Der Kunsthandel steckt in einer tiefen Krise – aber «the show must go on»

Fast 200 Millionen Dollar setzt Sotheby’s in einer einzigen Online-Auktion um. Das klingt nach viel. Aber nur auf den ersten Blick.

Sabine Altorfer
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Ein Auktionator tanzt vor Bildschirmen und dirigiert Kollegen und Kolleginnen mit Bietern aus 47 Ländern am Telefon.

Ein Auktionator tanzt vor Bildschirmen und dirigiert Kollegen und Kolleginnen mit Bietern aus 47 Ländern am Telefon.

Bild: Sothebys

Im Halbstundentakt beliefert das Auktionshaus meine Mailbox. Anlass: die Online-Auktion «Von Rembrandt bis Richter». Ein Experiment, eine Show. Das Ziel: mich wie 150000 andere an diesem Dienstagabend zu animieren, mich einzuschalten, dem Auktionator zuzuschauen, der gestenreich vor den Bildschirmen und einigen wenigen realen Menschen in London tanzte. Er koordinierte Kolleginnen und Kollegen in New York, Hongkong und London, die am Telefon mit Bietern aus 47 Ländern verbunden waren.

Schon bei Los 9 wurde die Bieterei an fünf Telefonen um eine Skulptur von Barbara Hepworth von 1956 so richtig spannend. Mit 1,275 Millionen Pfund wurde der Schätzpreis (350000 Pfund) pulverisiert.

Die Skulptur von Barbara Hepworth ging für 1,275 Millionen Pfund.

Die Skulptur von Barbara Hepworth ging für 1,275 Millionen Pfund.

Sotheby's

Das sorgte für Stimmung. Zusätzlich angeheizt durch die Tatsache, dass Sotheby’s prestigeträchtige Werke aus 500 Jahren Kunstgeschichte erstmals in einem einzigen Sale anbot – statt über Tage in Kategorien-Auktionen.

Es klingt nach Superlativ ist aber eine Verzweiflungstat

Um 22 Uhr war die Show beendet und die Verkaufsliste mit euphorischen Kommentaren aufgeschaltet. Rund 150 Millionen Pfund (193 Mio. Dollar) hatte Sotheby’s eingenommen, 62 der 65 Lose verkauft, fünf davon für über 10 Millionen Dollar. Spitzenreiter war Joan Miró, (Femme au chapeau rouge) für 28,7 Mio. Dollar, gefolgt von Rembrandts Selbstporträt für 18,7 Mio. Dollar.

Das teuerste Bild des Abends: Joan Miró, Femme au chapeau rouge, war einem Käufer 28,7 Mio. Dollar wert.

Das teuerste Bild des Abends: Joan Miró, Femme au chapeau rouge, war einem Käufer 28,7 Mio. Dollar wert.

Sotheby's
Klein aber teuer: Rembrandts Selbstporträt löste 18,7 Mio. Dollar.

Klein aber teuer: Rembrandts Selbstporträt löste 18,7 Mio. Dollar.

Sotheby's

Das klingt nach Superlativen, nach Erfolg. Aber eigentlich ist es eine Verzweiflungstat. Denn die Auktionshäuser und generell der Kunsthandel stecken tief in der Krise. 2019 schon waren die Umsätze nach unten gerutscht. Als Illustration die Zahlen der beiden Grössten: Bei Sotheby’s fiel der Umsatz von 5,3 (2018) auf 4,8 Milliarden Umsatz 2019, bei Christie’s von 7 auf 5 Milliarden. Und diesen Frühling nun stürzte die Coronakrise die Kunstwelt in die wirtschaftliche Hölle.

Die Frühlingsaktionen waren vorbereitet und liessen sich noch knapp über die Bühne bringen, aber die Sommerauktionen schienen verloren. Kam dazu, dass weltweit alle Messen – mit wenigen kleinen Ausnahmen – nicht stattfinden: die Art Basel Hongkong im März wurde kurzfristig gestrichen, später die Hauptausgabe in Basel von Juni auf September verschoben, dann abgesagt und behelfsmässig mit Online Viewing Rooms mehr schlecht als recht ersetzt.

Online als Rettungsanker, als Haupteinnahmequelle? Daran glaubte niemand. Noch 2019 galt grundsätzlich das Verdikt: Reine Online-Auktionen, bei denen man über zehn Tage Gebote auf im Internet Angebotenes abgeben kann, eignen sich nur für Schnäppchen, aber nicht für Spitzenwerke.

Für Spitzenpreise braucht es das Live-Gefecht

Über eine Million gehe auf diesem Weg gar nichts, hiess es. Ob international oder in der Schweiz. Man sehe sich nur mal die Trennung beim Zürcher Auktionshaus Koller an. Denn um bei den Spitzenwerken Spitzenpreise zu erzielen, braucht es Bietergefechte. Den Live-Wettkampf, das Kauffieber, den Siegeswillen. Das passiert seit Jahren auch via Telefon und ist in Live-Streams verfolgbar. Aber es muss Stimmung herrschen, angeheizt von Show-Talenten auf dem Bock, die mit Sprüchen, Kunstpausen und einem Erheben des Hammers sowie unterstützt von Rufen aus dem Publikum, die Kaufwilligen zu höheren Geboten anstacheln.

Mit seinem globalen «One: A Global Sale of the 20th Century», landete Christie’s kürzlich einen ersten, wirklichen Online-Erfolg. Vier Auktionatoren waren in Hongkong, Paris, London und New York gleichzeitig in Aktion und sorgten gemeinsam für die action. Nach knapp vier Stunden waren 420,94 Millionen Dollar zusammen. Eine kurze Zusammenfassung gibts in diesem Video:

Möglich war das – wie jetzt bei Sotheby’s nur – dank intensiven Vorarbeiten. Für rund die Hälfte der Werke, so schätzen Analysten, hatten die lokalen Angestellten Garantie-Abmachungen mit Sammlern ausgemacht. In der Schweiz ist dies vor allem Caroline Lang. Ohne solche Garantien würden viele Verkäufer ihre Werke einem solchen Experiment nie aussetzen. Was wie ein abgekartetes Spiel klingt, wurde übrigens nicht speziell für Corona erfunden, es gehört seit Jahren zum Deal hinter dem Deal.

Führende Angestellte von Sotheby's betreuen die Telefonbieter. Vorne rechts: Caroline Lang, Chefin von Sotheby's Schweiz.

Führende Angestellte von Sotheby's betreuen die Telefonbieter. Vorne rechts: Caroline Lang, Chefin von Sotheby's Schweiz.

Sotheby's

Man soll sich aber von den Zahlen nicht blenden lassen - weder bei «Von Rembrandt bis Richter» noch beim «One Sale» – sie erreichen bei weitem nicht die Umsatzzahlen der früheren Auktionswochen. Aber immerhin, sie zeigen: Das Vertrauen in Online-Sales ist grösser geworden, selbst Blue Chips lassen sich so handeln – falls die Show, die Organisation und die Vorarbeiten stimmen.

Der Dreiklang Galerie-Museum-Auktion ist gestört

Diese Zuversicht hätten andere Teile des Kunsthandels wohl auch gern. Denn für Galerien und teils auch für Museen sieht es noch düsterer aus. Vorgestern gab Pace als letzte der grossen New Yorker Galerien einen massiven Stellenabbau bekannt. Das ist umso Besorgnis erregender, galten nach dem Massensterben der kleineren und mittleren Galerien in den letzten drei Jahren, die global tätigen Mega-Galerien als die grossen Gewinner und die Säulen des Marktes.

Der difficile austarierte Dreiklang des globalen Kunsthandels Galerien-Museen-Auktionen ist durch die Coronakrise grundlegend gestört und in Frage gestellt. In den USA machen nicht nur Galerien endgültig dicht, sondern auch viele Museen. Als Folge haben sie den grössten Teil ihres Personals entlassen.

Das Leiden in der Schweiz

Auch in der Schweiz leiden die Galerien und die Museen. Sie sind zwar offen, aber mit deutlich weniger Publikum – und drastisch weniger Einnahmen. 30 000 Franken an Eintrittsgeldern entgingen etwa dem Kunsthaus Zürich während der Coronazeit täglich, als die Blockbuster-Ausstellung mit Olafur Eliasson geschlossen werden musste. Bei Beyeler in Basel läuft Edward Hopper zwar erfolgreich weiter. Doch auch hier fehlen täglich Zehntausende Franken Eintritte, und die Verlängerung bis zum 20. September kostet zusätzlich für Versicherungen und Betrieb. Immerhin, so sagen die meisten Museen hierzulande, man könne sich mit Kurzarbeit und dank öffentlicher Subventionen über die Zeit helfen.

Vor den Schlussabrechnungen 2020 bangt aber vielen. Werden die Messen überhaupt je wieder mit Zehntausenden Besucherinnen und Besuchern stattfinden? Wie viele Galerien werden aufgeben müssen? Wie viele Künstlerinnen und Künstler ihre Vermarktungsbasis verlieren? Darüber sprechen Händler lieber nicht. Sie sind die Optimisten vom Dienst, sie feiern die kleine Höhenflüge wie «Von Rembrandt bis Richter» – alles andere würde de Stimmung und die Show verderben.