wirklich um Kunst am Bau. Er suchte das Licht und fand einen Weg, es in Bildern zum Leuchten zu bringen. Mit möglichst reinen Farben malte er waagrechte und senkrechte Pinselstriche. So erreichte er Komplementärkontraste. Das Bild, und das ist das Faszinierende, entsteht im Auge des Betrachters, indem dieser die Farben zu leuchtenden Landschaften und Figuren mischt.

Er liess ganze Bergrücken verschwinden

Auf guten Wanderwegen streben wir der Alp Tussagn entgegen. Bei den wettergebräunten Holzhäusern von Dafora, gleich neben der Alp, steht ein Brunnen, ähnlich jenem der auf dem Bild zu sehen ist. Das Wasser ist erfrischend, man kann es trinken, wie die vielen Figuren und Tiere auf Segantinis Bildern, die sich an einer Quelle erfrischen. Heute gibt es hier vor allem Rinder.

«Da hinten war Segantinis Haus», weist ein Senn auf der Alp Tussagn den Weg. Was heute dasteht, ist unverkennbar neu. «Das Haus des Malers ist irgendwann eingestürzt», sagt er. Er wendet Cervelats auf einem Grill für seine Mannschaft. Auf der Alp wird gebaut, es gibt Sonnenkollektoren auf dem Dach. Wir vergleichen das Bild aus dem Kunsthaus Zürich mit der Realität. Was für ein Unterschied! Im Hintergrund sehen wir zwar den Piz Curvér und den Piz Toissa, doch sind diese keineswegs so kompakt wie auf dem Gemälde. Savognin unten im Tal hat der Maler buchstäblich «übersehen» – gemalt hat er lediglich die Wiesen der Alp, den Himmel, Schafe und Wasser. Segantini hat eindeutig nicht verschiedene Ansichten kombiniert. Er hat mit Licht und Luft Landschaft auf die Leinwand gezaubert. Er liess ganze Bergrücken verschwinden. Zwischen Talgrund und Horizont füllte er ein Stück aus und die Bergkette zog er auseinander. Der Maler hat sich von seinem realen Gegenstand gelöst – und ist in seinem Bild zu einer Schau gelangt, in der Mensch und Natur, der Hirt mit seinen Tieren, eine Einheit bilden.

Ein See und viele Farben

An seinem Gedenkstein mit italienischer Inschrift vorbei wandern wir in den Talkessel des Lai Tigiel. Der gezackte Grat zwischen Piz Mitgel und Corn da Tinizong schneidet in den blauen Himmel. Die Felsen spiegeln sich im smaragdgrün schimmernden Wasser des Seeleins. Das hat er ebenfalls ins Bild gezaubert. Er muss auf dem Weg bis hierhin ganz schön geschwitzt haben, so mit Malutensilien beladen. Der Wind streicht über die Oberfläche des Wassers und wirbelt die Farben durcheinander; Licht und Schatten, wie gemalt.

Keine Schafe weit und breit, nur Schäfchenwolken. Nichts als Licht, Luft, Wirklichkeit. Man spürt sie ebenso, wie man sie sieht. Giovanni Giacometti, ein Freund des Malers, brachte es – vor dem Gemälde «Alpweide» stehend – auf den Punkt: Segantini stellt keine Abbilder her, sondern gibt die Natur wieder, «wie sein Herz sie fühlt».

In der Reihe «Kunstwanderung ...» stellen wir Landschaftsbilder von Schweizer Malern vor und besuchen die Orte ihrer Entstehung. Wir suchen den Standort des Malers, betrachten seine Wahl des Ausschnitts und schildern die Schauplätze heute.

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