Kunstnarr im Hochsommer

In drei Tagen elf Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst in Schweizer Museen. Ein Projekt für Verrückte? Ein kühler Genuss!

Michael Guggenheimer
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Duo «Haus am Gern»: Pavel und seine Brüder, Kunstmuseum Olten. (Bild: M. Guggenheimer)

Duo «Haus am Gern»: Pavel und seine Brüder, Kunstmuseum Olten. (Bild: M. Guggenheimer)

«Bei dem Wetter ins Museum?» Meine Frau kann es nicht fassen. An einem heissen, sonnigen verlängerten Wochenende will ich elf Ausstellungen mit zeitgenössischer Kunst in Schweizer Museen besuchen. Während sie am See in der Sonne schwitzt, beginne ich in den angenehm gekühlten Räumen des Migros Museums Zürich meine Tour.

Beim Betrachten von Teresa Margolles' Installation «La busqueda» schauderte es mich sogar. Acht zwei Meter hohe Glasscheiben, Fahndungsbilder von vermissten jungen Frauen. Originale aus der nordmexikanischen Millionen-Grenzstadt Ciudad Juarez, wo zwischen 1993 und 2013 mehrere hundert Frauen vergewaltigt und ermordet wurden. Die Mordserie hört nicht auf, die Täter werden selten gefasst.

Bomben wie Waschmaschinen

Am zweiten Tag werde ich in der Kunsthalle Fri Art in Fribourg eine nicht weniger politische Arbeit des Libanesen Rabih Mroué sehen. Gedruckte Wortwechsel aus dem Libanon: Menschen vernehmen nachts Geräusche, «ähnlich wie das Dröhnen einer Waschmaschine». Ein Bombenangriff mit Toten, geschildert von einem Überlebenden. In einer Videoinstallation ein Scharfschütze auf einem Dach, der zielt und trifft. Im Kellerraum des Museums ein Videoessay über Körperteile, die in einem Massengrab gefunden werden. Welcher Arm gehört zu welchem Körper? Erschütternde Realitäten aus dem kriegerischen Nahen Osten.

Fotografieren streng untersagt

Ganz anders «Robert Walser und die bildende Kunst» im Kunsthaus Aarau. Wieder kühle Räume, von Saal zu Saal begleiten mich zwei Aufpasserinnen: «Fotografieren strengstens untersagt.» Die Damen elegant gekleidet und mit designtem Museumshalstuch. Spaziergänger im Video, gemalte und fotografierte Wege erinnern an den Spaziergänger Walser, eine Folge von gerahmten weissen Flächen verweist auf seinen Tod im Schnee in Herisau.

«Wetten, du verwechselst am Ende die Ausstellungen?», hatte meine Frau gespottet. Noch weiss ich's genau: «Ich. Du. Die Anderen – Künstler porträtieren» im Kunstmuseum Olten. Die St. Galler Kunsthistorikerin Dorothee Messmer, Direktorin des Museums, hat aus den Beständen eine spannende Ausstellung zusammengestellt. Eine einzige Person im mehrstöckigen Gebäude, niemand folgt mir auf Schritt und Tritt, ich darf fotografieren, soviel ich will, («aber bitte ohne Blitz») die Dame an der Kasse weiss Bescheid über einzelne Künstler. Neun Bahnminuten und eine Kantonsgrenze trennen die beiden Städte Aarau und Olten, in denen Kunst so unterschiedlich unterstützt wird. Die beiden in Olten wohnhaften Autoren Alex Capus und Pedro Lenz blicken gemalt und gerahmt von der Wand. Die Thurgauer Fotografin Simone Kappeler ist mit intimen fotografischen Porträts vertreten, während das Künstlerpaar Rudolf Steiner und Barbara Meyer Cesta als Duo «Haus am Gern» mit einer Spiegelinstallation erstaunliche Fünffachporträts befreundeter Künstler zeigt.

Künstlerin als Gewichtheberin

Am zweiten Tag zum ersten Mal seit 30 Jahren Burgdorf. Beim Anblick des Museums Franz Gertsch wünscht man Olten einen Kunstmäzen. Wo ist der Industrielle, der dort die Renovation oder den Neubau bezahlt? Gertschs grosse Formate sind im französischen Toulouse und im deutschen Kleve. Deshalb zeigt Zilla Leutenegger neue Video-Rauminstallationen, in denen sie vorkommt. Einmal als Sprayerin im unheimlich dunklen und lauten Parkhaus, einmal als Gewichtheberin, die sich an ihre Kindheit erinnert. In einem Saal als Kontrast japanische Farbholzschnitte aus dem 19. Jahrhundert aus dem örtlichen Völkerkundemuseum. Die Dame am Eingang weist freundlich auf Japanausstellungen im Historischen Museum und im Textilmuseum St. Gallen hin.

Im Museum Gutenberg in Fribourg wunderbare Sprachbilder oder «Peintures d'écriture» des mittlerweile 96jährigen Rudolf Mumprecht. Lieblos ausgestellt, kein Textblatt, dafür in Vitrinen unzählige alte Zeitungsartikel über den mehrsprachigen Wort- und Zeichenkünstler. Absolutes Fotografierverbot, weil die Frau des Künstlers das strikt verboten habe. Die Dame an der Kasse erzählt auf Französisch und Deutsch laut vernehmbar immer wieder, wie pingelig die Ehefrau des Künstlers sei. Ich schreibe Sätze von Rudolf Mumprecht ab: «Ouvrir le passé à l'avenir» und «Im Rückspiegel des Sonntagsausflüglers sah es genau so aus, die ganze Familie war glücklich».

Besucherfreundliches Biel

Wie anders die besucherfreundliche Präsentation im Centre Pasquart in Biel, wo zu jedem der Künstler Erläuterungen in drei Sprachen aufliegen. Faszinierend die Videoarbeit des Künstlerpaares «Haus am Gern», das ich schon in Olten sah. Es war zu Besuch in vier ehemaligen Arbeiterhäusern in Schweden und haben sich von den Bewohnern Wohngeschichten erzählen lassen. Ein Zwischending zwischen Kunst und Dokfilm, ein Einblick in Wohn- und Lebensvorstellungen.

Am dritten Tag nach Chur. Dorothee Messmer müsste vor Neid erblassen, sähe sie die grosse Baustelle neben dem Altbau des Kunstmuseums. 20 Millionen Franken aus privater und 8 weitere Millionen von der öffentlichen Hand für moderne Ausstellungssäle ab 2016. Heiner Kielholz zeigt in der Villa stille Aquarelle und Ölbilder, Intérieurs seines Hauses im Puschlav, griechische Küstenlandschaften und Bilder von Wasserfällen. Im selben Haus Fotos von Giro Annen: Seit Jahren fotografiert er einen Wasserfall. Während zwei Stunden hat er ihn jede Minute fotografiert, die 120 Bilder laufen in einer langsamen Diaschau vorbei.

Plattenspieler selbst bedient

Zum Abschluss das Kunsthaus Glarus zur «Klöntal Triennale» in Glarus und Richisau. Im Untergeschoss das deutsche Künstlerkollektiv «Honey-Suckle Company» (oder war es der Walliser Thomas Julier?). Ausser der Dame an der Kasse kein Personal im Haus. Ob ich wüsste, wie man einen Plattenspieler bediene, fragt die Dame, junge Besucher wüssten das oft nicht mehr.

Im Klöntal Kunstwerke in freier Natur. Die Polin Maria Loboda hat am imposanten Sulzbachfall eine Klanginstallation eingerichtet. Auf einem Holzbänkchen sitzend kann man sich eine Ansprache auf Englisch anhören. Doch der Wasserfall ist laut und übertönt die Rede. Er hätte auch meiner Frau gefallen.

Maria Loboda: Audioinstallation vor dem Sulzbachfall im Klöntal. (Bild: Michael Guggenheimer)

Maria Loboda: Audioinstallation vor dem Sulzbachfall im Klöntal. (Bild: Michael Guggenheimer)

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