KUNST: Vogeldreck und Pfotenspuren

Fredrik Værslev nimmt sich selbst nicht allzu wichtig und überlässt seine Werke gerne dem Zufall. In der Kunsthalle St. Gallen zeigt der Norweger zwei eigenwillige Werkserien, die sich mit den Konventionen der Malerei auseinandersetzen.

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Fredrik Værslev malt seine Werke auf dem Boden. (Bild: Urs Bucher)

Fredrik Værslev malt seine Werke auf dem Boden. (Bild: Urs Bucher)

Fredrik Værslev hängt seine Bilder gerne in Bäume und wartet ab. Eine Serie von Gemälden setzte der Norweger während eines ganzen Jahres der Witterung aus, bis die Leinwand mit Schimmel überzogen war. So weit ging er bei den beiden Werkserien, die aktuell in der Kunsthalle St. Gallen zu sehen sind, nicht. Doch Öl, das von der Decke seines Ateliers tropft, die Pfotenabdrücke seines Hundes oder Vogeldreck sind auf seinen Werken nicht etwa ein Makel, sondern hochwillkommen.

Während des Rundgangs durch seine St. Galler Einzelausstellung zeigt er immer wieder auf entsprechende Spuren. Es interessiere ihn, äussere Einflüsse in seine Arbeiten einzubringen, auch den Zufall: «Ich sehe es als Möglichkeit, Dinge zu lernen, die ich selbst nicht kann», sagt Værslev. Damit relativiert er bewusst die eigene Bedeutung für die Entstehung eines Werks: «Mich in­teressieren meine Grenzen als Künstler und als Maler», sagt er.

Bratwürste und Anker

Wichtig ist für Værslev auch sein Freund und Assistent Per Christian Brath, der ausgebildeter Schneider ist. Dessen handwerkliches Fachwissen war entscheidend bei der Herstellung der «Sail Paintings», deren Form an Schiffsegel erinnert. Die grossformatigen doppelseitigen Gemälde sind an die Decke der Halle gehängt und unterteilen den Raum. Es sind eigentliche Nähbilder – die bearbeiteten Leinwände wurden patchworkartig zusammengenäht. Sie sehen aus, als seien sie wiederverwertet worden: Sie sind «imprägniert» vom Arbeitsort des Künstlers, der sich in der alten Fabrikhalle befindet. Auf den «Segeln» sind vielfältige Referenzen auf den Künstler und seine Lebenswelt zu entdecken: Værslevs Nach­namen, seine Initialen, sein Geburtsjahr, maritime Symbole wie den Anker oder die Bratwurst – das Logo der Kunsthalle. Der Künstler spielt mit diesen Elementen, verwandelt sie in Ornamente oder «malt» mit ihnen. Die gebrochenen Farben und die Gebrauchsspuren strahlen etwas Nostalgisches aus: «Diese Ästhetik ist mir sehr nahe. Ich bin in einem kleinen Dorf am Meer aufgewachsen», sagt Værslev.

Im Kern sind die Arbeiten Værslevs eine Auseinander­setzung mit den Grenzen und Möglichkeiten Malerei. Im klas­sischen Sinne «gemalt» ist auf diesen Leinwänden gar nichts. Zahlen und Zeichen sind im Siebdruckverfahren aufgetragen. Streifenmuster hat der Künstler abgeklebt und mit dem Farbroller ausgeführt, auch Sprayfarbe verwendet er gerne.

Værslev bricht mit den Konventionen der Malerei und relativiert sie. In diesem Zusammenhang ist auch die zweite Werkgruppe, die «Garden Paintings», zu sehen. Diese bestehen aus glänzend lackierten Holzlatten, die auf Metallgestelle montiert sind. Sie tragen Gebrauchsspuren wie Farbspritzer, denn der Künstler verwendete sie im Atelier. An manchen Stellen hat die Sonne das Holz nachdunkeln lassen und «Tan Lines» – Bräunungsspuren – hinterlassen. So lautet auch der Titel der Ausstellung.

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Bis 14.1. Morgen, 12 Uhr, Kunst über Mittag: Führung mit Mittagessen.