KUNSTPROJEKT: Ein Garten, der die Welt umspannt

Thomas Stricker wird am Wochenende an der Kulturlandsgemeinde eine soziale Skulptur gestalten, welche Herisau mit dem Township Kalkfeld in Namibia verbindet. Beide Orte versteht er als Teile eines einzigen grossen Gartens.

Christina Genova
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Thomas Stricker will mit seiner Skulptur dem Nord-Süd-Gefälle entgegenwirken. (Bild: Thomas Stricker)

Thomas Stricker will mit seiner Skulptur dem Nord-Süd-Gefälle entgegenwirken. (Bild: Thomas Stricker)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Thomas Strickers Skulptur besteht weder aus Marmor, Bronze noch aus Holz. Sie besitzt keine feste Form und verfügt auch über unsichtbare Elemente. Sie materialisiert sich in einem Schulgarten in Kalkfeld, einem Township in Namibia. Entstanden ist die Skulptur per Zufall, als Thomas Stricker vor zehn Jahren im Rahmen eines Artist-in-Residence-Projektes auf einer Farm in Namibia weilte. Dort lernte der gebürtige St. Galler, der in Düsseldorf lebt, die Leiterin der Primarschule Kalkfeld kennen. Sie erzählte ihm von ihrem gescheiterten Gartenprojekt und er bot seine Hilfe an.

Seine sozial engagierte Skulptur, wie Thomas Stricker das Projekt in der Tradition von Joseph Beuys’ sozialer Plastik nennt, ist viel mehr als nur ein Garten. Sie entwickelt sich kontinuierlich weiter. Ein Obstgarten ist hinzugekommen. Ausserdem entstanden dank der Kinder und ihres neu erworbenen Wissens überall im Dorf kleine Gärten.

Die Kulturlandsgemeinde optimieren

Die neuste Erweiterung der Skulptur findet unter dem Titel «Handcherom / On the other Hand» anlässlich der Kulturlandsgemeinde an diesem Wochenende in Herisau statt. Thomas Stricker will die Carte blanche, die er für seinen künstlerischen Beitrag erhalten hat, dafür nutzen, diesen möglichst nachhaltig zu gestalten – passend zum diesjährigen Thema «grösser glücklicher gerechter». Einen Teil des Kunstbudgets wird er deshalb dazu verwenden, seine sozial engagierte Skulptur in Namibia weiterzuentwickeln. Denn ganz ohne ihren Bildhauer kommt die Skulptur auch nach zehn Jahren nicht aus. Immer wenn bauliche Massnahmen ergriffen werden müssen, stösst man in Kalkfeld an gewisse Grenzen. Einerseits sind die handwerklichen Fähigkeiten limitiert, andererseits fehlen die finanziellen Mittel. Etwa, wenn der Gartenzaun, der die Tiere davon abhält, den Garten kahl zu fressen, kaputt geht.

Spielerischer Umgang mit Erdanziehung

Der Garten hingegen gedeiht: «Dass der Schulgarten, der in dieser trockenen Klimazone täglich gepflegt werden muss, überlebt, ist grossartig», meint Thomas Stricker. Das Gemüse und die Früchte wachsen derart gut, dass der Garten während der Erntezeit nachts bewacht werden muss, um Diebe fernzuhalten. Einerseits sei dies mühsam, andererseits merkten die Schüler, dass sie etwas Wertvolles anbauten, was Begehrlichkeiten wecke.

Gemeinsam mit der Schule hat Thomas Stricker für den November ein grosses «Garten-Update» geplant, dafür wird er zum fünften Mal nach Namibia reisen. Bäume müssen geschnitten und zum Teil neu gepflanzt werden, Zaun und Schattendach repariert oder die Hochbeete erneuert und mit Humus befüllt werden. Ausserdem will der Künstler Tanks zum Sammeln des Regenwassers aufstellen: «Entscheidend ist, dass die Initiative von der Lehrerschaft und von den Kindern ausgeht und wir die Skulptur gemeinsam weiterentwickeln.»

Die Erweiterung der Skulptur besteht auch aus einem nördlichen Teil: Die Besucher der Kulturlandsgemeinde können eine Partnerpflanze erwerben und bei sich zu Hause einpflanzen. Damit verbinden sie sich imaginär mit Namibia und fühlen sich im besten Fall als Teil eines weltumspannenden Gartens. Ausserdem wird Thomas Stricker im Rahmen einer Diskussionsplattform über den Schulgarten informieren. Mit seinem Projekt will der Künstler dem Nord-Süd-Gefälle entgegenwirken und die Welt etwas runder machen. Der nördliche und der südliche Teil sind in Strickers Verständnis zugleich Sockel und Skulptur, je nach Blickwinkel: «Ich hinterfrage, wer oben und wer unten ist, indem ich mit der Erdanziehung spielerisch umgehe.»

Sa, 6.5., 17.00 Uhr, Plattform III mit Thomas Stricker, Paola Ghillani und Regula Lienhard zum Thema «fairer, globaler, grosszügiger – optimierte Gesellschaft».