Preisträger im Kunstraum Kreuzlingen: Pablo Walser zeichnet lustvoll gegen Grenzen an

Pablo Walser wurde mit Adolf-Dietrich-Förderpreis 2019 geehrt. Jetzt zeigt der im Thurgau aufgewachsene Künstler im Kunstraum Kreuzlingen ein Weltanschauungspanoptikum.

Kristin Schmidt
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In Lörrach geboren, im Thurgau aufgewachsen, in Dresden wohnhaft: Der 30-jährige Künstler Pablo Walser in seiner Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen.

In Lörrach geboren, im Thurgau aufgewachsen, in Dresden wohnhaft: Der 30-jährige Künstler Pablo Walser in seiner Ausstellung im Kunstraum Kreuzlingen.

Bild: Andrea Stalder

Etwas Ideologiekritik gefällig? Oder etwas vom Phrasensalat? Vielleicht ein wenig Schlagzeilensuppe? Und zum Nachtisch eine Religionsbowle? Die Tafel ist reich gedeckt im Kunstraum Kreuzlingen. Hier zeigt der junge Künstler Pablo Walser seine Ausstellung «Die Abwesenheit der Liebe». Walser erhielt den Adolf-Dietrich-Förderpreis 2019, die Ausstellung ist Teil der Auszeichnung.

Es ist für alle etwas dabei und falls etwas fehlen sollte, darf selbst weitergemalt, -geschrieben, -gezeichnet werden. Pablo Walsers Prinzip ist das des Miteinanders: Hier sind alle willkommen. Je mehr Beteiligte, desto wilder die Mischung und desto intensiver das Ergebnis. Wer da versucht, den Überblick zu behalten, ist von vornherein verloren.

Adolf-Dietrich-Förderpreisträgers Pablo Walser zeigt im Kunstraum Kreuzlingen überarbeitete Schullandkarten.

Adolf-Dietrich-Förderpreisträgers Pablo Walser zeigt im Kunstraum Kreuzlingen überarbeitete Schullandkarten.

Bild: Andrea Stalder

Macht aber nichts, Zufallsfunde haben auch ihren Reiz. Sie locken in Wort und Bild, in Zitaten und auf Zeitungen, in Gemälden und Comicstrips des Künstlers. Überarbeitete Schullandkarten hängen neben Collagen im Schülermagazinstil, hastig hingeworfene Notizen neben eng beschriebenen Blättern, Gedrucktes neben Gekritzeltem, zartfarbige Zeichnungen neben grellen Aufrufen, deren Neonfarben dank bereit hängender Taschenlampen noch intensiver aufleuchten.

«Grütze mittenand»

Im Untergeschoss des Kunstraumes geht es weiter mit einer Videoprojektion und rosafarbenem Kinderelektromobil. Wer hineinpasst, kann seine Runden drehen vorbei an den Informationstafeln über «Verbrechen der Zukunft» und an einer speziellen Liebesbibliothek.

Bunt kommt das alles daher, sehr unterschiedlich in Form und Farbe. Aber gerade in dieser Menge und im Durcheinander ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild. Das ist eine der Stärken von Walsers Ausstellung: Die verschiedenartigen Elemente stehen selbstbewusst für sich und münden gemeinsam in ein grosses Ganzes oder wie es auf Zeitungscollagen zu lesen ist: «Grütze mittenand» – zusammengerührt und sofort serviert.

Pablo Walser im Kusntraum Kreuzlingen: Die verschiedenen Elemente stehen selbstbewusst für sich und münden gemeinsam in ein grosses Ganzes.

Pablo Walser im Kusntraum Kreuzlingen: Die verschiedenen Elemente stehen selbstbewusst für sich und münden gemeinsam in ein grosses Ganzes. 

Bild: Andrea Stalder

Das gilt nicht nur für die Form, sondern auch für den Inhalt. Auch hier zelebriert Pablo Walser Vielfalt und Überfluss. Lustvoll schreibt und zeichnet er an gegen Grenzen, gegen Nationalstolz und Intoleranz, gegen Gewalt und Gewinn, gegen Zahlenfetischismus, Materialismus und manch anderen Ismus.

Aber ganz ohne geht es doch nicht: Feminismus und Anarchismus haben ihren festen Platz in diesem Kosmos. Immerhin kommt er nie dogmatisch daher; dafür sorgt schon die unpolierte Form. Hier ist nichts auf Hochglanz und Bedeutung getrimmt, hier weht der Geist der Kommunen, der alternativen Lebensentwürfe und Sinnenfreuden.

Im Untergeschoss des Kunstraums Kreuzlingen zeigt Pablo Walser seine Videoarbeit «Die Abwesenheit der Liebe».

Im Untergeschoss des Kunstraums Kreuzlingen zeigt Pablo Walser seine Videoarbeit «Die Abwesenheit der Liebe». 

Bild: Andrea Stalder

Das zeigt sich besonders im Video im Untergeschoss. Unter dem Titel «Die Abwesenheit der Liebe» feiert hier eine Parallelgesellschaft die Hochzeit des Universums. Ein altes Landgut bildet die Kulisse für ein buntes Völkchen und seine undurchsichtigen Aktivitäten. Jeder darf sich verkleiden, jede in eine Rolle schlüpfen, egal wie – Hauptsache friedlich und offen für die anderen. Nur das Brautpaar läuft schliesslich davon und die Torte stapft gedankenverloren hinterher. Chaos ist Programm, doch das ficht niemanden an. Stattdessen übersetzen die Untertitel die sich ständig überkreuzenden Gesprächsfäden einfach mit «Crosstalk».

Ein Glücksrad als Nachrichtengenerator

Dieser Begriff könnte als Motto über der gesamten Ausstellung stehen und ebenso für Pablo Walsers Umgang mit dem Quellenmaterial. Der Künstler bedient sich bei den Printmedien, im Internet, durchforstet die überall zirkulierenden Meinungen, Meldungen und Machtdemonstrationen.

Er greift auf, was tagesaktuell wichtig erscheint, bedient sich aber auch in der Kunstgeschichte, bei alten Utopien, Philosophien und Ritualen. Die Stichwörter werden Pablo Walser also nicht so schnell ausgehen und wenn doch, steht ein Nachrichtengenerator in Glücksradform bereit: Auf zur nächsten Runde!

Pablo Walser: «Die Abwesenheit der Liebe», Kunstraum Kreuzlingen, bis 19. Januar 2020

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