«Künstlerisch kann ich dieses Jahr schon jetzt abschreiben» - St.Galler Domorganist Willibald Guggenmos organisiert trotzdem Domorgelkonzerte

Die Domorgelkonzerte 2020 finden statt: Aber nur vier von acht, mit Schweizer Solisten, als Livestream aus der St.Galler Kathedrale.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Der St.Galler Domorganist Willibald Guggenmos führt die Domorgelkonzerte im Livestream ohne Publikum durch - das erste spielt er selbst.

Der St.Galler Domorganist Willibald Guggenmos führt die Domorgelkonzerte im Livestream ohne Publikum durch - das erste spielt er selbst.

Bild: Sabrina Stübi

«Trotzdem» prangt am Eingang der St.Galler Kathedrale in grossen Buchstaben auf dem leuchtend gelben Plakat für die 51. Internationalen Domorgelkonzerte. Nicht «Abgesagt», wie derzeit auf fast allen Veranstaltungsplakaten, die noch vor der Coronakrise in Druck gegangen sind.

Allerdings musste Domorganist Willibald Guggenmos, künstlerischer Leiter der Reihe, das Programm reduzieren. Statt wie geplant acht werden es nur vier Abende sein, die als Livestream ohne Publikum vor Ort aufgenommen und auch als Podcast gehört werden können. Aus den internationalen werden nationale Domorgelkonzerte: mit den Solisten Benjamin Guélat aus Solothurn, dem St.Galler Andreas Jud, Organist in Schaffhausen und Vinzent Thévenaz aus Genf.

Dabei hat Guggenmos nichts unversucht gelassen, um Einreisebewilligungen für seine Gäste aus dem Ausland zu erhalten. Doch beim Amt für Migration hiess es deutlich und klar, dass nur Personen mit lebensnotwendigen Berufen wie Ärzte berücksichtig würden, sagt der Domorganist, «und dazu könne man Musiker ja nicht zählen».

Ohne Kollekte, ohne Spendenaufruf

Er selbst wird am Samstag das Eröffnungskonzert spielen, mit Werken von Bach bis Petr Eben, darunter auch das beliebte «Carillon de Westminster» von Louis Vierne. Doch um die Auftritte seiner Kollegen aus Wien, München und Zagreb, aus San Sebastian, Freiburg im Breisgau und Stockholm tut es ihm leid. «Das sind alles tolle Leute; dass sie nicht kommen können, wir nicht vor Publikum spielen und eine Kollekte aufnehmen können wie sonst, reisst mir ein riesiges Loch in die Kasse.»

Dennoch wollte Guggenmos weder die Reihe als ganze in diesem Jahr absagen noch einen Spendenaufruf im Livestream einblenden. «Geld ist nicht alles», findet er.

Konzerte sind für Kirchenmusiker Bonbons neben dem täglichen Brot

Zu tun hat der Domorganist in diesen Wochen genug. Täglich wird in der Kathedrale ein Gottesdienst aufgezeichnet, auf der Website des Bistums live übertragen und gestreamt: Da gilt es, mit dem liturgischen Spiel die Gläubigen zu Hause über die Zeit hinwegzutrösten, in der sie nicht mitfeiern dürfen. Ihnen die Schönheit der Kathedrale als Resonanzraum musikalisch zu vermitteln.

Orgel in der Kathedrale St.Gallen: Hier werden Konzerte gespielt.

Orgel in der Kathedrale St.Gallen: Hier werden Konzerte gespielt.

Bild. Sabrina Stübi

Ohne unmittelbaren Kontakt zu ihren Zuhörerinnen und Zuhörern zu spielen, sind Organisten in der Regel gewohnt. Meist befindet sich der Spieltisch auf einer Empore, oft sitzen sie mit dem Rücken zum Publikum oder der Gemeinde. Auf Applaus kann Willibald Guggenmos gut verzichten. «Den gibt es in Gottesdiensten auch nicht», sagt er. Höchstens einmal am Ende, nach einem imposanten Postludium zum Auszug.

«Wir alle sind Kirchenmusiker», sagt der St.Galler Domorganist, «die Konzerte sind für uns Bonbons neben dem täglichen Brot.» Verzichten möchte er trotzdem nicht gern darauf. Mehr als zwanzig Konzerte im In- und Ausland sind ihm als gefragten Solisten bereits verloren gegangen durch die Coronaschutzmassnahmen. «Das schmerzt durchaus. Dieses Jahr kann ich künstlerisch abschreiben.» So findet er denn vier Livestream-Konzerte «besser als nichts» und freut sich darauf. Umso mehr, als die meisten Veranstalter ihre Konzerte absagen.

Erst mit Kopfhörern klingt es am Laptop richtig gut

Es könne auch interessant für das Publikum am Bildschirm sein, die Musiker einmal so nahe zu sehen und dabei auf Dinge achten zu können, die sich sonst, selbst im Chorraum der Kathedrale, dem Blick entzögen, meint Guggenmos. Er hört und schaut gern zu bei solchen Aufzeichnungen.

«Natürlich ist der klangliche Eindruck einer grossen Kirche kaum wiederzugeben. Dafür spielen andere Parameter eine Rolle.»
Willibald Guggenmos an der Grossen Domorgel: Mit 74 Registern und 6500 Pfeifen in der Höhe von fünf Millimetern bis zu zehn Metern gehört sie zu den grössten mechanischen Orgeln der Schweiz.

Willibald Guggenmos an der Grossen Domorgel: Mit 74 Registern und 6500 Pfeifen in der Höhe von fünf Millimetern bis zu zehn Metern gehört sie zu den grössten mechanischen Orgeln der Schweiz.

Bild: Sabrina Stübi

Guggenmos empfiehlt, die Livestream-Konzerte mit Kopfhörern zu geniessen. «Ohne klingt es nicht gut, da geht viel verloren, vor allem die Bässe.» Seine drei Schweizer Kollegen werden Programme spielen mit Musik vom Barock über die Romantik bis zur Gegenwart.

Besonders freut Guggenmos, dass mit Andreas Jud ein in St.Gallen aufgewachsener Musiker für den 16.Mai zugesagt hat. Die internationalen Gäste müssen bis 2021 warten – und dürfen dann hoffentlich in einer voll besetzten Kathedrale konzertieren.

Die St.Galler Domorgelkonzerte finden statt vom 2. bis 23.Mai, jeweils samstags 19.15 Uhr im Livestream sowie anschliessend als Podcasts unter bistumsg-live.ch