Kunstküche à la San Gallensis

Es war ein Risiko. Oder sagen wir, ein Risiköli mit der Gefahr, ins Küchenmesser zu laufen, oder nochmals anders gesagt, vor einem leeren Schulzimmer, einer geschlossenen Türe zu stehen.

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Der Leiter des Lehrgangs, Adrian Notz, im Gespräch mit Studierenden an der Höheren Fachschule für Bildende Kunst (Bild: Stefan Beusch)

Der Leiter des Lehrgangs, Adrian Notz, im Gespräch mit Studierenden an der Höheren Fachschule für Bildende Kunst (Bild: Stefan Beusch)

Es war ein Risiko. Oder sagen wir, ein Risiköli mit der Gefahr, ins Küchenmesser zu laufen, oder nochmals anders gesagt, vor einem leeren Schulzimmer, einer geschlossenen Türe zu stehen. Der Gwunder war der Antrieb für einen überraschenden Besuch gewesen, der Gluscht, darüber zu berichten, was denn so läuft in der Kunstküche, die in eben diesen Tagen ihre Ein-Jahr-Frischlinge durchgebrutzelt haben dürfte. Darf man das überhaupt, einfach so in die Abteilung eines kantonalen Bildungsinstituts, folglich in eine öffentliche Institution rein spazieren, oder darf man das nicht? Stört man den Rhythmus, verstösst man gegen die Regeln des Anstands?

Lieber ohne die Öffentlichkeit

Fragen, die man sich vorher alleine und im Schreiberkollektiv «hinderschi und vürschi» überlegt hatte und zum Schluss gekommen war, ja, man darf, man soll, man muss sogar. Denn nur auf diese Weise, wird, wenn überhaupt, ein ganz uninszenierter Einblick möglich sein. Zumal es vor und nach jeder Berichterstattung über dieses neuartige Projekt seitens der demutstrassigen Schulleitung massive Einwände hagelte, gewisse Fragen lieber nicht gestellt werden sollten. Der Leiter des Lehrgangs, Adrian Notz, war gemassregelt worden, weil er sich in einem Interview eine klitzekleine Kritik – nicht etwa am St. Galler Angebot, sondern, diese zum Vergleich anführend, an seinen ZHdK-Kollegen erlaubt hatte. Man forderte von der Schreibenden, jene vom Porträtierten genehmigten Aussagen umgehend aus dem Text zu streichen.

Solcherart ausgebremst machte sich der Verdacht wie von selber breit, es flirre eine Art Geheimnis um die neue Schule für Kunst, dem die Medien auf gar keinen Fall auf die Schliche kommen sollten. Keinesfalls!, beruhigt der oberste Chef der Gewerbeschule, Lukas Reichle, der sich nach dem aufgeflogenen «Eindringen» der Journalistin über dieses Vorgehen beschwert und wiederholt, was schon der Leiter der Schule für Gestaltung, Thomas Gehrig, immer wieder unterstreicht: Die Schule für Kunst bedürfe der Ruhe, des stillen und unangetasteten Anwachsens und des Wurzelschlagens. Wenn da Dinge, die nicht Wort für Wort von ihrer Seite abgesegnet würden, an die Öffentlichkeit drängten, sei dieser Vorgang höchst gefährdet. Wie jetzt? Alles schön köcheln lassen bis zur nächsten Medienkonferenz? Ein fades Süppchen gäbe das! Ein kleines Stücklein Kunstkuchen, oder wenigstens die Teigschüssel ausschlecken sollte der (mitzahlenden) Öffentlichkeit doch erlaubt sein.

Aber es gab nichts zu schlecken, denn in der Kunstküche wurde nicht gekocht. Vielmehr wurde geredet, und zwar ernsthaft und mit einem vermittelnden Mediator, der am Ende des Schuljahres nochmals die Geschicke der Studierenden unter die Lupe, die Entwicklung des Lehrgangs zu Protokoll nehmen sollte. Selbstredend war da kein Platz für eine Person, die mit der Absicht gekommen war, präzis darüber zu berichten. Sie wurde einstimmig des Raumes verwiesen, allerdings mit der äusserst höflichen Einladung, nach den Internas wieder zurückkehren zu dürfen.

Positive Bilanz

Voller Lob für den Lehrgang sind die Studierenden: Für den Lehrer an der Buebeflade, ein Phil 1er, ist die Weiterbildung ein auf ihn zugeschnittenes Angebot, «eine Riesenbereicherung». Zwei Frauen loben den frischen Umgang mit den neuen Medien, den massiven Input. Die teilweise zähen Diskussionen um die Frage, wie ein Fach vermittelt werde solle, stehe in keinem Verhältnis zu ihrer Begeisterung, sich dergestalt über Kunst und Inhalte ausbreiten zu dürfen, sich der Kritik und des Nachfragens ausgesetzt zu sehen. Und erfreulicherweise, so Adrian Notz, nach anfänglich vielen Fragen plötzlich auch Ausrufezeichen gesetzt würden. Da und dort seien in Zukunft Anpassungen unumgänglich; das Bewirtschaften der Küche (hiefür war eine moderne Grosskücke in den Raum eingebaut worden) funktioniere nicht wie geplant. Im kommenden Jahr werde deshalb Kunst und Küche von einer deutschen Künstlerin vermittelt, die Erfahrung mitbringe von ihrem eigenen Projekt mit dem Titel «Kunst und Restaurant». Auch der älteste Teilnehmer, ein Pensionär, findet nur lobende Worte für den Lehrgang. Es sei begrüssenswert, dass sich die Schule für Gestaltung auf dieses immerhin schweizweit einzigartige Experiment eingelassen habe.

Brigitte Schmid-Gugler