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Kunsträuber Hitler

Auch fast siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geht die Suche nach Nazi-Raubkunst weiter. Erstaunen darf das nicht. Denn noch nie in der Geschichte ist Kunstraub in derart grossem Stil betrieben worden.
Rolf App
Als Kunstliebhaber setzte Hitler sich gern in Szene: Hier 1939 mit Propagandaminister Joseph Goebbels (links) bei der Eröffnung der Grossen Deutschen Kunstausstellung. (Bild: ky/Scherl)

Als Kunstliebhaber setzte Hitler sich gern in Szene: Hier 1939 mit Propagandaminister Joseph Goebbels (links) bei der Eröffnung der Grossen Deutschen Kunstausstellung. (Bild: ky/Scherl)

Was 1946 in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gegen die Spitze Nazideutschlands verhandelt wurde, das war nicht nur der Völkermord an den Juden. Es war nicht nur ein Angriffskrieg, der weite Teile Europas in eine zerbombte Wüste verwandelt hatte. Es ging da auch um den grössten Kunstraub aller Zeiten, in dessen Gefolge bis heute in Museen in aller Welt nach Raubkunst gesucht werden muss. Auch die dem Berner Kunstmuseum vermachte Sammlung Gurlitt muss nun nach Bildern durchforstet werden, die den entrechteten Juden abgepresst oder Museen geraubt worden sind.

Was sich Hitlerdeutschland an Kunstgegenständen angeeignet habe, das übertreffe alle Schätze des Metropolitan Museum in New York, des British Museum in London, des Louvre in Paris und der Tretjakow-Galerie in Moskau, hat der amerikanisch Ankläger in Nürnberg erklärt – und damit wohl sogar untertrieben. Denn vieles, was die Kunsthistorikerin Birgit Schwarz in einem Buch über Hitlers Kunstraub zusammenträgt, ist kurz nach dem Krieg noch wenig bekannt gewesen. Dazu gehört auch die zentrale Rolle Hitlers.

Hitler sammelt Böcklin

Der hatte schon früh angefangen, Kunst zu sammeln. Er habe auch, betont Birgit Schwarz, über einen ausgeprägten Kunstverstand verfügt. So hing in der Münchner Wohnung des aufstrebenden Parteiführers Arnold Böcklins «Kentaurenkampf», 1936 hängte Hitler dessen «Toteninsel» in seine Berliner Residenz. Applaus bei seinen engsten Anhängern erntete er damit nur bedingt. «So eine Bildersammlung aus dem 19.Jahrhundert kommt einem vor wie eine Totenkammer», spottete Propagandaminister Joseph Goebbels.

Linz empfängt seinen Sohn

Dessen Meinung allerdings kümmerte Hitler nicht. Zu seinen wichtigsten Vertrauten in Sachen Kunst zählten andere. Der Fotograf Heinrich Hoffmann zum Beispiel, der ebenfalls Kunst sammelte. Weiter die Kunsthändler Karl Haberstock und Maria Almas-Dietrich. Sie berieten ihn beim Bilderkauf.

Endgültig vom Bildersammler zum Bilderräuber wurde Hitler am 12. März 1938. Wenige Stunden nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Österreich passierte er die Grenze in seiner Geburtsstadt Braunau am Inn und erreichte gegen Abend Linz. Die Bevölkerung bereitete dem grossen Sohn der Stadt einen tosenden Empfang, Hitler war erleichtert und gerührt - und versprach der Stadt, in der er prägende Jugendjahre verbracht hatte, ein Kunstmuseum.

Begeistert in den Uffizien

Anderthalb Monate später weilte er auf Staatsbesuch in Italien, hier konnte er sich – sehr zum Ärger Mussolinis, der die stundenlangen Rundgänge nur schwer ertrug – an den Bilderschätzen insbesondere der Uffizien kaum satt sehen. Wer könnte ihm eine solche Gemäldesammlung für Linz zusammenstellen, fragte Hitler seinen Berater Haberstock. Der empfahl ihm den – von den Nazis kurz zuvor kaltgestellten – Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, Hans Posse. Posse nun wurde zur treibenden Kraft, die, immer in enger Absprache mit Hitler selbst, für sein geplantes Museum in grossem Stil Kunstwerke zu sichern begann.

Nicht für private Zwecke

Während im besetzten Österreich und später in anderen Gebieten jüdische Mitbürger systematisch entrechtet und gezwungen wurden, sich von ihrem Kunstbesitz zu trennen, erliess Hitler auf Posses Betreiben den so genannten «Führervorbehalt»: Bedeutende Kunstwerke mussten gemeldet werden, und Hitler behielt sich vor, sie entweder für sein Linzer Museum zu reservieren oder aber auf andere Museen zu verteilen.

Darüber hinaus ordnete er an, dass die beschlagnahmten Kunstwerke «weder zur Ausstattung von Diensträumen der Behörden oder Dienstzimmern leitender Beamter verwendet, noch von leitenden Persönlichkeiten des Staates und der Partei erworben werden». Diese letzte Bestimmung richtete sich gegen Nazigrössen wie Hermann Göring oder Alfred Rosenberg, die begonnen hatten, in grossem Stil private Kunstsammlungen zusammenzurauben. Je grösser die Gebiete waren, in die deutsche Truppen vorstiessen, umso grösser wurde der Schatz, den es zu verteilen gab – und desto grösser wurde die Versuchung für alle Beteiligten, sich selber zu bedienen. Hitler wollte den Kunstraub systematisieren und die gestohlenen Werke auf die Museen seines Reiches verteilen. Er wollte ihm so ein quasilegales Mäntelchen umhängen.

Hitler legt Wert auf Distanz

Hitler liess Posse machen. Ging es um Kunstraub, dann handelten stets andere in seinem Namen. Auch der «Führervorbehalt» blieb während des ganzen Krieges geheim. Das stellt auch Birgit Schwarz fest: «Wiewohl Hitler den NS-Kunstraub zentral lenkte, versuchte er doch gleichzeitig, eine möglichst grosse Distanz zwischen seiner ganzen Person und dem Vorgang des Raubes herzustellen; so durfte sein Name bei Beschlagnahmebefehlen nicht auftauchen.»

Während der Massenmord an den Juden seinen Lauf nimmt, findet ein Massen-Kunstraub statt. Und in beiden Fällen bleibt Hitler ein Regisseur im Hintergrund.

Birgit Schwarz: Auf Befehl des Führers. Hitler und der NS-Kunstraub, Theiss 2014, 319 S., Fr. 42.90

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