Kunstbücher: Schnittmuster von Körpern und Textilien als Erinnerungsspeicher

Die Ausstellungskataloge von Ed Atkins und Nesa Gschwend zeigen zwei Künstler, die sich im Kern mit dem Menschen beschäftigen.

Christina Genova
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Thomas D. Trummer (Hg): Ed Atkins. Buchhandlung Walther König, 576 S., Fr. 35.–

Thomas D. Trummer (Hg): Ed Atkins. Buchhandlung Walther König,
576 S.,
Fr. 35.–

Ed Atkins versteht es wie nur wenige Künstler seiner Zeit, das Gefühl der Verlorenheit in der digitalisierten Welt zum Ausdruck zu bringen. Seine melancholischen Videoinstallationen waren vor einem Jahr im Kunsthaus Bregenz zu sehen. Nun wird das Buch zur Ausstellung nachgereicht. Die Publikation im Bibelformat besteht fast zur Hälfte aus Bildern. Im ersten Teil hat Atkins eine teilweise verstörende Sammlung von Fotografien zusammengestellt, die auch auf den Billboards des Kunsthauses zu sehen waren. Darunter sind Schnittmuster von Körpern, Grossaufnahmen von Pupillen, Blumen und Innereien. Installationsansichten der Ausstellung im Kunsthaus ­Bregenz ergänzen den Bildteil.

Im Textteil finden sich Essays der Autoren Thomas Oberender, Steven Zultanski und der Turner-Prize-Trägerin Helen Marten. Sie beleuchten unterschiedliche Aspekte wie Schrift und Skript, Geräusche und Musik im Schaffen des Künstlers. Die ablösbare Folie auf dem Cover zitiert dessen digitale Bildwelten. Das Gespräch zwischen Thomas D. Trummer, dem Direktor des Kunsthauses, und Ed Atkins, das den Katalog abschliesst, ist leider etwas abgehoben.

Textilien als Erinnerungsspeicher

Nesa Gschwend: Memories of Textiles. Scheidegger & Spiess, 144 S., Fr. 35.–

Nesa Gschwend: Memories of Textiles.
Scheidegger & Spiess, 144 S.,
Fr. 35.–

Das Buch zur Überblicksausstellung von Nesa Gschwend in der Kunsthalle Ziegelhütte kommt im Gegensatz zu jenem von Ed Atkins noch rechtzeitig vor dem Ende der Schau in der Kunsthalle Ziegelhütte, die noch bis Ende März zu sehen ist. Die in Altstätten aufgewachsene Künstlerin lebt mittlerweile im Kanton Aargau und arbeitet mit textilen Techniken wie Sticken oder Knüpfen. Im Vorwort schreibt Roland Scotti, der Kurator der Kunsthalle, dass Zuschreibungen wie «Textilkunst», Frauenkunst» oder performative Kunst» für die «Totalkünstlerin» Nesa Gschwend ein viel zu enges Korsett darstellten.

Im reich bebilderten Katalog sind neben Ausstellungsansichten auch Bilder von Gschwends partizipativen Performances zu sehen. Dabei verarbeitet die Künstlerin mit Menschen aus aller Welt – von Georgien über Indien bis in die Schweiz – Textilien, die für sie eine persönliche Bedeutung haben. Diese «Living Fabrics» werden zum Grundmaterial für Nesa Gschwends Kunstwerke: «Geburt, Liebe, Gemeinschaft, Freude, auch Schmerz, Krankheit, Tod, Trauer sind in diesen Stoffen gespeichert», wird die Künstlerin von Scotti in seinem Essay «Einatmen und Ausatmen» zitiert.

In ihrem Werkzyklus «Relations» konzentriert sich Gschwend auf die eigene Herkunftsfamilie. Sie verarbeitet Textilien aus ihrem Geburtshaus, die eigentlich für das Brockenhaus bestimmt waren. Die Textilien seien Erinnerungsspeicher einer Familiengeschichte schreibt Stefania Pitscheider ­Soraperra im zweiten, im Katalog enthaltenen Essay: «Nesa Gschwend entsorgt nichts, alles muss verarbeitet und transformiert werden, auch in einem metaphorischen Sinn.»

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Christina Genova