Kunsthalle Arbon: Riesige Moos-Hecke lädt zu Meditationen über Malerei 

In der Kunsthalle Arbon inspirieren die Werke von Daniel Karrer dazu, Kunst zu denken – und zu erleben. Einen Monalt lang bespielt der Basler Künslter die Kunsthalle mit «Shrubbery». An der Vernissage legt die Kuratorin mit der Sprühflasche letzte Hand an.

Brigitte Elsner-Heller
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Die Arboner Kuratorin besprüht Daniel Karrers «Hecke». (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Die Arboner Kuratorin besprüht Daniel Karrers «Hecke». (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Ein ungewöhnliches Bild für die Vernissage-Besucher: Kuratorin Deborah Keller widmet sich mit einer Sprühflasche dem zentralen Kunstwerk – erfrischend, auch und vor allem für die Kunst. Immerhin handelt es sich hier um ein etwa 20 Meter langes mauerartiges Gebilde, das als «Hecke» angesprochen wird.

Der Basler Künstler Daniel Karrer, der die Kunsthalle Arbon einen Monat lang mit «Shrubbery» bespielt, hat Holzquader mit Moos-Matten bezogen und daraus diese Hecke entstehen lassen. Wobei «shrubbery» eigentlich soviel wie Gebüsch heisst und damit weniger Ordnung suggeriert. Erst das Barockzeitalter erlegte natürlichen Wuchsformen diese Ordnung auf.

Neben der «Hecke» kommt der Boden in den Blick, der die Zeit in seiner Oberfläche gespeichert zu haben scheint. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Neben der «Hecke» kommt der Boden in den Blick, der die Zeit in seiner Oberfläche gespeichert zu haben scheint. (Bild: Brigitte Elsner-Heller)

Die zweite Überraschung bei der Vernissage ist die Tatsache, dass Daniel Karrer als Maler angesprochen wird. Nur einige kleinformatige Arbeiten, Hinterglasmalereien, bedienen jedoch dieses Attribut direkt. Sie wirken wie an der Wand angebrachte Markierungen in ihrem tiefen, kühl-blauen Grundton, der an Yves Klein denken lässt.

Die alte Fabrikhalle ist jetzt mehr als nur Rahmen für Kunst

Schliesslich ist es die ehemalige Fabrikhalle, die auf einmal ins Werk eingeht und mehr als nur Rahmen für eine installative Arbeit ist oder Klangraum für die Töne, die zu vernehmen sind. Dadurch, dass die sich längs durch die Halle ziehende «Hecke» nicht ganz parallel zu den Längswänden steht, tritt die Linienführung des alten Industriegebäudes in den Blick, ebenso wie der Boden, der Zeit in seiner Oberfläche gespeichert hat und sich von der ebenmässigen (und gut gewässerten) Moos-Schicht abhebt.

Daniel Karrer (Bild: Brigitte Elsner Heller)

Daniel Karrer (Bild: Brigitte Elsner Heller)

Was ist hier eigentlich geschehen? Interpretationshilfen – sofern man sich nicht einfach Assoziationen hingeben mochte – bot Deborah Keller in ihrer Einführung. «Daniel Karrer ist eigentlich ein Vollblutmaler», setzt auch sie an, um dann über die abstrakte Hinterglasmalerei, die für Arbon entstanden ist und absichtlich kleinformatig gehalten wurde, darauf einzugehen, dass die Schichtung das Charakteristikum ist, das Objekt, Malerei und Soundcollage eint. Das Geflecht zwischen Natur und Kultur oder «Künstlichkeit» sei für Daniel Karrer Ausgangspunkt seiner Betrachtungen.

Der Künstler wirkt so zugewandt wie seine Kunst

Das lädt ein, weiter über die Malerei an sich nachzudenken, deren Funktion sich geändert hat wie auch die Interferenz mit anderen Medien. Karrer findet seine «Motive» als vorgegebene Bildschnipsel auch im Internet, arbeitet digital, um dann zu Farbe und Pinsel zu greifen und in Schichten zu arbeiten (bei der Hinterglasmalerei muss dieser «mechanische» Vorgang rückwärts gedacht werden).

Daniel Karrer hat seine abstrakte Hinterglasmalerei für die Kunsthalle Arbon absichtlich klein gehalten. (Bild: PD)

Daniel Karrer hat seine abstrakte Hinterglasmalerei für die Kunsthalle Arbon absichtlich klein gehalten. (Bild: PD)

Die Hecke als Motiv ist nun in Arbon – quasi auch in einem umgekehrten Vorgang – aus dem Bild wieder in die «Realität» hinein gewachsen, in diesen Raum, der noch einmal verdeutlicht, dass Malerei ursprünglich Abbilder schaffen sollte. Wobei der Maler immer einen Ausschnitt wählt und damit seine momentane Realität – oder eine intendierte – mit «abbildet». Was ist also virtuell, was real?

Daniel Karrer, der so sympathisch aufgeräumt und zugewandt wirkt wie seine Kunst sich präsentiert, formuliert es in aller Kürze so:

«Es ist sehr meditativ, wenn man hier allein ist.»

Daniel Karrer: «Shrubbery», bis 22.9.; kunsthallearbon.ch

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Kristin Schmidt