Kunstparty in Miami

Während fünf Tagen hat sich die weltweite Kunstszene in Florida getroffen. Die Art Basel Miami wird immer mehr zum Mekka des reichen Jetsets. Unter den Kunstliebhabern sind viele Milliardäre aus Lateinamerika.

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Treffpunkt Miami: Nach dem Besuch in den Galerien versammeln sich Kunstinteressierte und Investoren an einer der vielen Parties. (Bild: getty/Jennifer Graylock)

Treffpunkt Miami: Nach dem Besuch in den Galerien versammeln sich Kunstinteressierte und Investoren an einer der vielen Parties. (Bild: getty/Jennifer Graylock)

In Miami ist es das ganze Jahr über Sommer. Auch im Dezember sinkt das Thermometer selten unter 25 Grad. Die Weihnachtsbeleuchtungen an den Palmen wirken schon fast bizarr. Aber genau das ist es, was im Dezember so viele Menschen in die Metropole Floridas lockt. Der freizügige erotische Lebensstil, der unendlich lange Sandstrand, das blaugrüne Meer – und die Kunst. Gut 50 000 Kunstliebhaber sind dieses Jahr nach Angaben der Veranstalter an die Art Basel Miami Beach gekommen, einer Schwesterveranstaltung der Art Basel, welche die bedeutendste Kunstmesse der Welt ist.

Werke mit nachdenklichen Texten

Die Besucher lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die erste geniesst die Werke lediglich, die andere betrachtet sie, entscheidet sich und lässt einen Haufen Dollars springen. Wer bei den teilweise ohne Schildern versehenen Werken nach dem Namen des Künstlers oder des Preises fragt, entlarvt sich als jemand der ersten Gruppe, der sich die Bilder nicht leisten kann.

Unter der finanzkräftigen Kundschaft seien dieses Jahr vor allem «unauffällige und intellektuelle Werke gefragt gewesen», sagt der New Yorker Galerist Franklin Parrasch. Es sei in diesem Jahr vermehrt auf den ideellen Wert eines Werks sowie auf dessen historischen Kontext geachtet worden. Tatsächlich gab es dieses Jahr viel Kunst mit anregenden oder nachdenklichen Texten oder Wörtern. US-Rapper Diddy gönnte sich beim VIP-Rundgang Iván Navarros reflektierenden Spiegel-Tunnel «Scream». Kostenpunkt: etwa 65 000 Dollar.

Ein Magnet für die Reichsten

Ein Werk des deutschen Gerhard Richters, einem der bestbezahlten lebenden Künstler, wechselte für vier Millionen den Besitzer. Gekauft wird viel in Miami. Die genaue Summe verschweigen die Veranstalter. Kunstexperten schätzen die verkauften Werke im vergangenen Jahr auf etwa eine halbe bis zwei Milliarden Dollar. Eine enorme Summe. Auch der Hotel-, Gastro- und Party-Industrie dürften durch den Anlass rund 500 Millionen Dollar zusätzlich in die Kassen fliessen.

Die Art Basel Miami Beach hat sich in den vergangenen Jahren buchstäblich zu einem Magnet der Super-Reichen gewandelt, Menschen mit einem Nettovermögen von mindestens 30 Millionen Dollar. Nebst milliardenschweren russischen Oligarchen, seien dieses Jahr vor allem viele Neureiche aus dem lateinamerikanischen Raum in Miami gewesen, sagt Axel Stein, Leiter des Lateinamerika Geschäfts beim New Yorker Auktionshaus Sotheby's. Viele dieser «Vermögenden haben vom wirtschaftlichen Aufschwung in Asien profitiert» und würden nun «unglaubliche Summen» in den globalen Kunstmarkt pumpen.

Besonders beliebt bei dieser Kundschaft sind Werke aus ihren Heimatländern sowie teure Bilder von Impressionisten wie Claude Monet oder Pierre-Auguste Renoir. Der Aufwärtstrend des Kunstmarktes im lateinamerikanischen Raum hält Schritt mit dem Wirtschaftswachstum von Ländern wie Brasilien, Chile oder Mexiko. Diese Regionen würden den Kunstmarkt in den kommenden Jahren entscheidend beeinflussen, ist sich Stein sicher. Ein weiterer Konkurrent für den US-Markt ist China. Das Reich der Mitte hat 2011 die USA, die bisherige Nummer eins, knapp überholt. Die Volksrepublik hatte im vergangenen Jahr, gemessen am globalen Kunstmarkt, einen Anteil von 30 Prozent, jener der USA beträgt noch 29 Prozent.

Trendsetter abseits der grossen Messe

Die Menge und Vielfalt an Kreativität und visuellen Reizen «erschlagen» auch den geübten Beobachter. Eine regelrechte Kunst-Überdosis. Neben der offiziellen Art Basel Miami buhlen und konkurrieren in Miami mittlerweile fast zwei Dutzend weitere Kunstmessen um Aufmerksamkeit und potente Kundschaft. Eine davon ist die Aqua Art Miami Fair. Gezeigt werden die Werke in den 46 Zimmern eines Hotels. Die Preise bewegen sich hier, im Gegensatz zur offiziellen Messe, in einem Bereich, der auch für das durchschnittliche Einkommen erschwinglich ist. Auch für die Galerien ist die Aqua eine vergleichsweise günstige Plattform. Ein Hotelzimmer, etwa 100 Quadratmeter Ausstellungsfläche, kostet rund 14 000 Dollar. An der Art Basel Miami Beach muss für die gleiche Ausstellungsfläche bis zu 48 000 Dollar hingeblättert werden. Nicht selten bedeuten solch hohe Standmieten für Galerien ein Verlustgeschäft.

Kunst als Unterhaltung

Alternative Messen wie die Aqua haben, im Unterschied zu ihrer grossen Schwester, oft ein charmanteres Flair und sprechen eher ein jüngeres, unkompliziertes Publikum an. Die gezeigten Künstler stehen meist kurz vor dem Durchbruch und beglücken die Sammler nicht selten durch ihre innovative und avantgardistische Ausdrucksweise.

Der Stadtteil Wynwood, vor wenigen Jahren noch eine heruntergekommene Gegend, hat sich zu einem gefragten Treffpunkt für Kunstkenner und -sammler entwickelt. Auf den Strassen ist in diesem Viertel während der Art-Basel-Woche auch nachts enorm viel los. Zehntausende Menschen besuchen die unzähligen etablierten Galerien und amüsieren sich in den Restaurants und Clubs. Kunst hier, Kunst dort, Kunst überall.

Ein Spaziergang wird zur Entdeckungsreise. Werke von urbanen Künstlern wie Banksy, Invader oder Shepard Fairey prägen das Stadtbild, ihre Streetart ist an unzähligen Häuserfassaden Wynwoods omnipräsent.

Philipp Bürkler, Miami