Kunst zum Überleben

Ausstellung Das St. Galler Museum im Lagerhaus gilt als Schweizer Kompetenzzentrum für Naive Kunst und Art Brut. In der aktuellen Ausstellung «Schätze der Sammlung» präsentiert es Neuzugänge der letzten drei Jahre. Christina Genova

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Legende mag (Bild: Ralph Ribi)

Legende mag (Bild: Ralph Ribi)

«Füüür mich keine drohunggeenn mehr» schreibt Vreni Müller mit Nachdruck gleich zweimal in ungelenker Schnürlischrift auf das weisse Blatt. Sie hat einen kleinen Sieg errungen über die Stimmen in ihrem Kopf. Für einmal ist das Blatt nicht bis an den äussersten Rand mit Buchstaben und Zahlen gefüllt, für einmal hat sie den horror vacui, die Abscheu vor der Leere, überwunden und das Vakuum ausgehalten.

Zahlreiche Schenkungen

Stolz führt Monika Jagfeld, die Leiterin des Museums im Lagerhaus, durch die Ausstellung mit den neuen Schätzen der Sammlung. In den letzten drei Jahren sind über 1400 neue Arbeiten aufgenommen worden, dazu gehören auch die Blätter mit den Schriftbildern Vreni Müllers. Die 1959 geborene Künstlerin erkrankte als junge Frau an Schizophrenie und lebt heute im Wohnheim Krombach bei Herisau. 2008 wurde sie mit dem Trogner Kunstpreis ausgezeichnet.

Begeistert erzählt Monika Jagfeld von den vielen Schenkungen, ohne welche ihr Museum nicht überleben könnte. Es ist ein Geben und ein Nehmen – die Künstler schenken gerne, denn sie wissen, dass ihre Werke damit einen würdigen Aufbewahrungsort erhalten. Das Museum im Lagerhaus und die Stiftung für schweizerische Naive Kunst und Art Brut haben den Auftrag, die Werke und damit die Weltsicht jener Künstler zu bewahren, die fern des etablierten Kunstbetriebs aus einer existenziellen Notwendigkeit heraus künstlerisch tätig sind. Naive Kunst, Art Brut oder Outsider Art sind die letztlich unzulänglichen Begrifflichkeiten, welche eine Kunst umschreiben, die von Menschen stammt, die psychische oder gesellschaftliche Grenzerfahrungen erlebt haben oder geistig behindert sind.

Die Vielfalt der ausgestellten Arbeiten ist gross, bekannte Namen wie jener Adolf Dietrichs, dessen «Blaumeise vor Seelandschaft» unter den Neuzugängen eine besonderen Rang einnimmt, reihen sich neben jene noch unbekannter Künstler. Erstmals ausgestellt sind unter anderem die Gouachen Alois Oehlers. Man weiss nur wenig über das Leben des 2010 verstorbenen Rheintalers, der seine Werke mit «Gefangener Alois Oehler» signiert hat. Eine tiefe Frömmigkeit spricht aus seinen Bildern, denen wohl so manches Heiligenbildchen als Vorlage diente.

Innerer Ausdruck

Unter den vielen kleinformatigen Werken ragt ein grossformatiges Werk der Westschweizerin Christine Sefolosha heraus, die zu den Vertreterinnen der Outsider Art von internationalem Rang zählt. Schattenwesen und vielköpfige Höllenhunde tummeln sich auf «Les Cerbères», einem der Hauptwerke der Autodidaktin. 22 000 Franken musste man für dessen Ankauf aufwenden, was nur dank der Unterstützung durch die Marie-Müller-Guarneri-Stiftung möglich war.

Nie haben all diese Künstler vorgehabt, ihre Werke einst im Museum auszustellen. Kunst zu schaffen, bedeutete und bedeutet für sie zu überleben. Sie können nicht anders, sie müssen ihrem Innersten Ausdruck verleihen. Man spürt keine Absicht und ist bewegt. Bewegt von der Wucht an Gefühlen, die in diesen Kunstwerken ungefiltert und unmittelbar zum Ausdruck kommt.

Die Ausstellung «Schätze der Sammlung» ist bis 13. November 2011 im Museum im Lagerhaus, Davidstrasse 44, 9000 St. Gallen, zu sehen. Weitere Informationen auf der Homepage: www.museumimlagerhaus.ch

Vreni Müller wurde 2008 mit dem Trogener Kunstpreis ausgezeichnet. (Bild: Ralph Ribi)

Vreni Müller wurde 2008 mit dem Trogener Kunstpreis ausgezeichnet. (Bild: Ralph Ribi)

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