KUNSTAUSSTELLUNG: Vogelgezwitscher und rosa Porträts

Die Galerie Widmertheodoridis in Eschlikon widmet den zwei Ostschweizer Künstlern Alex Hanimann und Felix Baudenbacher je eine Einzelausstellung.

Lucia Angela Cavegn
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Ausschnitt aus Felix Baudenbachers «Fifteen Pigs» in der Galerie Widmertheodoridis. (Bilder: Donato Caspari)

Ausschnitt aus Felix Baudenbachers «Fifteen Pigs» in der Galerie Widmertheodoridis. (Bilder: Donato Caspari)

Lucia Angela Cavegn

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Die Fallackerstrasse in Eschlikon wird zurzeit von einer Grossbaustelle dominiert. Vom Baggerlärm und den Lastwagen sollte man sich nicht abschrecken lassen, denn die Galerie Widmer­theodoridis wartet mit zwei spannenden Solo-Shows auf. Wer durch die Eingangstür des modernen Kubus tritt wird mit Vogelgezwitscher begrüsst. Das mag erstaunen, doch Kenner wissen, dass Alex Hanimann (er lebt und arbeitet in St. Gallen und Zürich) seit längerer Zeit mit Zoo- und Haustieren «arbeitet». Unter dem Titel «Birdwatching» zeigte er 2003/04 im Musée d’art moderne et contemporain (mamco) und in der Kunsthalle St. Gallen eine «tierische Versuchsanordnung».

In Eschlikon knüpft der Künstler an seine früheren Recherchen an und präsentiert drei Vogelkäfige als Guckkasten und Modellsituationen. Zwei davon beherbergen je ein Kanarienvogelpaar, wobei das eine Exemplar ein gelbes, das andere ein geflecktes Gefieder besitzt. Im dritten Käfig sind zwei Pärchen untergebracht. Anstatt wie früher die Rückwände der Käfige blau oder rot auszukleiden, hat sich Hanimann entschieden, in die Käfige Spiegel einzubauen: Einmal an der Rückwand, einmal an den beiden Seitenwänden und einmal als beidseits verspiegelter Raumteiler in der Mitte.

Das Verhältnis zum eigenen Spiegelbild

Mit den Spiegeln erweitert er die dreiteilige Versuchsanordnung um eine weitere Dimension. «Behind the Mirror» lautet der Titel. Es geht nicht mehr nur darum, das Verhalten der Vögel in verschiedenen Konstellationen zu beobachten, sondern es stellt sich die Frage, ob sich die Vögel selbst im Spiegel betrachten und erkennen – ob sie also nur die Oberfläche oder auch dahinter sehen. Das Verhältnis zum eigenen Spiegelbild ist auch Thema des mehrdeutigen Textbildes «Are We». Neben der visuellen Kommunikation, Körpersprache miteinschliessend, ist das Akustische äusserst präsent. So reagieren die quietschlebendigen Kanarienvögel zwischendurch auf das laute Gepiepse einer älteren Videoinstallation, «Designated preacher of bad religion» (2004).

Im Obergeschoss hingegen herrscht Ruhe. Hier hängen vier grossformatige, als «Bird Life» (2017) bezeichnete Fotomontagen, die aus einer Vielzahl von rasterförmig angeordneten Digitalprints bestehen. Die Aufnahmen wirken im Zusammenspiel wie ein rhythmisch organisiertes Muster, und aus der Distanz gesehen gerinnen die Kanarienvögel zu Chiffren. Man fühlt sich an eine Zeichenschrift oder gar eine musikalische Partitur erinnert.

Persönlich geprägte Porträtgalerie

Die beiden Gebäude, in denen die Galerieräume untergebracht sind, könnten unterschiedlicher nicht sein. So befindet sich Felix Baudenbachers Solo-Show einen Steinwurf vom modernen Kubus entfernt in einer ausgedienten Scheune. Seine Installation «Fifteen Pigs» ist nicht nur eine humorvolle Antwort auf den Ausstellungsort, sondern erweist seinen Grosseltern die Reverenz, die in den 50er- und 60er-Jahren im Thurgau eine Schweinemästerei betrieben. Baudenbacher, 1977 geboren, lebt und arbeitet in London, wo er seine künstlerische Ausbildung am Central Saint Martins College of Art & Design absolviert hat. Seine Mutter Regula Baudenbacher (1942–2016) war ebenfalls eine anerkannte Künstlerin.

«Fifteen Pigs» umfasst 88 gleich grosse, bemalte Gipstafeln und zwei Lichtprojektionen, die dasselbe Hochformat wie die Bildobjekte aufweisen. Jede Tafel verkörpert ein Porträt einer Person aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis des Künstlers. Auch Personen, die erst kürzlich in sein Leben getreten sind, hat Baudenbacher frei interpretiert. Die beiden Lichttafeln sind seinen Thurgauer Grosseltern gewidmet. Die übrigen Porträts sind zwar alle rosafarben gehalten, doch unterscheiden sie sich zum Teil erheblich in der Ausführung. Angewandt wurden nicht nur traditionelle Techniken wie Acryl, Gouache und Bleistift, sondern auch Nagellack, Leuchtstift, Holzleim und sogar Luftpolsterfolie.

Die persönlich geprägte Arbeit schreibt die Tradition der Freundschaftsgalerie auf unkonventionelle Weise fort. Sie erstreckt sich – in grössere und kleinere Gruppen unterteilt – über Tenn, Heuboden und Kuhstall (Futtertrog und Tränke sind noch vorhanden) und füllt den Raum wieder mit Leben.

Bis 7. 10. Galerie Widmertheodoridis, Eschlikon. Langes Wochenende: 23./24.9.: Sa 11–21, So 11–16 Uhr